1. Königliche Privilegien
Die Manufacture royale de porcelaine de Sèvres (heute Manufacture nationale de Sèvres) hatte ihren Standort nicht immer in Sèvres. Ursprünglich befand sie sich im östlich von Paris gelegenen Château de Vincennes und hieß entsprechend Manufacture de Vincennes. Es war eine private Gründung durch den ehemaligen Direktor der französischen Ostindien-Kompanie Jean-Louis Henri Orry de Fulvy, der sowohl seinen Halbbruder Philibert Orry, seines Zeichens Generalkontrolleur der Finanzen und Generaldirektor der königlichen Bauten, als auch einige Keramiker der Manufaktur Chantilly mit ins Boot holte. Wie es auch bei den anderen Manufakturen Frankreichs der Fall war, wollte man in Vincennes mit den begehrten Produkten aus dem sächsischen Meißen in Konkurrenz treten. Dazu fehlte jedoch eine entscheidende Zutat: Kaolin, das zur Herstellung von Hartporzellan vonnöten war (ein entsprechendes Vorkommen wurde 1768 bei Limoges entdeckt). So musste man sich (zunächst) mit Weichporzellan begnügen, machte aber das beste daraus.
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1745 wurde das Projekt durch ein königliches Privileg, das Vincennes erlaubte, als einzige Manufaktur in Frankreich Porzellan im sächsischen Stil inklusive Vergoldungen herstellen zu dürfen, von oberster Stelle abgesegnet. Das königliche Engagement für die Manufaktur nahm in den folgenden Jahren noch stark zu, vor allem aufgrund des großen Interesses, das Madame de Pompadour, die offizielle Mätresse König Ludwigs XV., zeigte. Als die Brüder Orry de Fulvy 1750 bzw. 1751 starben, geriet die Manufaktur in einen finanziellen Engpass. Ludwig XV. sprang ein und übernahm den Betrieb, der sich nun „königlich“ nennen durfte. 1756 veranlasste Madame de Pompadour schließlich, dass die Manufaktur von Vincennes in das westlich von Paris und damit näher an Versailles und ihrem eigenen Schlösschen Bellevue gelegene Sèvres umzog, wo sie sich auch heute noch befindet.
2. Die Chemie stimmt
Ab 1751 arbeitete der Chemiker Jean Hellot für die Manufaktur, der zuvor Generalinspektor der Färbereien Frankreichs gewesen war und sich mit der Kreation neuer Farben bestens auskannte. Für Vincennes bzw. Sèvres schuf er die auffälligen Grundfarben (fonds), die das Aussehen der Waren der Manufaktur im 18. Jahrhundert prägten: 1751 bleu (en) lapis auf der Basis von Kobalt, dessen dunkler, unregelmäßiger Farbton einen Stich ins Violette aufweist, sowie der tiefgelbe fond jaune, dem vier Jahre später mit dem jaune jonquille eine hellere Nuance folgte. 1753 wurde bleu céleste aus der Taufe gehoben sowie 1757 fond verte auf Kupferoxidbasis, das als Hommage an das Grün der Manufaktur in Meißen auch fond verte de Saxe genannt wurde. Ebenfalls 1757 betrat der fond rose die Bühne, der auch unter dem Namen rosé Pompadour bekannt ist. Angeblich wurde er bereits zu deren Lebzeiten nach der Marquise benannt, andere Quellen nennen das 19. Jahrhundert.
3. Das Blaue vom Himmel
Bleu céleste war eine besonders aufwändig und teuer herzustellende Farbe auf der Basis von Kupfer und Kobalt. Erstmals verwendet wurde dieses „Himmelblau“ für ein Service, das Ludwig XV. 1751 für den Privatgebrauch bestellte. Es war das bislang umfangreichste Service, das die Manufaktur bis dahin angefertigt hatte und umfasste viele neue Gefäßtypen aus Porzellan, die der gelernte Bildhauer und Goldschmied Jean-Claude Duplessis père, der seit 1748 für Vincennes arbeitete, kreiert hatte.

Übertrumpft wurde diese königliche Bestellung jedoch 1776 durch eine kaiserliche. Die russische Zarin Katharina II. bestellte ein Service für 60 Personen, dessen Grundfarbe ebenfalls das bleu céleste sein sollte und das ihre Begeisterung für antike Kameen widerspiegeln sollte (der Klassizismus stand bereits in den Startlöchern). Das kaiserliche Service war das umfangreichste, das in Sèvres jemals hergestellt wurde und umfasste rund 800 Teile, mit deren Gestaltung in den nächsten drei Jahren 37 der besten Maler und fünf Vergolder der Manufaktur ausschließlich beschäftigt waren. Durch diesen Aufwand konnte Katharina ihr himmelblaues Service bereits 1779 fast vollständig in Empfang nehmen.
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4. Ansichtssache
Sèvres-Porzellan war nicht nur für seine brillanten Farben bekannt, sondern auch für die außergewöhnliche Form einiger Stücke, wie etwa die Vase à tête d’éléphant, bei der die Rüssel zweier Dickhäuter als Kerzenhalter dienen (siehe Titelbild), oder auch das Potpourri en vaisseau (à mat), das die Form eines Segelschiffs aufgreift. Die Herstellung dieses Duftgefäßes war äußerst kompliziert, da sowohl die Vase an sich, als auch (und vor allem) ihr Deckel ihrer Natur gemäß mit zahlreichen Löchern ausgestattet wurden, was den Brennvorgang erheblich erschwerte, konnte die grazile Konstruktion doch jeder Zeit in sich zusammenfallen. Aufgrund dieser Tatsache wurden nur wenige Potpourri en vaisseau hergestellt. Madame de Pompadour soll zwei dieser Vasen besessen haben, von denen sich eine im Louvre befindet. Insgesamt sind heute nur 10 Exemplare erhalten, die allesamt Teil bedeutender Sammlungen sind, darunter das Getty Museum in Los Angeles, das Walters Art Museum in Baltimore, die Frick Collection und das Metropolitan Museum of Art in New York sowie die Wallace Collection in London. Auch im Green Drawing Room im Buckingham Palace befindet sich ein Exemplar, das vom Royal Collection Trust verwaltet wird.

Die ungewöhnlichen Vasen aus Sèvres stießen jedoch nicht überall auf Zustimmung. Josiah Wedgwoods Partner Thomas Bentley beschrieb sie (und vor allem die Elefantenkopfvasen) als äußerst plump. Bei den Mitgliedern der französischen Hofgesellschaft kamen sie jedoch gut an. Und auch im 19. Jahrhundert gab es jemanden, der sie besonders schätzte: Baron Ferdinand de Rothschild, der gleich drei Stück erwarb und sie in dem von ihm erbauten Waddesdon Manor in Buckinghamshire unterbrachte, wo sie auch heute noch ausgestellt werden.
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5. Kleine Geschenke
…erhalten die Freundschaft. So wie es auch mit den Produkten der anderen staatlichen Porzellanmanufakturen in Europa der Fall war, dienten auch die Kreationen aus Sèvres als diplomatische Geschenke, die an die Herrscher befreundeter Nationen verschickt wurden. So erhielt beispielsweise Kaiserin Maria Theresia 1757 von Ludwig XV. (Frankreich und das römisch-deutsche Kaiserreich hatten sich kurz zuvor verbündet und kämpften nun gemeinsam im Siebenjährigen Krieg gegen Preußen und England) ein umfangreiches Sèvres-Service mit einem Dekor aus grünen Bändern und Amoretten-Motiven.

Auch nach der Französischen Revolution unter Napoleon I., als die ehemals königliche Manufaktur zur kaiserlichen geworden war, wurde diese Sitte beibehalten. Nach dem Frieden von Tilsit 1807 beschenkte Napoleon den russischen Kaiser Alexander I. mit einem Service im ägyptischen Stil, das sich heute im Staatlichen Keramik-Museum in Kuskowo, Moskau, befindet. Nachdem sich Napoleon 1810 von seiner Joséphine aufgrund ausbleibenden Nachwuchses scheiden gelassen hatte, sollte auch sie ein solches Service erhalten. Joséphine zeigte sich angetan und war in den Entwicklungsprozess involviert. Als Motive dienten Zeichnungen von Dominique-Vivant Denon, der Teil der Ägyptischen Expedition gewesen war, die Napoleons Ägyptenfeldzug begleitet und so den Grundstein für die Ägyptologie gelegt hatte. Als 72 Teller 1812 fertig waren, wollte Joséphine sie jedoch nicht mehr haben. Sie empfand das Dekor als „zu streng“. Vielleicht wollte sie aber auch einfach nur ihren Ex-Ehemann ein wenig ärgern. Das Service wurde schließlich von König Ludwig XVIII. an den Herzog von Wellington verschenkt, der maßgeblich am Sturz Napoleons und der Rückeroberung des französischen Throns für das Haus Bourbon beteiligt gewesen war. Heute werden die Teller (bis auf einer) in Apsley House, der einstigen Londoner Residenz Wellingtons, ausgestellt.
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6. Erfindungsreich
Die gleichermaßen fähigen als auch kreativen Köpfe, die ihr Können in den Dienst der Manufaktur stellten, waren auch für eine Reihe von Erfindungen verantwortlich, die bald schon von den anderen europäischen Porzellanmanufakturen aufgegriffen wurden. 1753 wurde in Vincennes das Biskuitporzellan aus der Taufe gehoben, das eine günstige Alternative zu teuren Materialien wie Elfenbein, Alabaster und Marmor darstellte. Seine raue Oberfläche blieb unglasiert und unbemalt und kam der aufkeimenden Mode der antikisierenden Kunst entgegen. Kleine Figuren aus Biskuitporzellan wurden von Künstlern wie Étienne-Maurice Falconet und Louis-Simon Boizot eigens entworfen oder nach Vorbild ihrer großformatigen Kunstwerke geschaffen und waren als Tischdekoration oft Teil eines Services.
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Rund 100 Jahre später wurde in Sèvres die Pâte-sur-Pâte-Malerei erfunden, bei der eine dickflüssige, weiße Porzellanmasse Schicht für Schicht auf ein Gefäß aufgetragen wird, um dann durch den anschließenden Brand teilweise (je nach Dicke der Schicht) durchsichtig wird. Die Pâte-sur-Pâte-Malerei wurde 1851 auf der Weltausstellung in London erstmals international vorgestellt und stieß sofort auf begeisterte Reaktionen.
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7. Die Macht Poseidons
Apropos Weltausstellung: 1867 war Paris nach 1855 zum zweiten Mal Gastgeber einer solchen. Neben Erfindungen wie dem hydraulischen Fahrstuhl, dem Flugkolbenmotor, Stahlbeton und einem Vorläufer des Fahrrads präsentierte auch die Manufaktur in Sèvres erneut ihre Errungenschaften. Man hatte sich viel vorgenommen und zwar in Gestalt der größten Vase, die jemals in der Manufaktur hergestellt wurde. Geformt nach dem Vorbild der Medici-Vase, war die vase Neptune betont schlicht gehalten und sollte ausschließlich mit ihren gewaltigen Ausmaßen von 3,15 Metern Höhe und 1,17 Metern Durchmesser beeindrucken. Verwendet wurde über eine Tonne Hartporzellan, das von einer inneren Konstruktion aus Bronze gestützt wurde. Die einzige Verzierung bilden Seepferdchen als Symbole des Gottes Neptun an den Griffen, durch die die Vase ihren Namen erhielt. Heute kann die Vase in dem 1802 gegründeten Musée national de céramique in Sèvres bestaunt werden.










