Eine außergewöhnliche Sammlung, die von der Bankiersfamilie Rothschild, insbesondere von Baron Gustave de Rothschild (1829-1911), zusammengetragen wurde, wird am 4. Juli bei Christie's in London versteigert. Zum Aufruf kommen 57 Lose mit dekorativer Kunst, Gemälden und Möbeln von herausragender Provenienz, die bis dato die zahlreichen Wohnsitze der Familie schmückten.
Die Sammlung widerspiegelt den goût Rothschild, einen bestimmten Stil der Dekoration, den die wohlhabende Bankiersfamilie seit dem 19. Jahrhundert in ihren Wohnsitzen in Europa und Amerika kultivierte, und mit dem sie an Traditionen der Innenraumgestaltung anknüpfte, die während der Renaissance und des Barocks in Mode kamen.
"Der Name Rothschild ist ein Synonym für das Sammeln auf höchstem Niveau. Viele der großartigsten Kunstwerke dieser Welt verfügen über eine Rothschild-Provenienz. Der berühmte Name kann zu der außergewöhnlichen Kartei der illustren Besitzer solcher Meisterwerke hinzugefügt werden, von denen nicht wenige hochadelig sind, von Ludwig XV. und Marie Antoinette zu William Beckford und Fürst Demidoff. Die Auktion ist ein Fest der Kennerschaft und des leidenschaftlichen Sammelns", sagt Charles Cator, Präsident von Christie's International.

Eines dieser Meisterwerke der Auktion ist ein Mahagoni-Schreibtisch, den Königin Marie Antoinette um 1780 in Auftrag gegeben hatte. Das Möbelstück trägt das Siegel des Möbellagers der Königin, mit dem ab 1784 alle ihre Möbel versehen wurden.
Der Tisch sollte im Petit Trianon aufgestellt werden, einem kleinen Schlösschen im Park von Versailles, das die Königin nach eigenem Geschmack einrichtete, um dort abseits des Hofzeremoniells ungestörte Tage mit ihren Freunden verbringen zu können.

Den Auftrag für den Tisch erhielt Johann Heinrich Riesener, ein französischer Kunsttischler mit deutschen Wurzeln, der wiederholt für die Königin gearbeitet hat, vor allem bei der Ausstattung des Trianons. Besonders bekannt war er für die verschwenderisch Verwendung von vergoldeten Bronzeapplikationen an seinen Entwürfen. Kunsthistorisch bedeutsam war seine Rolle beim Übergang vom verspielten Louis XV-Stil zum klassizistischen Louis XVI-Stil ab den späten 1760er Jahren.

Der in Gladbeck geborene Riesener, der beim französischen Hofebenisten Johann Franz Oeben in Paris in die Lehre gegangen war, trat 1769 in die Fußstapfen seines sechs Jahre zuvor verstorbenen Meisters und versorgte die königliche Familie, allen voran Marie Antoinette, fortan mit seinen frühklassizistischen Schöpfungen. 1774 ernannte ihn der frischgebackene König XVI. zum ersten Hofebenisten, eine Postion, die Riesener bis 1784 innehatte. Rieseners bedeutendste Stücke sind seine Kommoden im Louis XVI-Stil. Doch auch zahlreiche weitere Kreationen gehören zu seinem Œuvre. Wie der vorliegende Schreibtisch Marie Antoinettes belegt, behandelte Riesener jede seiner Schöpfungen wie ein Kunstwerk, für die er auch die qualitativ hochwertigen Bronzeverzierungen selbst entwarf. Das königliche Möbelstück kommt bei Christie's mit einem oberen Schätzpreis von 600.000 GBP (ca. 667.000 Euro) zum Aufruf.

Marie Antoinettes Schreibtisch ist nicht das einzige Stück der Rothschild-Auktion, das in Verbindung zum französischen Königshaus steht. Ebenfalls angeboten wird ein Paar herausragender Kabinettschränke, das 1713 in Antwerpen in Auftrag gegeben worden war. Auftraggeber war in diesem Fall ein Enkelsohn Ludwigs XIV., der im Jahr 1700 als Philipp V. den spanischen Thron bestiegen hatte. Es sind zwei von insgesamt vier Kabinettschränken, die der spanische Herrscher bei Hendrick van Soest bestellte, einem der bedeutendsten flämischen Kunsthandwerker jener Epoche, der in der Tradition niederländischer Marketerie arbeitete. Die mit Schildpattmarketerie verzierten Kabinettschränke werden auf 1,5-2,5 Millionen GBP (ca. 1,7-2,8 Millionen Euro) geschätzt.



