Es war im November 2017, als das kollektive Interesse von Kunstkritikern und Sammlern in Südafrika geweckt wurde. Grund dafür waren zwei Porträts von Freda Feldman, die Irma Stern 1943 von ihrer Freundin gemalt hatte und die nun in Johannesburg ausgestellt und verkauft wurden.

Insgesamt malte Irma Stern nicht weniger als sechs Porträts von Freda Feldman, die nicht nur ihre Inspiration und Muse war, sondern auch eine hervorragende Quelle darstellt, wenn man die Künstlerin näher kennen lernen möchte. Stern und Feldman führten nämlich eine rege Korrespondenz. Auf Grundlage dieser Briefe veröffentlichte Feldmans Tochter Mona Berman im Jahr 2003 eine nicht ganz schmeichelhafte Denkschrift über Irma Stern. Die Autorin gab zu, dass das eher negative Bild auch auf den Erinnerungen an ihre Kindheit beruhe, eine Zeit, in der sie Stern oft als fordernde Person erlebt habe, die sich nur allzu gerne in das Familienleben ihrer Freundin eingemischt hätte. Von ihrem erwachsenen Standpunkt aus betrachtet, relativiere sich dieses Bild ein wenig, einige der Kritikpunkte müsste aber bestehen bleiben: die Neigung zu Egoismus und Ungestüm sowie die Verachtung der und Inkompetenz in der täglichen Hausarbeit. Irma Stern und Freda Feldman müssen zwei sehr unterschiedliche Frauen gewesen sein. Irma Stern stammte aus einer wohlhabenden Familie, die Wert auf Bildung legte, Freda Feldmans Hintergrund war weder weltgewandt noch kultiviert. Dennoch verband die beiden einige innige Freundschaft.
Lesen Sie auch: 6 Künstlerinnen und ihre männlichen Musen
Diese innige Verbindung sorgte immer wieder für Mutmaßungen und Spekulationen, sowohl zu Lebzeiten der beiden Frauen als auch danach. Einige behaupten, sie hätte ein Auge auf Fredas Ehemann Richard geworfen, der als prominentes Mitglied der Labour Partei gegen die Regierung opponierte, andere wiederum gingen und gehen davon aus, das Irma und Freda mehr verband als reine Freundschaft.

Eine Sache ist jedenfalls sicher: Freda Feldman hatte erheblichen Anteil daran, das Wohnhaus Irma Sterns in Kapstadts Stadtteil Rosebank nach deren Tod im Jahr 1966 zu erhalten. 1971 wurde es in ein Museum umgewandelt, in dem Besucher nicht nur Dutzende ihrer Werke betrachten, sondern durch die Möbel und Dekorationen die persönliche Ästhetik der Künstlerin nachempfinden können.
Lesen Sie auch: Die teuersten Künstlerinnen der Auktionsgeschichte
In den 1940er Jahren, in denen die beiden Porträts von Freda Feldman entstanden, begann sich das Ansehen Irma Sterns in ihrer südafrikanischen Heimat allmählich zu wandeln. Zu Beginn ihrer künstlerischen Tätigkeit war sie von den dortigen Kritikern und der Öffentlichkeit rundweg abgelehnt oder belächelt worden. Eine ihrer ersten Ausstellungen in Südafrika wurde sogar mit "Art of Miss Irma Stern - Ugliness as a cult" ("Die Kunst von Fräulein Irma Stern - Hässlichkeit als ein Kult") betitelt!

Irma Stern kam 1894 als Tochter deutsch-jüdischer Eltern in dem kleine Ort Schweizer-Reneke im Norden Südafrikas zur Welt. Während des Burenkrieges (1899-1902), in dessen Verlauf ihr Vater zeitweilig von den Briten inhaftiert worden war, ging die Familie nach Kapstadt. Anschließend bereisten die Sterns wiederholt Europa. Später sollten das Reisen Irma Sterns Leben und Kunst größtenteils bestimmen.
1912 begann Irma Kunstkurse in Berlin und Weimar zu besuchen. 1916 lernte sie den Expressionisten Max Pechstein kennen, dessen Werk erheblichen Einfluss auf ihren Stil haben sollte. Auch wurden bereits frühe Arbeiten von ihr von der 1914 gegründeten Freien Secession akzeptiert und ausgestellt.
Lesen Sie auch: Bedeutendes Pechstein-Selbstbildnis für 3,2 Millionen Euro versteigert

Nach ihrer Rückkehr nach Südafrika konnte sie nicht an ihre Erfolge in Deutschland anknüpfen. Dennoch verfolgte sie ihre künstlerischen Ambitionen weiter. Zudem heiratete sie 1926 Johannes Prinz, einen Lektor für die deutsche Sprache an der Universität in Kapstadt. Die Ehe wurde jedoch bereits acht Jahre später geschieden.
Lesen Sie auch: Kind und/oder Karriere: 5 Künstlerinnen im Porträt
Reisen und die Kunst standen im Mittelpunkt von Irma Sterns Leben. Sie malte, was sie sah, fertigte Skulpturen und Töpferwaren. Ihre Landschaften und vor allem die Porträts der Menschen, die ihr begegneten, spiegeln ihren Geist wider, der nichts mit den Beschränkungen und Ungleichheiten durch die Apartheid in ihrer Heimat gemeinsam hatte.
Neben ihren wiederholten Aufenthalten in Europa, wo ihren Werken in zahlreichen Ausstellungen in Städten wie Berlin, Paris, Breslau, Brüssel, Amsterdam und London Anerkennung gezollt wurde, bereiste sie vor allem Afrika: den Kongo, Swasiland, Senegal und immer wieder Sansibar. Aus nachvollziehbaren Gründen mied sie Deutschland von 1933 bis 1945.

Auf der der Ostküste Afrikas vorgelagerten Insel Sansibar entstanden einige ihrer bedeutendsten Werke. 2011 wurde ihr Porträt Arab Priest bei Bonhams in London für über 3 Millionen Euro verkauft. Das bedeutete nicht nur einen Rekord für Irma Stern sondern generell einen Rekord für das Werk eines südafrikanischen Künstlers.
Lesen Sie auch: Ein bedeutendes Werk von Irma Stern wird versteigert

Eine weitere Sensation war die Versteigerung von Arab in Black (1939), ebenfalls bei Bonhams, im Jahr 2015. Das Gemälde war ein Zufallsfund in einer Londoner Wohnung gewesen, wo es halb verdeckt von Postkarten und Zetteln an der Wand hing. Bei der Auktion fand das Werk für rund 930.000 Euro einen neuen Besitzer. Noch interessanter ist jedoch seine Vergangenheit. Tatsächlich hatte Irma Stern das Gemälde ursprünglich verkauft, um Nelson Mandelas Verteidigung mitzufinanzieren.
Lesen Sie auch: Neuer Auktionsrekord für Afrika erzielt
Irma Stern hatte es im Laufe ihres Lebens und ihrer Arbeit geschafft, auch in ihrer Heimat Anerkennung als Künstlerin zu erlangen. Mehr als 100 Ausstellungen ihrer Werke belegen, dass sie einen Platz in der Kunstgeschichte mehr als verdient hat.
Weitere Künstlerbiografien finden Sie im Barnebys Magazin
Aktualisierte Version eines Artikels vom 24. August 2018




