In der Biografie über ihren Ehemann, den Präraffaeliten Edward Burne-Jones, erinnert sich Georgiana Burne-Jones an eine Episode aus dem Jahr 1881, die die Bestattung einer Farbtube beinhaltete. Ausgelöst wurde dieses ungewöhnliche Ereignis durch einen Besuch des befreundeten Malers Lawrence Alma-Tadema, in dessen Verlauf sich die beiden Kollegen über die von ihnen verwendeten Farben unterhielten. Zum Thema wurde auch die Nuance Mummy Brown („Mumienbraun“), die in Malerkreisen damals sehr beliebt war. Alma-Tadema erzählte, wie er von seinem Farbenhändler eingeladen worden war, eine Mumie zu begutachten, die er schon bald darauf zu einem Farbpigment – dem besagten Mummy Brown – verarbeiten wollte. Edward Burne-Jones fiel aus allen Wolken, war er doch bis dahin davon ausgegangen, dass der Name lediglich auf den Farbton anspiele und nicht auf die Inhaltsstoffe der Farbe. Sofort rannte er hinauf in sein Atelier, schnappte sich dort seine eigene Tube Mummy Brown, um diese sofort im Garten zu begraben. Dass sich diese Beerdigung tatsächlich zugetragen hat, wird auch an anderer Stelle bestätigt, nämlich in den Lebenserinnerung von Rudyard Kipling, der ein Neffe von Georgiana Burne-Jones war und während seiner Kindheit öfter zu Gast im Haus des Malerehepaares in Fulham, London gewesen war. Auch an jenem denkwürdigen Tag war er zugegen.
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Es stimmt also, Maler haben tatsächlich Farben verwendet, die teilweise aus Mumien bestanden. Doch wie konnte es nur soweit kommen?

Mumien hatten es im Laufe der Geschichte nicht leicht. Bereits Alten Ägypten geschah es nicht selten, dass Gräber kurz nach einer Bestattung Opfer von Grabräubern wurden, die es vor allem auf die kostbaren Beigaben abgesehen hatten. Damals hießen Mumien jedoch noch nicht Mumien, sondern wurden sah genannt, was „geehrt“ oder auch „edel“ bedeutet. Das Wort Mumie leitet sich vom persischen Wort mumia ab, womit Erdpech bzw. Bitumen gemeint ist. Dieses wurde bereits vor 2000 Jahren im persisch-arabischen Raum Heilmittel verwendet und gelangte als solches ab dem 12. Jahrhundert nach Europa.
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Für die Einbalsamierung ihrer Toten verwendeten die Alten Ägypter eine harzhaltige Paste, die im Laufe der Zeit nachdunkelte und daher in späteren Jahrhunderten für besagtes mumia gehalten wurde, wobei der Begriff schließlich auf den gesamten einbalsamierten Körper überging. Vermutlich ab diesem Zeitpunkt wurden alle Teile der Mumien zu (angeblich) heilsamem Pulver verarbeitet. Es entstand ein reger Mumienhandel und viele Apotheken in Europa besaßen eine Mumie, die nach und nach in Mumia vera oder Mumia aegyptiaca verwandelt wurde.

Mumia war der „Hit“ im Zeitalter der Renaissance (und darüber hinaus) und wurde bei vielfältigen Leiden eingesetzt, vom Zahnweh bis zur Epilepsie. Beispielsweise ging König Franz I. von Frankreich nie ohne sein Döschen Mumia aus dem Haus. Die enorme Nachfrage führte zu einem „Mumien-Engpass“, sodass man nicht selten auf Fälschungen zurückgriff, die aus den Leichnamen von gehenkten Verbrechern oder auch aus Pestopfern bestanden – wie gesund das wohl gewesen sein konnte, sei dahingestellt.

Spätestens im 16. Jahrhundert bemerkte man zudem, wie gut sich das getrocknete Mumienfleisch zu einem braunen Farbpigment verarbeiten ließ, das vor allem für Schattierungen, aber auch bei der Wiedergabe von Hauttönen beliebt war. Seine „Glanzzeit“ hatte das Mumienbraun im 18. und und vor allem 19. Jahrhundert. Dies war nicht zuletzt in der nach dem Ägyptenfeldzug Napoleons und der damit verbundenen archäologischen Expedition aufgekommenen Ägyptomanie begründet, die Europa ab 1800 im Sturm eroberte. Das Reich der Pharaonen war „in“ und führte, abgesehen von so harmlosen Dingen wie Dekorationen und Kunstwerken im ägyptisierenden Stil, auch zu so makaberen Trends wie den berüchtigten Mumien-Partys, in deren Verlauf ägyptische Mumien, die nun aufgrund wissenschaftlicher und touristischer Aktivitäten wieder verstärkt ach Europa gelangten, zur Unterhaltung der Anwesenden vollständig ausgewickelt wurden.
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Im Laufe des 19. Jahrhunderts gab es jedoch immer mehr Stimmen, die den pietätlosen Umgang mit Verstorbenen in Frage zu stellen begannen. Auch Fortschritte in der Wissenschaft trugen dazu bei, den Einsatz von Mumia als Medizin zu beenden. Neben ethischen Gründen war es nicht zuletzt die schlechte Haltbarkeit von Mumienbraun, die es in Malerkreisen in Ungnade fallen ließ. Dennoch konnte man die Farbe bis weit ins 20. Jahrhundert hinein noch käuflich erwerben – also in jener Epoche, in der das nächste Egyptian Revival, ausgelöst durch den Fund des Grabes von Pharao Tutanchamun im Jahr 1922, im vollen Gange war.

Bleibt zum Schluss noch die Frage zu klären, welche Maler denn nun die Farbe Mumienbraun verwendet haben. Da sie über mehrere Jahrhunderte in Gebrauch war, lässt sich das kaum mehr nachvollziehen, nicht ohne aufwändige Analysen unzähliger Gemälde. Ein Glücksfall ist die Auflistung des Inventars des spanischen Hofmalers Juan Pantoja de la Cruz von 1608, in der das Vorhandensein von carne de momia („Mumienfleisch“) vermerkt wurde. Pantoja de la Cruz verfügte also über den Grundstoff und stellte die Farbe – wie damals üblich – selbst her.

Besonders beliebt war Mummy Brown bei den britischen Präraffaeliten, zu denen Edward Burne-Jones gehörte und mit denen Lawrence Alma-Tadema eng verbunden war. Auch Eugène Delacroix war ein eifriger Nutzer und soll Mumienbraun unter anderem für sein berühmtes Werk Die Freiheit führt das Volk verwendet haben.
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Ein spezieller Fall war Delacroix’ Landsmann Martin Drolling, dem nachgesagt wird, für einige seiner Gemälde ein ganz „besonderes“ Mumienbraun verwendet zu haben. Dieses soll aus den einbalsamierten Herzen der französischen Könige, die während der Französischen Revolution aus der Kathedrale von Saint-Denis entwendet und verkauft worden waren, bestanden haben.
Die Nuance Mumienbraun kann man auch heute noch kaufen, enthält jedoch keine Bestandteile einbalsamierter Leichname mehr. Die Bezeichnung bezieht sich lediglich auf den Farbton an sich – eine Entwicklung, die Edward Burne-Jones sicherlich erfreut hätte.










