Die beständigsten Charaktere sind mit Narben übersät.
Der japanische Begriff kintsugi ( auch bekannt als kintsukuroi) besteht aus den Wörtern für „Gold“ (kin) und „wiedervereinigen, reparieren“ (tsugi) und bedeutet „mit Gold reparieren“. Diese Praxis der japanischen Kunst besteht aus der Verwendung eines Edelmetalls (Gold, Silber oder Platin), um beschädigte Keramikgegenstände, vor allem Vasen, zu flicken. Das flüssige Metall wird in die Risse gegossen, sodass diese nicht verdeckt, sondern hervorgehoben werden, was ihnen als Teil der Geschichte des Gefäßes zusteht.

Die Ursprünge von Kintsugi reichen bis ins 15. Jahrhundert zurück. Der Legende nach entstand die Technik durch den missglückten Versuch, ein Keramikgefäß zu reparieren: Shogun Ashikaga Yoshimasa soll seine Lieblingsteetasse zur Reparatur nach China geschickt haben. Mit dem Ergebnis war er dann allerdings gar nicht zufrieden, denn die Tasse war mit unansehnlichen Metallligaturen fixiert worden. Yoshimasa gab jedoch nicht auf und vertraute die Tasse einigen japanischen Künstlern an, die die Risse mit Lack und Goldstaub füllten und so das Kintsugi erfanden. Das neue Aussehen seiner Teetasse, die ihm nun wie ein Juwel erschien, stellte Yoshimasa voll und ganz zufrieden und die neue Technik wurde schon bald weit gebannt und geschätzt. Einige Sammler entschieden sich sogar dafür, einige Keramikobjekte absichtlich zu zerbrechen, um sie anschließend in der Kintsugi-Technik reparieren zu lassen.
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Schon bald wurde Kintsugi-Schalen mit der japanischen Teezeremonie chanoyu in Verbindung gebracht und als eine Metapher für Widerstandsfähigkeit verwendet, die in enger Verbindung mit der Philosophie des Wabi-Sabi steht, die auf der Akzeptanz der Vergänglichkeit der Dinge und auf der Fähigkeit, Schönheit im Unvollkommenen zu erkennen, basiert. Gemäß dieser japanischen Philosophie sollten wir lernen, unsere Fehler zu akzeptieren und unsere Narben nicht zu verbergen, sondern diese wie Medaillen stolz der Welt präsentieren. „Die beständigsten Charaktere sind mit Narben übersät“, fand auch der libanesisch-amerikanische Philosoph Kahlil Gibran. Wie Phönix aus der Asche aufersteht, kann jeder von uns aus seinen Wunden wiedergeboren werden.

Ganz im Gegensatz zu der konsumorientierten Wegwerfphilosophie lehrt uns Kintsugi, ein kaputt gegangenes Objekt nicht aufzugeben, sondern „daran zu arbeiten“ und zu versuche, es sogar noch schöner zu machen. Im übertragenen Sinne bedeutet das für uns, jeden Tag an uns selbst zu arbeiten, uns nicht von Schicksalsschlägen unterkriegen zu lassen und Sätze wie „Was mich nicht umbringt, macht mich stark“ im Hinterkopf zu behalten.
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Stellen wir uns nun einmal vor, wir haben zwei völlig identische Vasen vor uns. Eine von ihnen fällt zu Boden und zerbricht. An dieser Stelle haben wir drei Möglichkeiten: die kaputte Vase wegwerfen, sie mit Klebstoff reparieren oder die Kintsugi-Technik anwenden. Im ersten Fall hätten wir den Gegenstand in seiner Gesamtheit verloren; im zweiten Fall würden uns die sichtbaren Risse immer an das Malheur erinnern; im dritten Fall werden die Risse durch Ströme aus Gold sogar noch betont. Durch Kintsugi und das verwendete Edelmetall werden Sie ein wertvolleres Unikat erhalten – auch wenn Sie die andere Vase auch noch runterschmeißen, denn diese würde niemals auf dieselbe Weise zerbrechen wie die erste. Daher werden auch die mit Gold oder Silber verarzteten Risse ein völlig anderes Muster ergeben. Kintsugi ist daher sowohl künstlerisch, als auch wirtschaftlich eine hervorragende Alternative zum bloßen Wegwerfen.

Selbiges sollten wir auch auf uns selbst und unsere Mitmenschen anwenden: Narben erzählen eine Geschichte, erinnern daran, dass ein Kampf durchgestanden wurde. Ähnlich verhält es sich mit Falten, die gewissermaßen die Narben eines langen Lebens sind und unsere individuelle Lebensgeschichte erzählen. Wie Narben sollte man auch seine Falten mit Stolz und Würde zur Schau tragen. So wie die italienische Schauspielerin es einmal zu ihrer Visagistin sagte: „Lass meine Falten in Ruhe. Ich habe sie mir über Jahre redlich erworben!“ Dieser Satz ist wie die Quintessenz von Kintsugi.

Der Kintsugi-Kunst wurden bereits einige große Ausstellungen gewidmet, darunter in der Freer Gallery im Smithsonian, im Herbert F. Johnson Museum of Art und im Metropolitan Museum of Art. Diese ursprüngliche Kunstform (und die dahinterstehende Philosophie) hat wiederholt – nicht nur japanische – Künstler beeinflusst, die mit dieser Technik die Idee von einer Verbesserung oder Wiedergeburt untersuchen. Kintsugi-Objekte werden oft von Sammlern gesucht, die deren gesamtes, einzigartiges Leben mit allen Brüchen, Rissen und Reparaturen Revue passieren lassen möchten.
Bei Kintsugi vermischt sich die Kunst mit der Philosophie und erinnert uns daran, dass wir uns so annehmen sollte, wie wir sind und unsere („goldenen“) Narben als Zeichen von Lebenslektionen zu betrachten, um sie mit Stolz der Welt zu präsentieren, da sie zu unserer Einzigartigkeit beitragen.




