„Ich war es leid, meine Taschen in der Hand zu tragen und sie zu verlieren. Also habe ich sie mit einem Riemen ausgestattet und trug sie über der Schulter“, wird Gabrielle „Coco“ Chanel auf der Website des von ihr gegründeten Modehauses zitiert. Was sich heute wie ein relativ unspektakuläres DIY-Projekt anhört, war Mitte der 1950er Jahre absolut revolutionär, denn so lange hatte es gedauert, bis jemand feststellte, dass es wesentlich praktischer ist, eine Tasche mit einem Riemen über der Schulter zu tragen, statt sie immerzu in der Hand halten zu müssen.
Coco Chanels bahnbrechender Erfindung waren 150 Jahre Handtaschengeschichte vorausgegangen. Die ersten Handtaschen, die Damen bei ihren Ausflügen begleiteten, waren um 1800 aufgekommen, als schmale Empire-Kleider mit hoher Taille in Mode waren, die keinerlei eingenähte Taschen, wie es sie bei der zuvor getragenen und wesentlich üppigeren Rokokomode gegeben hatte, erlaubten. Es waren Beuteltaschen, die an Handarbeitsbeutel angelehnt waren und nun „straßentauglich“ gemacht wurden. In den folgenden Jahrzehnten veränderte sich die Form dieser Handtaschen, doch ein Aspekt blieb bestehen: der kurze Henkel, durch den man sie in der Hand halten oder über dem Handgelenk tragen musste. Im frühen 20. Jahrhundert entstand mit der Clutch sogar eine Variante, die gänzlich ohne Henkel auskam.
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Mitte der 1950er Jahren hatte Coco Chanel schließlich genug. Sie war eine vielbeschäftigte und aktive Frau, die besseres zu tun hatte, als ständig ihre Handtasche festzuhalten. Nachdem sie zuvor bereits die Röcke gekürzt und das Korsett eingemottet hatte, war nun die Handtasche an der Reihe. Diese gehörte seit 1929 ebenfalls zum Sortiment von Chanel und war bislang nach den alten „Codes“ gestaltet worden, doch damit sollte nun Schluss sein.
Im Februar 1955 war es soweit und Chanel präsentierte mit der nach diesem Datum benannten 2.55 ihre revolutionäre Handtaschenerfindung. Die Tasche war rechteckig und zunächst nur aus schwarzem und braunem Leder mit weinrotem Innenfutter erhältlich. Von Anfang an verfügte sie über den Double Flap, also zwei Überschläge, wobei der innere per Druckknopf und der äußere mit dem Mademoiselle Lock, einem rechteckigen Drehverschluss, verschlossen wurden. Der Name des Verschlusses soll auf Coco Chanels Status als unverheiratete und unabhängige Frau hinweisen, während der doppelte Überschlag der Tasche mehr Stabilität verleihen und dem Inhalt mehr Schutz vor „unbefugten Fingern“ gewähren sollte. Das große Innenfach beherbergte zudem drei kleine Innenfächer – beispielsweise für den unverzichtbaren Lippenstift – und unter dem inneren Überschlag sollte ein Geheimfach mit Reisverschluss zur Aufbewahrung von wichtigen Dingen wie beispielsweise Liebesbriefen dienen. Ein weiteres Steckfach wurde auf die Rückseite der Tasche installiert.
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Als eine wichtige Quelle der Inspiration sollen Coco Chanel jene Jahre gedient haben, die sie als Kind in einem Kloster verbrachte. Die lange Schulterkette soll demnach an jene Ketten erinnern, mit denen die Nonnen ihre Schlüssel am Gürtel trugen, während das ikonische Rautensteppmuster von den Glasfenstern der Abtei inspiriert war. Andere Quellen nennen hingegen jene Kleidung mit Rautenmuster, die von Jockeys bei den von Chanel häufig besuchten Pferderennen getragen wurden, als Vorlage. Nichts davon lässt sich wirklich beweisen und Coco Chanel hat sich nie entsprechend geäußert.
1983 übernahm Karl Lagerfeld die kreative Leitung des mittlerweile etwas angestaubten Couture-Hauses (Coco Chanel war 1971 verstorben), um ihm neues Leben einzuhauchen. Auch die 2.55 nahm er sich vor, die er in die berühmte Classic Flap Bag verwandelte. Die auffälligste Veränderung war der Austausch des rechteckigen Mademoiselle-Verschlusses gegen den ikonischen CC-Drehverschluss, der in dieser frühen Phase 24-karätig vergoldet wurde. Diese Vergoldung wurde im Laufe der Jahre immer weniger und fiel ab 2008 ganz weg. Hinzu kam das in die Schulterkette eingeflochtene Lederband, das den Tragekomfort erhöhte. 1986 wurden schließlich die zunächst 6-stelligen Seriennummern eingeführt, die auf einem Hologrammsticker im Inneren zu lesen waren (seit 2021 verwendet Chanel ein digitales Microchip-System).
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Die Classic Flap Bag zählt zu den Handtaschen mit dem größten Wiedererkennungs- und Wiederverkaufswert. Dennoch vergaß man bei Chanel nie jenes Taschenmodell, mit dem alles angefangen hatte. Um das 50-jährige Jubiläum der 2.55 zu feiern, brachte Chanel 2005 die 2.55 Reissue auf den Markt, die wie das Original über den Mademoiselle-Drehverschluss und die Schulterkette ohne Lederband verfügte. Diese Neuauflage ist auch heute noch Teil der Chanel-Kollektion, wobei auf den Namenszusatz „Reissue“ verzichtet wird. Während die originale 2.55 ausschließlich in verschiedenen Lederarten und gedeckten Farben zu haben war, bestechen sowohl die heutige Version als auch die Classic Flap Bag mit einer großen Farb- und Materialauswahl, inklusive saisonaler und limitierter Sondereditionen, die bei Sammlern sehr beliebt sind.
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Was die Größe betrifft, wurde auch die originale 2.55 im Laufe der Jahre mit unterschiedlichen Maßen hergestellt – zum Teil auf Bestellung. Heute sind beide Modelle in Mini, Small, Medium (die klassische Größe), Large/Jumbo und Maxi angeboten. Bei saisonalen Kollektionen können allerdings bestimmte Größen aufgrund der Beschaffenheit des verwendeten Materials ausgeschlossen werden.
Abschließend sei noch darauf hinzuweisen, dass die Classic Flap Bag mittlerweile als 11.12 bezeichnet wird. Dieser Name bezieht sich auf Herbst/Winter-Kollektion 2011/12, in der die Tasche stark in den Mittelpunkt gerückt worden war.
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Ob man nun eine 2.55 oder eine 11.12 erwerben möchte, hängt nicht zuletzt vom persönlichen Geschmack ab. Die 2.55 ist definitiv dezenter, während die 11.12 mit dem CC-Logo auf der Vorderseite das Branding stärker betont. Falsch machen kann man beim Kauf einer der beiden Modelle jedenfalls nichts. Beide sind zeitlos chic, absolute Must-haves und sollte man sich doch von seiner Chanel-Tasche trennen wollen, ist – bei gutem Erhalt – ein guter Wiederverkaufswert gegeben.










