Le Jockey Perdu („Der verlorene Jockey“), das berühmte Bild eines Reiters, der durch einen seltsamen, mit Bilboquet-Spielen „bepflanzten“ Wald galoppiert, entstand kurz nachdem René Magritte, inspiriert von den Collagen Max Ernsts und des Gemälden Giorgio de Chirico, in seiner Malerei eine neue Richtung einschlug. Der Jockey erschien erstmals 1925/26 auf Papier geklebt, dann in Öl auf Leinwand (1927 bei Magrittes erster Einzelausstellung in Brüssel präsentiert) und schließlich als gleichnamige Gouachen-Serie. Das Thema war das erste, dass der belgische Künstler in mehreren Medien behandelte und ist eines der bedeutendsten seines Œuvres.
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In den frühen 1920er Jahren arbeitete Magritte als Bühnenbildner am Théâtre du Groupe Libre in Brüssel und einige vermuten, dass die Idee zu den Vorhängen in Le Jockey Perdu von dort stammte. Bereits in der ersten Version des Themas rahmen Vorhänge das Bühnengeschehen mit den Bilboquet-Spielen ein. Die Holzspielzeuge waren, ähnlich wie die Gliederpuppen für de Chirico, Schlüsselelemente in Magrittes Werk. Sie sind wie Bäume gestaltet, in deren Rinde Noten eingraviert wurden. Eine Kunsthistoriker vermuten, dass es sich dabei um eine Hommage an den Pianisten und Komponisten Mesens, der auch bei seiner Hochzeit mit Georgette Berger anwesend war, handelte.
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„Le Jockey Perdu ist die erste Leinwand, die ich mit wirklich mit dem Gefühl bemalte, meinen Weg gefunden zu haben, falls man das so sagen kann…“, bemerkte Magritte einst. In diesem Sinne betrachtete er Le Jockey Perdu als sein erstes wahres surrealistisches Werk. Der surrealistischen Bewegung schloss er sich 1926 unter dem Einfluss André Bretons an, kurz nachdem er in Paris angekommen war.
Diese Wende in seinem Schaffen ist teilweise auf eine Offenbarung zurückzuführen, die ihn bei der Betrachtung von Giorgio de Chiricos Werk Le chant d’amour („Das Liebeslied“) ereilte. Das Gemälde des italienischen Künstlers stellt eine exzentrische Kombination von offensichtlich zusammenhanglosen Objekten (darunter der Kopf einer antiken Skulptur, ein Handschuh und ein Ball) dar, die den Betrachter in ein Universum scheinbar jenseits der Logik zieht. Auch wenn Magritte jeden direkten Einfluss oder Ähnlichkeit von de Chricos Werk und Le Jockey Perdu bestritt, gab er jedoch zu, von dem Werk seines Kollegen sehr berührt gewesen zu sein, als er zum ersten Mal den Bruch mit der Realität und die geschickte Verwendung der Gegenüberstellung wahrnahm.
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Im Laufe seiner Karriere griff Magritte das Thema noch viele Male auf und jede dieser Kompositionen gegenüber der vorherigen leicht verändert. So begegnet uns der Jockey über Jahrzehnte hinweg vor den unterschiedlichsten Hintergründen – vom Wald aus Bilboquet-Spielen bis zur Wüste und einem vollen Mond, eingerahmt von einem „Portal“ aus Felsen.
Wie der Maler selbst durchlebte auch sein Jockey verschiedene künstlerische Phasen. So weiß man beispielsweise von einer Gouache des Jockeys, die um 1974/48 in der „Kuh-Periode“ entstand, als Magritte absurde Charaktere in einem überspitzten Stil darstellte, der weit von seiner üblichen Malweise entfernt war. Magrittes Werke aus dieser Zeit waren für seine erste Einzelausstellung in Paris (1948) gedacht und wurden von der Kritik als Annäherung an den Fauvismus betrachtet. Beim „verlorenen Jockey“ aus dieser Schaffensphase blieb Magritte jedoch seiner üblichen Linie treu, vermutlich, weil er mit seinem Lieblingsmotiv keine Experimente machen wollte.
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Wie so viele Werke von Magritte basiert auch Le Jockey Perdu auf einer Reihe von Gegensätzen: Verbergen und Enthüllen, Geschwindigkeit und Starre, innere und äußere Schauplätze. Zwischen der ersten Version von 1926 und der letzten, die 1964 entstand, nahm die Anzahl der Jockeys zu, was mit dem persönlichen Interesse des Künstlers zu erklären ist.
Als ihn der kunstsammelnde Anwalt und Autor Harry Torczyner einmal nach dem Ursprung des Jockey-Motivs fragte, erklärte Magritte, dass in einer Zeit, in der das Bilboquet-Spiel bereits Teil seines plastischen Vokabulars war, oft zu Pferderennen gegangen sei. Als eine von vielen Interpretationen brachte der surrealistische Kritiker Patrick Waldberg das Motiv mit dem Universum von Alice im Wunderland in Verbindung.
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2018 wurde eine Gouache des Jockey Perdu bei Sotheby’s für 1,9 Millionen GBP (ca. 2,2 Millionen Euro) verkauft. Sie stammte aus der Sammlung von William N. Copley, einem Freund des Künstlers, der 1948 eine Galerie in Beverly Hills eröffnete hatte und in weniger als einem Jahr den Künstlern Magritte, Tanguy, Ernst, Man Ray, Cornell und Mata sechs legendäre Ausstellungen widmete.




