1917 erhielt Gustav Klimt von einem Mitglied der Familie Lieser, einer bedeutenden Industriellenfamilie im damaligen Wien, den Auftrag, ein Porträt einer der jungen Töchter zu malen.Nachdem man weithin davon ausging, dass der Auftraggeber Adolf Lieser und das Motiv dessen Tochter Margarethe Constance Lieser gewesen waren, deuten neue Forschungen darauf hin, dass es sich um einen Auftrag von Adolfs Schwägerin, Avantgarde-Kunstmäzenin Henriette Lieser, handelte, die eine ihrer beiden Töchter porträtieren lassen wollte. Zwischen April und Mai 1917 besuchte das junge Lieser-Mädchen Klimts Atelier nachweislich neunmal, um zu posieren. Dabei führte Klimt insgesamt 25 vorbereitende Studien aus.
Lesen Sie auch: Gustav Klimt: Das kontroverse Genie der Wiener Secession

Das Leinwandwerk ist ein charakteristisches Beispiel für Klimts fein ausgeführten und von mutigen Farben bestimmten Stil. Vor einem Hintergrund aus leuchtenden karminroten und orangenen Pinselstrichen steht das zarte Fräulein Lieser, die dem Betrachter selbstbewusst und ruhig ins Auge blickt. Um ihre Schultern trägt sie einen aufwendig mit einem Blumenmuster verzierten Mantel, der an weitere Porträts Klimts erinnert, wie beispielsweise Adele Bloch-Bauer II.
Lesen Sie auch: Waren Gustav Klimt und Adele Bloch-Bauer ein Liebespaar?

Als Klimt am 6. Februar 1918 starb, befand sich das Porträt des Fräulein Lieser noch immer in seinem Atelier. Das unvollendete Bildnis wurde der Familie Lieser übergeben und war 1925 Teil einer Klimt-Retrospektive in der Neue Galerie in Wien. Es war das letzte Mal für fast 100 Jahre, dass es öffentlich zu sehen war. In der Folge verblieb es nur durch eine während der Ausstellung gemachte Fotografie im kunsthistorischen Gedächtnis, das Gemälde selbst galt als verschollen. Im Erbgang kam das Porträt in den Besitz des aktuellen Eigentümers, eine anonyme österreichische Privatperson.
Lesen Sie auch: Eine Hauptstadt und vier Todesfälle: Das Jahr 1918 in Wien
Am 24. April 2024 wird Porträt Fräulein Lieser zum ersten Mal auf dem Auktionsmarkt angeboten, und zwar in Österreichs zweitgrößtem Auktionshaus, dem Auktionshaus im Kinsky in Wien. Nach Angaben des Auktionshauses wird es im Auftrag der jetzigen Eigentümer zusammen mit den Rechtsnachfolgern von Adolf und Henriette Lieser auf Grundlage einer Vereinbarung gemäß den Washington Principles von 1998 versteigert, die die Rückgabe von NS-Raubkunst regelt, auch wenn es keine Beweise dafür gibt, dass dieses spezielle Werk von den Nazis beschlagnahmt wurde.
Vorab der Auktion wird das Gemälde auf Tournee gehen, die es in die Schweiz, nach Deutschland, in Vereinigte Königreich sowie Hongkong führen wird. Der Schätzpreis liegt bei 30-50 Millionen Euro.
Möchten Sie Artikel wie diesen direkt in Ihrem Posteingang entdecken? Dann melden Sie sich noch heute für unseren kostenlosen Newsletter an!

Doch könnte es durchaus passieren, dass dieser hohe Schätzpreis noch übertroffen wird. Erst im vergangenen Juni war Klimts Dame mit Fächer in London für 85,3 Millionen GBP (99,2 Millionen Euro) versteigert worden, was einen neuen Rekord für den Künstler bedeutete.
Lesen Sie auch: Doppelrekord für Klimts Dame mit Fächer
"Die Wiederentdeckung des Damenporträts, das zu den schönsten Bildnissen der letzten Schaffensperiode Klimts zählt, ist eine Sensation", sagt das Auktionshaus im Kinsky in einer Pressemitteilung. "Als Schlüsselfigur des Wiener Jugendstils symbolisiert Gustav Klimt wie kein anderer die österreichische Moderne des Fin de Siècle." Ebenfalls hervorzuheben ist, dass es sich um das bislang teuerste Gemälde der österreichischen Auktionsgeschichte handelt.
Weitere Neuigkeiten vom Auktionsmarkt finden Sie im Barnebys Magazin

