Wie viel Raum für Fehlinterpretationen ein über die Jahre verschmutztes und nie gereinigtes Gemälde liefert wurde jetzt anhand eines Stilllebens aus dem 17. Jahrhundert deutlich, das aktuell Teil der Ausstellung Feast & Fast, the Art of Food in Europe 1500-1800 im Fitzwilliam Museum in Cambridge ist. Das besagte Stillleben mit Küchengerät, Fleisch und Gemüse wurde um 1620 vom niederländischen Maler Floris Gerritsz. van Schooten ausgeführt, ist also bereits rund 400 Jahre alt - ein langer Zeitraum, der seine Spuren hinterlassen hat, wie die im Vorfeld der Ausstellung durchgeführte Restauration verdeutlichte.

Die Firnis über der Farbe hatte sich im Laufe der Zeit stark verfärbt, wodurch die Details und damit auch die Aussage des Gemäldes immer schwieriger zu erkennen geworden waren. So stellte sich heraus, dass die von van Schoten dargestellten Töpfe gar nicht verschmutzt sondern spiegelblank und die Lebensmittel von bester Qualität waren - von Vanitas und Moment mori keine Spur (die abgebildeten Hasen mögen das anders sehen...).
Laut der Restauratorin Victoria Avery führten diese Erkenntnisse dazu, die niederländische Küche des 17. Jahrhunderts besser zu verstehen. So ließ sich beispielsweise feststellen, dass die Kupfer- und Messinggeräte unterschiedlich verwendet wurden. Die außen geschwärzten Töpfe dienten dem Garen von Fleisch und Gemüse über dem offenen Feuer, während in den gänzlich glänzenden Töpfen Lebensmittel frischgehalten wurden. Dies geschah durch Verbrennen von Kohle, wobei es einfacher war, die Temperatur zu regulieren. Der Grund, warum die Töpfe sowohl innen als auch außen glänzend blieben, ist, dass beim Verbrennen von Kohle Kohlenmonoxid freigesetzt wird, das die Kupferoberfläche reinigt und deren Glanz erhält.

Als größte Überraschung entpuppte sich jedoch das große Stück Fleisch in der unteren rechten Bildecke, das man im besten Falle für bereits gekocht, im schlimmsten Falle für bereits vergammelt (oder, um aktuelle Trends aufzugreifen, für dry aged?) hielt. Die Reinigung des Gemäldes brachte jedoch auch hier Licht ins Dunkel: das Stück Fleisch ist noch gänzlich roh und in bestem Zustand für seine Weiterverarbeitung.
Die Restaurierung des Gemäldes hat zu neuen Interpretationsmöglichkeiten geführt und die wiederentdeckten Details haben ihm weitere Bedeutungsebenen hinzugefügt. Nach Ansicht der Restauratoren werden Fotografien dem Gemälde jedoch nicht gerecht. Um das Gemälde Floris Gerritsz van Schootens in ganzer Pracht genießen zu können empfiehlt sich also ein Besuch des Fitzwilliam Museum in Cambridge, wo die Ausstellung Feast & Fast, the Art of Food in Europe 1500-1800 noch bis zum 26. April 2020 zu sehen ist.



