Das Treiben in der Villa Diodati war im Sommer 1816 das Tuschelthema in der bei Touristen beliebten Gemeinde Cologny am Ufer des Genfer Sees, beherbergte das Anwesen doch eine Gruppe weiblicher und männlicher Gäste, die allesamt nicht verheiratet waren – zumindest nicht miteinander.
Bei den Bewohnern der Villa handelte es sich um den berühmten Dichter Lord Byron (28), seine (zeitweilige) Geliebte Claire Clairmont (18), seinen Leibarzt John Polidori (20) sowie Claires Stiefschwester Mary Godwin (18) und deren Lebensgefährten Percy Bysshe Shelley (23), der Schriftsteller war und wie Lord Byron seine angetraute Ehefrau in der englischen Heimat zurückgelassen hatte. Diese Umstände lassen bereits erahnen, dass unsere fünf Protagonisten einem eher liberalen Umfeld entstammten. So war Mary die Tochter des anarchistischen Philosophen William Godwin und der früh verstorbenen Feministin Mary Wollstonecraft (Verteidigung der Rechte der Frau, 1792), doch war Vater Godwin nicht liberal genug, um die uneheliche Beziehung seiner Teenager-Tochter mit dem feschen Literaten Shelley einfach hinzunehmen und empfing das Paar erst, als es im Dezember 1816 doch noch den Bund der Ehe schließen konnte, nachdem Shelleys erste Ehefrau durch Selbstmord aus dem Leben geschieden war.
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Doch soweit war es im Sommer 1816 noch nicht, als die übrigen Sommergäste von Cologny sicherlich enttäuscht waren, die skandalöse Gruppe nur selten draußen zu Gesicht zu bekommen, doch war das Wetter einfach zu schlecht, um sich oft im Freien aufhalten zu können. Tatsächlich ging das Jahr 1816 als „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte ein, in dem die Temperaturen in Europa niedriger waren als gewöhnlich und es häufig regnete. Der Grund dafür war der gewaltige Ausbruch des Vulkans Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa im Jahr zuvor, der eine enorme Menge an vulkanischen Staubteilchen in die Stratosphäre befördert hatte, die sich daraufhin um die Erde verteilten und das Klima beeinflussten. Der Kunstgeschichte bescherte dies die durch die veränderte Atmosphäre intensivierten Sonnenuntergänge, die William Turner in seinen Gemälden festhielt, doch für viele Menschen in Europa, wo man sich kaum von den Auswirkungen der Napoleonischen Kriege erholt hatte, bedeutete es Kälte, Missernten und Hunger.
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In der Villa Diodati musste man sich über mangelnde Lebensmittel weniger Gedanken machen, man beklagte eher das schlechte Wetter. Zum Vergnügen wurde aus der Fantasmagoriana vorgelesen, einer Sammlung deutscher Gruselgeschichten, die in der Villa in französischer Übersetzung vorlag – es war schließlich in der Blütezeit der Schauerliteratur – und man unterhielt sich über aktuelle wissenschaftliche Experimente und Phänomene wie die galvanische Elektrizität oder das Schlafwandeln. Über Letzteres war John Polidori besonders gut informiert, hatte er doch im Jahr zuvor mit einer These zu dem Thema promoviert. Doch auf Dauer konnte das die versammelten kreativen Geister nicht befriedigen und man entschied an einem Juniabend, dass jeder eine eigene Gruselgeschichte zu Papier bringen sollte, um sie den anderen vorzulesen. Während Claire Clairmont von vornherein nicht mit von der Partie war, verloren Byron und Shelley schon bald die Lust. Übrig blieben Mary Godwin und John Polidori, was zu zwei der markantesten Figuren der Literaturgeschichte führen sollte.
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Zunächst wollte Mary Godwin jedoch nichts Gescheites einfallen. Die ständigen Fragen ihrer Mitstreiter, wie es denn voranginge, machten ihr zu schaffen. Doch dann, eines Abends in einer Art Wachtraum, wie sie später selbst angab, begann die Geschichte um den Wissenschaftler Victor Frankenstein, der aus Körperteilen einen neuen Menschen erschafft und diesen zum Leben erweckt, vor ihrem inneren Auge Gestalt anzunehmen. Zunächst nur als Kurzgeschichte geplant, verwarf sie diese im weiteren Verlauf des Schweizaufenthalts, um sie in einen Roman auszuarbeiten, den sie schließlich nach ihrer Rückkehr nach England fertigstellte. Die erste Ausgabe von Frankenstein; or, The Modern Prometheus erschien im Januar 1818 ohne den Namen der Verfasserin zu nennen. Viele vermuteten Percy Shelley als Urheber, doch noch im selben Jahr gab sich Mary zu erkennen. Die zweite, überarbeitete Ausgabe erfolgte 1831. Die Kritiken waren gemischt, doch bereits 1823 wurde der Stoff als beliebtes Theaterstück auf die Bühne gebracht – ein Vorbote auf die vielen Filmadaptionen, die im 20. Jahrhundert folgen sollten.
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Doch war Mary Shelleys berühmter Roman nicht das einzige Ergebnis des Sommers am Genfer See, das nachhaltigen Einfluss auf die Literaturgeschichte nehmen sollte. Auch das, was John Polidori zu Papier brachte, war von großer Bedeutung. Nachdem Byron das Projekt „Gruselgeschichte“ nach wenigen beschriebenen Seiten fallengelassen hatte, griff Polidori diese auf und arbeitete sie zu der Kurzgeschichte The Vampyre aus. Das Motiv des Vampirs war zwar kein neues, hatte der mancherorts noch immer existierende Glaube an Untote und Wiedergänger doch bereits hinlänglich Eingang in die Literatur gefunden, jedoch schuf Polidori mit seinem Vampir in Gestalt eines eleganten Adeligen den Prototyp des modernen Vampirs, der bis heute sein Publikum fasziniert. Die berühmteste literarische Figur, die auf Polidoris Schöpfung beruht, ist natürlich in Bram Stokers Roman Dracula von 1897 zu finden.
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The Vampyre wurde erstmals – und ohne Polidoris Erlaubnis – 1819 in der Zeitschrift The New Monthly Magazine veröffentlicht, wobei Lord Byron als Autor angegeben wurde. Dieser Umstand trug jedoch dazu bei, dass die Geschichte schnell zum Erfolg wurde und noch im selben Jahr in Buchform auf den Markt kam. Noch immer wurde Byron als Autor genannt, wogegen dieser und Polidori protestierten. In der Folge wurde jedoch lediglich Byrons Name entfernt, Polidoris hingegen erst bei späteren Auflagen angegeben.
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Während Erstausgaben von The Vampyre auf dem Auktionsmarkt für rund 10.000 Euro zu haben sind, muss man für Mary Shelleys Frankenstein etwas tiefer in die Tasche greifen. Tatsächlich hält eine dreibändige Erstausgabe seit September 2021 den Auktionsrekord für ein gedrucktes Werk einer Schriftstellerin, als sie für 1.170.000 US-Dollar bei Christie’s in New York versteigert wurde. Der Schätzpreis hatte bei 200.000-300.000 US-Dollar gelegen.
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Victor Frankenstein und seine Schöpfung sowie die Figur des „modernen Vampirs“ wurden und werden in der Literatur-, Theater- und Filmgeschichte immer wieder aufgriffen. Unsere heutige Vorstellung vom Aussehen des Frankenstein-Monsters wurde maßgeblich vom Film Frankenstein aus dem Jahr 1931 geprägt, in dem Boris Karloff in die vom Maskenbildner Jack Pierce gestaltete Figur des Monsters schlüpfte. Zuletzt nahm sich Regisseur Guillermo del Toro des Stoffes an. Seine Adaption, die im vergangenen August bei den Filmfestspielen von Venedig Premiere feierte, wird ab November beim Streaminganbieter Netflix zum Abruf bereitstehen.




