Wenn ich deine Seele kenne, male ich deine Augen.
Der amerikanische Schriftsteller Ralph Waldo Emerson sagte einmal, dass Augen „alle Sprachen sprechen“. Zweifellos sind die Augen der ausdrucksstärkste Teil eines Gesichts und Künstler haben sich seit Menschengedenken von ihnen inspirieren lassen.

Von der göttlichen Symbolik der Augen des Horus im Alten Ägypten über die Intensität der von gebogenen Brauen begleiteten römischen Augen bis hin zu den großen, schwarz umrandeten Augen in der byzantinischen Kunst, haben Künstler ihren Modellen bereits in der Antike über deren „Seelenspiegel“ ein Stimme verliehen.

In der Antike besaßen Augen nicht nur einen heiligen Charakter, sondern konnten auch mysteriös und voller zerstörerischer Kraft sein. Das bekannteste Beispiel ist die Medusa, jene Gorgone, die Menschen mit ihrem Blick erstarren lassen konnte. Dieser Mythos fasziniert Künstler seit Jahrhunderten. Caravaggio stellte sie in seinem herausragenden Werk Das Haupt der Medusa dar. Darin konzentrierte er sich ganz auf den befremdlichen Blick der Medusa, der den Betrachter sofort gefangen nimmt und – quasi – erstarren lässt.

Die Darstellung der Augen hat sich im Laufe der Zeit verändert. Während der Blick im Mittelalter noch starr blieb, begann man in der Renaissance damit, mit dem Ausdruck eines Gesichts zu spielen. In seinem Trattato della Pittura sagte Leonardo da Vinci: „Das Auge, durch das die Schönheit der Welt für den Betrachter reflektiert wird, ist von solcher Vortrefflichkeit, dass jeder, der dessen Verlust zustimmt, sich selbst der Darstellung aller Dinge der Naur beraubt. Weil wir dieses Dinge mit unseren Augen sehen können, begnügt sich die Seele damit, im menschlichen Körper gefangen zu sein, denn durch die Augen werden die verschiedenen Dinge der Natur für die Seele sichtbar.“
Für das toskanische Genie nahmen Augen in seinen Gemälden eine besondere Stellung ein, vor allem bei der Mona Lisa, deren Blick genauso berühmt wie ihr Lächeln ist. Oder auch beim Bildnis eines Musikanten, dessen Blick Gleichgültigkeit und Melancholie widerspiegelt.
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In der modernen und zeitgenössischen Kunst wurden Augen, stärker als jemals zuvor, zum Spiegel der Gesellschaft und zu Zeugen der Dinge, die in der Welt passieren.

Vincent van Gogh sagte einmal: „Ich würde eher die Augen von Menschen, als Kathedralen malen, da den Augen etwas zu eigen ist, das einer Kathedralen fehlt – so feierlich und beeindruckend sie auch sein mag.“ Dies fasst die Bedeutung eines Blicks zusammen. Hinzu kommt die psychologische Selbstbetrachtung, die sie in eine Kunstwerk beinhalten.
Künstler schrieben den Augen eine bedeutende Rolle in der Kommunikation zu, so wie auch in dem Gemälde Auge in Auge von Edvard Munch, in dem sich ein Mann und eine Frau mit mundlosen Gesichtern gegenüberstehen.

Auch die gleichzeitig rätselhaften als auch universellen Gesichter Amedeo Modiglianis, in denen die Augen eher randlosen Schwimmbecken gleichen, wurden berühmt. Sein Zitat „Wenn ich deine Seele kenne, male ich deine Augen“ greift die Verbindung von Seele und Augen auf. Das Fehlen von Augen in einigen seiner Werke zeigt, dass Modigliani nicht jedes seiner Modelle gut kannte, darunter Madame Kisling und Léopold Survage.
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In jüngerer Zeit wurde das Auge in surrealistischen Werken vom Rest des Gesichts isoliert. René Magritte widmete seine Kunst wiederholt dem Auge, auch in befremdlichen Situationen und Kontexten. So wird bei ihm die Iris zu einem Stück Himmel oder es blickt uns ein Auge von einem Teller aus an.

M. C. Eschers Auge, das einen Totenschädel in seiner Pupille reflektiert, ist eine der fokussiertesten Betrachtungen dieses Objekts. Die vergrößerte Pupille spielt auf die Tragik des menschlichen Daseins und sein unaufhaltsames Schicksal an, das uns beobachtet und gleichzeitig ein wesentlicher Bestandteil von uns ist.
Für einen anderen großen Surrealisten, Salvador Dalí, wurde das Auge regelrecht zu einer Obsession. Er verwendete das Motiv für die unterschiedlichsten Medien, von der Malerei bis zum Schmuck. Für den Künstler wurde es zu einem Werkzeug, mit dem er die Realität interpretierte, durch dessen Linse wir unser Leben erleben.
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Das Auge stand auch im Mittelpunkt des berühmten Metronoms von Man Ray, Object to Be Destroyed (1923), für das er aus einer Schwarzweiß-Fotografie ein Auge ausschnitt und auf das sich bewegende Pendel eines Metronoms klebte.

Nicht zuletzt dokumentieren Augen auch die zunehmende Emanzipation und Bedeutung der Frauen in der Kunstszene. Man denke nur an die gefühlvollen Augen in den Porträts von Tamara de Lempicka oder den stolzen und eindringlichen Blick einer Frida Kahlo.
Hören wir zum Schluss noch, was William Shakespeare in seinem 24. Sonett zu sagen hatte:
„Mein Auge hat als Malerin dem Schrein
Des Herzens deinem Bild den Platz gegeben,
Mein Busen schließt es gleich dem Rahmen ein,
Um kunstgerecht des Malers Werk zu heben.
Und durch den Künstler kannst du nur die Stelle
Erspähen, der dein Bildnis ward vertraut;
Es hängt noch stets in meines Herzens Zelle,
Das Fenster sich aus deinen Augen baut.
Sieh wie die Augen freundlich sich vereinen;
Meins malte dich, und deines ward dafür
Zu meines Busens Fenster, durch das scheinen
Die Sonnenstrahlen lustig hin zu dir.
Eins fehlt dem Auge nur, sein Wert zu schmücken:
Es malt die Form, das Herz bleibt fremd den Blicken“










