Im Frühjahr 1917 saß der japanische Maler Tsuguharu Foujita (1886-1968) in dem bei Künstlern beliebten Café La Rotonde in Montparnasse, als er einer jungen Frau mit kurzen Haaren ansichtig wurde. Man kam ins Gespräch und verliebte sich Hals über Kopf in den jeweils anderen. Nur zwei Wochen später heiratete Foujita die junge Frau auf dem Standesamt von Montmartre – ihr Name war Fernande Barrey.

Fernande Barrey war im Januar 1893 in einem französischen Küstenort am Ärmelkanal zur Welt gekommen. Im Alter von 15 Jahren zog es sie weg aus der Provinz. Ihr Ziel hieß natürlich Paris. Ohne Verbindungen schlug sie sich zunächst als Prostituierte durch, wurde mit der Zeit von den Künstlern der Stadt jedoch auch als Modell entdeckt. Einer dieser Maler war Amedeo Modigliani, der Fernande ermunterte, selbst Malerin zu werden. Die in der Pariser Kunstszene mittlerweile gut vernetzte Fernande wiederum stellte Modigliani dem Kunsthändler Leopold Zborowski vor, der der größte Förderer des stets von Geldsorgen geplagten Malers wurde.

Modigliani war auch mit Tsuguharu Foujita befreundet, der 1913 nach Paris gekommen war. Vielleicht war es also Modigliani gewesen, der Fernande und Tsuguharu miteinander bekannt machte.
Um den Bomben des Ersten Weltkriegs zu entkommen, zog es das junge Ehepaar Foujita wie so viele andere Künstler an die französische Riviera. Zusammen mit Chaim Soutine, Modigliani und dessen Lebensgefährtin Jeanne Hébuterne sowie deren Mutter und dem Ehepaar Zborowski bezogen sie ein Haus in Cagnes-sur-Mer, wo die drei Maler oft zusammen arbeiteten und vor allem die anwesenden Frauen als Modell nutzten.

Fernande freundete sich mit Jeanne Hébuterne an, konnte zwei Jahre später, wieder in Paris, jedoch nicht verhindern, dass diese nach dem Tod Modiglianis Selbstmord beging.
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Künstlerisch konnte Fernande 1920 einen Erfolg für sich verbuchen, als fünf ihrer Werke beim Pariser Herbstsalon ausgestellt wurden. Nebenbei förderte sie auch die Karriere ihres Mannes.
In der Ehe begann es jedoch allmählich zu kriseln. Nach den leidenschaftlichen ersten gemeinsamen Jahren, begann das Ehepaar Foujita eine offene Ehe zu führen. Beide waren keine Kinder von Traurigkeit und gönnten einander die wechselnden Affären.
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Als Fernande dann jedoch ein Verhältnis mit Tsuguharus Landsmann und Kollegen Sei Koyanagui (1896-1948) begann, konnte Tsuguharu das plötzlich nicht mehr verkraften. In einer Art Racheaktion vergnügte er sich mit der belgischen Artistin Lucie Badoul, die später seine zweite Ehefrau wurde, in einem Hotelzimmer, ohne seine Frau, die bereits damit begann, die Pariser Leichenschauhäuser abzuklappern, über seinen Verbleib zu informieren. Dieser Vorfall war der Todesstoß für die Ehe von Fernande und Tsuguharu, die sich 1928 scheiden ließen.

Fernande lebte dann mit Sei Koyanagui zusammen, doch auch diese Beziehung scheiterte. Allerdings näherte sie sich auf freundschaftlicher Basis wieder Tsuguharu an, der sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1960 finanziell unterstützte.
Das war wohl auch nötig, denn ein wirklicher künstlerischer Erfolg wollte sich für Fernande nicht einstellen, was vermutlich dazu beträgt, dass sie heute auf dem Auktionsmarkt kaum greifbar ist.

Dass so wenig über sie bekannt ist, hat zweifellos auch zu beigetragen, dass sie immer wieder als eine andere Fernande identifiziert wird, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Paris von sich Reden machte, und zwar als Erotikmodell für Postkarten.
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Postkarten mit leicht- oder gar nicht bekleideten jungen Frauen waren ab 1900 ein Must-have für die Männerwelt Europas (und sicherlich auch für amerikanische Touristen, die etwas "Typisches" aus dem verruchten Paris mit nach Hause nehmen wollten).

Der absolute Star unter diesen erotischen Modellen hieß Miss Fernande – Nachname unbekannt. Ganze Serien, die im Atelier der fotografierenden Brüder Jean und Georges Agélou aufgenommen wurden, entstanden zwischen ca. 1902 und 1915/20.
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Der vermutete Zeitpunkt der ersten Aufnahmen, 1902, macht es natürlich unmöglich, dass "unsere" Fernande tatsächlich das Modell gewesen sein konnte, war sie damals durch erst neun und noch gar nicht in Paris. Und obendrein ist auch keinerlei Ähnlichkeit zwischen den beiden Frauen feststellbar. Dennoch hält sich das Gerücht hartnäckig.
Auch eine andere Fernande, die damals in Paris lebte, zog man als "Foto-Fernande" in Betracht, nämlich Fernande Olivier, die von 1905 bis 1912 die Lebensgefährtin Picassos war und u. a. auch als Aktmodell ihren Lebensunterhalt verdiente. Doch auch hier gibt es außer dem Vornamen nicht wirklich eine Gemeinsamkeit.
Um den Gerüchten ein Ende zu setzen, wäre es wohl nötig, die wahre Identität der "Miss Fernande" zu ermitteln. Ob das jedoch jemals geschehen wird, steht in den Sternen.




