103 Zeichnungen, die Meister Hokusai (1760-1849) für ein nie veröffentlichtes Buch angefertigt hatte, wurden nach mehr als 70 Jahren in Vergessenheit in einer Pariser Sammlung wiederentdeckt. Das British Museum, das bereits über eine große Sammlung mit Werken des japanischen Künstlers verfügt, eine der umfassendsten außerhalb Japans, hat nun den Erwerb des Portfolios mit Mitteln des Art Funds angekündigt, allerdings ohne den Preis bekanntzugeben. In der Hokusai-Sammlung des Museums befindet sich auch eine Version des berühmten Holzschnitts Die große Welle vor Kanagawa, den der Londoner Kaufmann Israel Goldman der Institution verkaufte.
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Die Zeichnungen waren für Das große Bilderbuch vom Ganzen bestimmt, das aus irgendeinem Grund nie publiziert wurde. Die Skizzen geben zudem einen Einblick in die Karriere des Künstlers, von dem lange Zeit angenommen wurde, in jener Phase seines Lebens weniger produktiv gewesen zu sein, was gesundheitlichen Problemen und dem Tod seiner zweiten Ehefrau geschuldet war. Obwohl sie nie veröffentlicht wurden, markieren die Zeichnungen einen Wendepunkt im Schaffen Hokusais und beweisen, dass bereits mit ihnen eben jene sehr kreative Phase begann, in der die berühmte Holzschnittserie 36 Ansichten des Berges Fuji entstand, zu der auch Die große Welle vor Kanagawa gehört.
Wenn mir der Himmel zehn oder wenigstens fünf weitere Jahre gewährt hätte, wäre ich ein großer Maler geworden.
Tim Clark, Forscher und Experte des British Museum, bestätigt: "Diese Werke stellen eine bedeutende Wiederentdeckung dar, die unser Wissen über die Aktivitäten des Künstlers in einer Schlüsselphase seines Lebens und Schaffens erheblich erweitert. Die 103 Zeichnungen wurden alle mit der üblichen Vorstellungskraft, dem Erfindungsreichtum und dem Können behandelt, die Hokusais Spätwerk auszeichnen, und es ist wunderbar, dass sie endlich von den vielen Liebhabern seiner Kunst in aller Welt bestaunt werden können."

Die 103 Zeichnungen befanden sich einst im Besitz des Jugendstilsammlers und Juweliers Henri Vever und wurden zuletzt 1948 im Zuge einer Auktion in Paris erwähnt. Anschließend befanden sie sich wohl erneut in einer Privatsammlung, bevor sie im vergangenen Jahr wieder in einem Auktionskatalog auftauchten. Und auch hier war Israel Goldman zur Stelle, der die Werke auf der Auktion, wo man sie allerdings dem Hokusai-Schüler Katsushika Issai (1821-80) zuschrieb, ersteigerte. Davon überzeugt, dass es sich tatsächlich um Werke Hokusais handelte, war Goldman gerne bereit, 110.000 Euro auszugeben und die Zeichnungen anschließend wiederum dem British Museum zum Kauf anzubieten.

"Diese bemerkenswerten Zeichnungen, die so lange der Öffentlichkeit vorenthalten wurden, werden das Publikum des British Museum und darüber hinaus in ihren Bann ziehen. Wir freuen uns, diese bedeutende Akquisition unterstützen zu können, die die bemerkenswerte Sammlung von Hokusai-Werken des Museums erheblich bereichert", sagt Jenny Waldman, Direktorin von Art Fund.
Die Themen der Zeichnungen reichen von religiösen und mythologischen Szenen über historische und literarische Figuren bis hin zu Vögeln, Blumen, Naturphänomenen und Landschaften. Einen Großteil machen Themen aus, die im Zusammenhang mit China, dem alten Indien, Südostasien und Zentralasien stehen und in keiner früheren Arbeit Hokusais auftauchten. Dies gilt insbesondere für die faszinierenden Darstellungen der Ursprünge der menschlichen Gesellschaft im alten China.

Katsushika Hokusai zählt zu den größten Meistern der japanischen Kunstgeschichte. Im Laufe seiner 70 Jahre andauernden Karriere schuf er rund 3.000 Holzschnitte, Illustrationen für mehr als 200 Bücher, Hunderte von Zeichnungen und über 1.000 Gemälde.
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Hokusai war ein Vertreter des traditionellen Ukiyo-e-Genres ("Bilder der fliessenden Welt"), das vor allem Darstellungen populärer Schauspieler und Kurtisanen behandelte. Hokusai schwebte jedoch vor, Bilder mit universeller Anziehungskraft zu schaffen, die von einer kraftvollen Spiritualität durchdrungen waren und Themen aus der realen und den imaginären Welten vermischten. Auf dem Sterbebett liegend lauteten die letzten Worte des 89-jährigen: "Wenn mir der Himmel zehn oder wenigstens fünf weitere Jahre gewährt hätte, wäre ich ein großer Maler geworden."
Die Zeichnungen werden demnächst in einer frei zugänglichen Ausstellung im British Museum zu sehen sein. Bis dahin kann man sie bereits jetzt auf der Website des Museums bewundern.




