Um den niederländischen Barockmaler Johannes (Jan) Vermeer ranken sich viele Geheimnisse. Angefangen bei der Frage, wer denn nun wirklich für sein berühmtestes Werk, Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge, Modell saß, bis hin zu seinen genauen Lebensdaten, denn weder Vermeers Geburtsdatum noch der Tag seines Todes sind bekannt. Hinzu kommt ein großer Mangel was Berichte seiner Zeitgenossen oder eigene Aufzeichnungen betrifft.

Für die Nachwelt greifbar wird Vermeer erst mit dem Tag seiner Taufe, die am 31. Oktober 1632 in der Nieuwe Kerk in Delft stattfand. Seine Mutter hieß Digna Baltens, sein Vater war ein Seidenweber aus Amsterdam, der sich 1611 in Delft niedergelassen hatte und dort neben seinem eigentlichen Beruf auch als Kunsthändler arbeitet und zudem eine Gastwirtschaft besaß. Jan Vermeer war der einzige Sohn des Paares.

In diesem Umfeld, das von Kunst und schimmernden Seidenstoffen genauso geprägt war wie von derben Wirtshausszenen, wuchs Vermeer also heran und dürfte bei seiner Entscheidung, Maler zu werden, gewiss eine Rolle gespielt haben. Vermutlich wurde einer der Künstler, die sein Vater vertrat, auf das Talent des Jungen aufmerksam und nahm ihn als seinen Schüler auf. Wer das war, ist jedoch ein weiteres Geheimnis Vermeers. Großen Einfluss auf sein Werk hatten die Utrechter Caravaggisten, die sich dem Chiaroscuro (Hell-Dunkel-Malerei) ihres italienischen Vorbilds verschrieben hatten.
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1653 war ein wichtiges Jahr für Jan Vermeer, der nach dem Tod seines Vaters im Vorjahr seine Mutter bei der Führung der Gastwirtschaft unterstützte und den väterlichen Kunsthandel übernommen hatte: Am 20. April heiratete in einem Dorf in der Nähe von Delft die wohlhabende Katholikin, er selbst war von Haus aus Calvinist, Catharina Bolnes, und am 29. Dezember wurde er in die Lukas-Gilde von Delft aufgenommen. Wollte man als Meister in die Gilde aufgenommen werden, war es Voraussetzung, verheiratet zu sein.
Der Ehe der Vermeers entsprangen insgesamt fünfzehn Kinder, von denen vier jedoch früh starben. Eine solch große Kinderschar zu ernähren war eine Herausforderung, vor allem wenn man wie Vermeer oft nur zwei Gemälde pro Jahr ausführte – eine Erklärung dafür, weshalb heute lediglich 37 Werke von seiner Hand bekannt sind. Meist waren Vermeers Werke Auftragsarbeiten, die er für seine Mäzene malte, einer der wichtigsten unter ihnen war der Bäcker Hendrick van Buyten. Für seine Kunst ließ sich Vermeer gut entlohnen, dennoch dürften die Einkünfte aus Kunsthandel und Gastwirtschaft sehr willkommen im Hause Vermeer gewesen sein. Allgemein verfügte Jan Vermeer über hohes Ansehen in Delft, denn gleich zweimal bekleidete er in den 1660/70er Jahren das Amt des Dekans der Lukas-Gilde.

1660 zog die Familie Vermeer in das Haus von Catharina Bolnes' Mutter am Oude Langendijk in Delft. In der nun folgenden Phase seines Schaffens entstanden die meisten der von ihm überlieferten Gemälde und auch die bekanntesten: Kleinformatige Genreszenen, in denen meist eine Dame des gehobenen Bürgertums im Mittelpunkt steht, die der Betrachter beim Lesen, Schreiben oder Musizieren beobachten kann.
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Viele dieser Gemälde haben eines gemeinsam: den Lichteinfall von links. Diese Übereinstimmung, sowie die Lichtpunkte, die Vermeer vielen seiner Werke beifügte und einige optische Phänomene, haben zu der Frage geführt, ob der Maler möglicherweise für die Ausführung seiner Gemälde auf eine fest installierte Camera obscura zurückgriff. Ganz unwahrscheinlich ist das nicht, machte die Optik damals doch mit immer präziseren Linsen große Fortschritte.
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Allgemein sind die Werke Vermeers ein Spiegelbild des Wohlstandes, der damals in den Niederlanden herrschte. Zu verdanken hatte die Republik dies ihrer Ostindischen und ihrer Westindischen Kompanie, die Gewürze, Stoffe und Porzellan aus Asien sowie die überaus begehrten Biberfelle aus Nordamerika, die zu teuren breitkrempigen Filzhüten verarbeitet wurden, in die Häfen ihrer Heimat brachten.

Man befand sich inmitten des Goldenen Zeitalters der Niederlande, in der die Welt zu einem Maler wie Vermeer, der die Niederlande nie verlassen hatte, kam, um von ihm gemalt zu werden. Und so sind schimmernde Seidenstoffe, orientalische Teppiche und Perlen sowie fernöstliches Porzellan immer wieder in Vermeers Gemälden zu finden. Viele dieser Objekte haben mehrere „Auftritte“ und dürften zum Inventar des Künstlerhaushalts gehört haben.
Ähnlich steht es mit seinen Modellen. Neben seiner Frau Catharina haben in späteren Jahren wohl auch seine zahlreichen Töchter für ihn Modell gestanden, eine von ihnen vermutlich auch für das berühmte Mädchen mit dem Perlenohrgehänge.
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In den 1670er Jahren war das Goldene Zeitalter durch den Niederländisch-Französischen Krieg jedoch seinem Untergang geweiht. Wie alle seine Kollegen bekam auch Vermeer dies zu spüren. Der vorher so lebendige Kunstmarkt brach zusammen, ein Bild zu verkaufen, wurde zunehmend unmöglich.
Vielleicht spielten die zunehmenden finanziellen Sorgen ein Rolle, als Vermeer 1675 schwer erkrankte und schließlich starb, seiner Frau nichts als Schulden hinterlassend. Und auch dieses letzte Lebensereignis Vermeers umweht ein Geheimnis, denn wie der Tag seiner Geburt, ist der Tag seines Todes nicht bekannt. Beigesetzt wurde Jan Vermeer am 15. Dezember 1675 in der Oude Kerk in seiner Heimatstadt Delft.
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Nach seinem Tod geriet Jan Vermeer schnell in Vergessenheit. Erst Ende des 19. Jahrhunderts, als die Impressionisten das Licht als Stilmittel wiederentdeckten, wurde man auch auf Vermeer, den geheimnisvollen Meister des Lichts, wieder aufmerksam.
Die Wahrscheinlichkeit, auf dem Auktionsmarkt einen echten Vermeer anzutreffen, sind äußerst gering. Beinahe alle Gemälde seines überschaubaren Œuvres befinden sich im Besitz bedeutender Museen, darunter das Mauritshuis in Den Haag, der Louvre in Paris, die Frick Collection in New York und die Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden. Nur zwei befinden sich in Privatbesitz und selbst sie wurden als Dauerleihgaben dem Nationalmuseum für westliche Kunst in Tokio bzw. der Leiden Collection in New York zur Verfügung gestellt. Beide Werke haben zudem gemeinsam, dass sie die einzigen Vermeer-Gemälde sind, die in jüngerer Zeit versteigert wurden: Die heilige Praxedis (1655) im Jahr 2014 und Junge Frau am Virginal (1670) im Jahr 2004. Bei beidem Werken ist die tatsächliche Urheberschaft Vermeers jedoch nicht zweifelsfrei geklärt.
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Aktualisierte Version eines Artikels vom 27. Oktober 2020










