Auch wenn Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge, gemalt um 1665 von Jan Vermeer, in der Vergangenheit bereits einige seiner Geheimnisse preisgegeben hat, ermöglicht der technologische Fortschritt jetzt einen noch tieferen Einblick in seine Geschichte. 350 Jahre nach seiner Entstehung und 25 Jahre nach der letzten technologischen Analyse wirft dieses Gemälde noch immer viele Fragen auf.

Wie genau hat Vermeer das Gemälde geschaffen? Was verbirgt sich hinter der Komposition? Welche Farbpigmente wurden verwendet? Wie hat sich das Gemälde verändert, seit es Vermeers Atelier verlassen hat? All diesen Fragen gingen Forscher die letzten zwei Jahre im 2018 initiierten Projekt Girl in the Spotlight nach, dessen Leitung Abbie Vandivere, Kuratorin des Mauritshuis in Den Haag, in dem Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge bewundert werden kann, anvertraut worden war.
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Die Untersuchungen brachten neue Erkenntnisse zutage, die neue Perspektiven zum Verständnis des Werks eröffnen, vor allem hinsichtlich Vermeers Pinselführung, seine Verwendung von Pigmenten sowie die Art und Weise, wie er das Bildnis in Schichten konstruierte. Laut den Forschern haben die Ergebnisse der nicht-invasiven Bildgebungs- und Scan-Techniken ein Gemälde enthüllt, das viel persönlicher ist als bisher angenommen.

Eine der erstaunlichsten Entdeckungen betrifft den Hintergrund des Porträts, der lange Zeit als dunkler Raum ohne Details betrachtet wurde. Tatsächlich Vermeer malte sein Motiv jedoch vor einem grünen Vorhang. Die Bildgebungstechniken ermöglichten es, diagonale Linien und Farbabweichungen zu erkennen, die auf einen Faltenwurf in der oberen rechten Ecke hinweisen. Die chemischen Veränderungen in der durchscheinenden grünen Farbe haben diesen Vorhang im Laufe der Jahrhunderte unsichtbar werden lassen.
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Ähnlich verhält es sich mit den Augen des Mädchens, die dem Auge des heutigen Betrachters wimpernlos erscheinen. Doch sie sind da: feine Härchen an den Augenliedern, wodurch der Blick "persönlicher" wurde.

Den technischen Aufbau des Gemäldes begann Vermeer mit dem Auftrag von Braun- und Schwarztönen. Die dafür eingesetzten großen, kräftigen Pinselstriche konnten mit Infrarotlicht sichtbar gemacht werden, ebenso die feinen schwarzen Linien, die die Silhouette des Mädchens umreißen. Ebenso konnte nachgewiesen werden, dass Vermeer die Komposition während er an ihr arbeitete, verändert hat, indem er die Position des Ohres, der Oberkante des Schals und des Nackens verschob.

Vermeer arbeitete systematisch vom Hintergrund in den Vordergrund: Nachdem er den grünlichen Vorhang und die Haut des Gesichts seines Modells gemalt hatte, fügte er nacheinander die gelbe Jacke, den weißen Kragen, den Schal und schließlich die Perle hinzu. Die Perle wurde wie ein Trompe-l'oeil geschaffen, mit einigen weißen, einen schimmernden Effekt erzielenden Glanzpunkten unterhalb des Ohrläppchens. Ein Haken, der die Perle mit dem Ohr verbindet, konnte nicht entdeckt werden. Schließlich unterschrieb Vermeer seine Arbeit in der oberen linken Ecke mit IVMeer.
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Zum ersten Mal identifizierten und dokumentierten die Forscher auch Vermeers Farbpalette: Rot, Gelb, Braun, Blau, Schwarz und Weiß sind die Hauptnuancen der Arbeit. Vermeer hatte sorgfältig zwei weiße Bleipigmente mit unterschiedlichen optischen und technischen Eigenschaften ausgewählt, um eine subtile Transparenz und eine Variation des durchsichtigen Lichts auf der Haut des Mädchens zu erzeugen.

Die verwendeten Farbpigmente kamen aus aller Welt: Asien, England sowie den Antillen und Mittelamerika. Auffällig ist die Verwendung eines hochwertigen Ultramarins für Schal und Jacke. Die Herstellung dieses natürlichen Pigments aus Lapislazuli war langwierig, mühsam und teuer. Im 17. Jahrhundert war Blau kostbarer als Gold und wurde daher nur für Themen von großer Bedeutung verwendet. Sollte das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge eine real existierende Person gewesen sein, wird sie im Leben Jan Vermeers sicherlich keine unbedeutende Rolle gespielt haben.
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