Als Pionier im Biegen von Holz und dem Gebrauch von Wasserdampf für die Möbelherstellung, revolutionierte Michael Thonet die Art der Einrichtung, vor allem an öffentlichen Plätzen Mitte des 19. Jahrhunderts in Österreich und – dank der vielen Weltausstellungen, auf denen seine Arbeiten gezeigt und ausgezeichnet wurden – aller Welt. Der herausragende Handwerker bewies aber auch, dass er, während die Industrialisierung im vollen Gange war, ein großer Unternehmer war, der den Begriff "Standortwechsel“ umsetzte, bevor er in seiner heutigen Bedeutung überhaupt erfunden wurde.
Zur Legende wurde Thonet durch den schlichten Stuhl Nr. 14 von 1850, der den Kaffeehäusern und Bars in Wien und dem gesamten österreichisch-ungarischen Reich ein neues Antlitz verlieh.
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Der Legende nach soll es während der Weltausstellung 1889 in Paris zu einem Vorfall gekommen sein, der den Ruhm des Konsumstuhl Nr. 14, der 22 Jahre zuvor bei der Weltausstellung mit der Goldmedaille ausgezeichnet worden war, endgültig besiegelte. Und zwar sollte das Restaurant des neuen Eiffelturms mit Thonets Stühlen bestückt werden. Da passierte es, dass einer von ihnen von der ersten Plattform des Turms 56 Meter in die Tiefe stürzte – und unversehrt blieb.

Ob wahr oder nicht, vermutlich inspirierte die Geschichte im darauffolgenden Jahrhundert Gio Ponti zu einem ähnlichen Experiment, der einen seiner nur 1,7 Kilogramm schweren Superleggera-Stühlen aus dem 4. Stockwerk warf und das Sitzmöbel den Aufprall ebenso unbeschadet überstand.
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Ob sich der am 2. Juli 1796 in Boppard geborene Michael Thonet wohl hätte vorstellen können, dass sein Stuhl Nr. 14 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs weltweit über 50 Millionen Mal über die Ladentheke gehen würde?

Dass er wirklich innovative Dinge schuf, durfte ihm jedenfalls zu Lebzeiten klar gewesen sein, wurden seine Schöpfungen doch seit der ersten Weltausstellung 1851 in London regelmäßig ausgezeichnet. Doch schon vorher konnte er Kunden aus den höchsten Kreisen begeistern, darunter den Fürsten Liechtenstein, dessen Wiener Palais er ausstattete, sowie Clemens Fürst Metternich, der ihn überhaupt erst nach Wien geholt hatte, da er Thonets Talent in Boppard für verschwendet hielt.
Durch den Erfolg des Nr. 14 katapultierte sich das Unternehmen Thonet mitten in die industrielle Ära und eröffnete Fertigungsstätten in Osteuropa, wo das Ausgangsmaterial, vor allem Buchenholz, in ausreichender Menge vorhanden war. Ende der 1850er Jahre produzierte eine Thonet-Fabrik in Mähren, in der 300 Arbeiter beschäftigt waren, täglich 200 Möbelstücke. Michael Thonet kann getrost als einer der Pioniere der Standortverlagerung bezeichnet werden, der obendrein ein perfekt organisiertes System der Unterauftragsvergabe gründete.
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Diesen Sinn fürs Geschäft erbten auch Michael Thonets fünf Söhne, die ihren Vater nach und nach die Arbeit abnahmen, auch wenn der Unternehmensgründer bis zu seinem Tod am 3. März 1871 die Zügel in der Hand behielt. Das Erbe der Gebrüder Thonet bestand aus sechs Fabriken in Europa und rund fünfzehn Vertriebsstellen in aller Welt, darunter New York und Chicago.

Dem Sinn für Innovation treu geblieben, führten die Gebrüder Thonet das Unternehmen bis 1914 sehr erfolgreich weiter, indem sie die großen Namen der Wiener Secession für Entwürfe mit ins Boot holten, die das gebogene Holz perfekt mit der Formsache des Jugendstils in Einklang zu bringen wussten.
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Der Erste Weltkrieg ließ die Erfolgskurve des Unternehmens einknicken, als der bis dahin von der Bourgeoisie geprägte Geschmack abgelöst wurde von dem Verlangen nach einfachen und verfeinerten Formen. Die neuen Stahlrohrmöbel des Bauhaus geben nun den Ton an und der „König des Kaffeehaus-Stuhls“ muss sich damit arrangieren. Hilfe nahte durch den ungarischen Geschäftsmann Leopold Pilzer, der Thonet mit zwei bisherigen Konkurrenzunternehmen 1922 zu Kohn-Mundus-Thonet zusammenlegte.
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Der Zweite Weltkrieg erwies sich als noch schmerzhafter, da viele der Verkaufs- und Produktionsstätten Thonets zerstört wurden oder durch ihre Lage in Osteuropa nicht mehr erreichbar waren. Der jüdische Leopold Pilzer war bereits 1937 vor den Nationalsozialisten geflohen. Und so war es nach Kriegsende Michael Thonets Urgroßenkel Georg, der die Leitung des Unternehmens übernahm.

Mittlerweile wird das Familienunternehmen in sechster Generation geführt, auch wenn es in verschiedene Bereiche und unabhängige Zweige unterteilt ist. Wie schon vor 100 Jahren werden auch heute bekannte Designer für die Entwicklung zeitgenössischer Linien herangezogen. Der Stuhl Nr. 14, der 2019 seinen 160. Geburtstag feierte, wird noch immer hergestellt.
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Aktualisierte Version eines Artikels vom 30. Juni 2020










