Der Begriff Art Brut („rohe Kunst“) wurde 1945 vom französischen Maler und Bildhauer Jean Dubuffet (1901-1985) eingeführt und theoretisiert. 1972 prägte der Kunstkritiker Roger Cardinal (1940-2019) den Begriff Outsider Art als englisches Synonym für die französische Bezeichnung. Beeinflusst von der Lektüre des Buches Bildnerei der Geisteskranken (1922) des Psychiaters Hans Prinzhorn und fasziniert von der nomadischen und ephemeren Natur einiger afrikanischer Stämme, verwendete Dubuffet den Begriff Art Brut, um auf Kunst hinzuweisen, die von Autodidakten oder nicht-professionellen Künstlern fernab der Schemata ästhetischer Normen, sondern vielmehr spontan und ohne kulturellen Anspruch geschaffen wurde.

Typischerweise haben diese Künstler nur wenig Kontakt mit der traditionellen Kunstwelt oder Kunstinstitutionen und nicht selten werden ihre Werke erst nach ihrem Tod entdeckt. In diese Kategorie fallen beispielsweise Patienten in psychiatrischen Kliniken oder auch Gefängnisinsassen. In diesem Sinn erhält „brut“ auch die Bedeutung von authentisch, rein, unverfälscht. Dubuffet war davon überzeugt, dass das Leben einfacher Individuen mehr Poesie als die akademische Kunst enthält, und schuf daher selbst eine Kunst frei von intellektuellen Sorgen, die manchmal primitiv und kindlich anmutet.
Jean Dubuffet war es auch, der den Schweizer Adolf Wölfli (1864-1930) wiederentdeckte und in den Kreis der Art Brut-Künstler aufnahm.

Auf dem Land in einer sehr ärmlichen Umgebung aufgewachsen, war die Kindheit von Wölfli von dem Grauen und der Gewalt eines alkoholkranken Vaters geprägt. Als junger Erwachsener wurde Wölfli für schizophren erklärt, weshalb er den Rest seines Lebens in einer psychiatrischen Klinik verbrachte. Dort begann er zu zeichnen, zu schreiben und zu komponieren. Seine Kunst erregte die Aufmerksamkeit des Psychiaters Walter Morgenthaler, der Wölflis künstlerischen Ausdruck fördern wollte. Die Zeichnungen, in den die obsessiven Wiederholungen geometrischer Elemente hervorstechen, scheinen eine Art Horror-Vakuum darzustellen.
Auch beim Schreiben zeigte Wölfli ein so ungewöhnliches Talent für ausgefeilte Wortspiele, dass er mit Lewis Carroll verglichen wurde. Zudem war er sogar Andy Warhol einen Schritt voraus, da er einige Jahrzehnte vor ihm ein Werk namens Campbell’s Tomato Soup schuf, das eine Dose der Marke zeigte, die der „Papst der Pop Art“ später berühmt gemacht hatte. 1945 entschied Jean Dubuffet, Wölfli in der Kanon der Art Brut-Künstler aufzunehmen, aufgrund von dessen selbst angeeignetem künstlerischen Geist, der ihn von Konventionen und äußeren Einflüssen trennte.
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Der deutsche Künstler Paul Goesch (185-1940) galt als Aquarellspezialist, war geistig und körperlich sehr anfällig und oft Opfer psychotischer Schübe. 1917 wurde auch bei ihm Schizophrenie diagnostiziert und er kam in die Psychiatrische Klinik Göttingen, die von seinem Schwager geleitet wurde. Dieser erlaubte es ihm, sich künstlerisch zu betätigen. In der Klinik schuf Goesch Aquarelle und Zeichnungen, die er auf Umschlägen, Plakaten, Zeitungen und allen möglichen Bildträgern ausführte, die er nur finden konnte. Außerdem verfasste er Gedichte und schrieb zahlreiche Märchen, die er illustrierte.
1940 wurde Goesch zu einem der vielen Opfer des Euthanasieprogramms der Nationalsozialisten. Seine Kunst, die im Kontext seiner sozialen Isolierung als psychisch kranke Person betrachtet werden muss, macht ihn zu einem Vertreter der Art Brut.

Auch der die Einsamkeit bevorzugende amerikanische Schriftsteller Henry Darger (1892-1973) gehört zu den wichtigsten Vertretern der Art Brut. Bereits in jungen Jahren kam er in ein Kinderheim, aus dem er später fliehen konnte. Fortan führte er ein sehr einfaches Leben und begann, alle möglichen Gegenstände auf der Straße zu sammeln (Garnspulen, Brillen, Schuhe), die er dann mit seinen Kunstwerken in seiner beschiedenen Atelierwohnung ausstellte.
Auf den ersten Blick scheinen sich Dargers Arbeiten nicht sonderlich von Illustrationen in Kinderbüchern zu unterscheiden, doch bei genauerer Betrachtung fallen einige deutlich finsterere Elemente auf. Darger war sehr einsam und hatte nur einen einzigen Freund namens William Schloeder, den er oft als seinen „großen Freund“ bezeichnete, was einige Forscher vermuten ließ, die beiden hätte eine romantische Beziehung verbunden.
Kurz vor Dargers Tod entdeckten seine Vermieter seine Werk. Da sie sich um seinen Nachlass kümmerten, beschlossen sie, Dargers Werke publik zu machen und ihm somit posthum zum Erfolg zu verhelfen. Henry Darger ist heute ein bekannter Name der Outsider Art und einige seiner Arbeiten wurden auf dem New Yorker Outsider Art Fair zu recht hohen Preisen verkauft.
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Unter den weiblichen Vertretern der Art Bau ist die Tschechin Anna Zemánková (1908-1986) hervorzuheben, die als autodidaktische Malerin, Zeichnerin und Pastellkünstlerin aktiv war. Nach dem Tod ihres ältesten Sohnes im Jahr 1939 hatte Zemánková in den 1950er Jahren mit Depressionen zu kämpfen. Ihr Zweitgeborener, ein Bildhauer, schlug ihr daher vor, sich künstlerisch zu betätigen. Im Alter von 52 Jahren begann Zemánková „wirbelnde und leuchtende Zeichnungen“ zu schaffen, die sich dann zu floralen und abstrakten Formen, Arabesken, Spiralen und geometrischen Mustern entwickelten. Diese Werke schuf sie morgens zwischen 4 und 7 Uhr in einer Art Trancezustand. Zemánková hingegen definierte ihre Arbeit als das Ergebnis eines spontanen, nie vorsätzlichen Prozesses. Es war, als entstünden ihre Arbeiten von allein, ohne, dass sie sie jemals reflektieren oder Ausradieren musste. Die frühen Morgenstunden versorgten die Künstlerin mit magnetischen Kräften, die ihre Kreativität zu entfesseln vermochten. „Ich züchte Blumen, die nirgendwo anders wachsen“, sagte sie.
Der tiefere Sinn der Art Brut bzw. Outsider Art ist in diesem spontanen, autodidaktischen Schaffensprozess enthalten, der frei von jeder Auferlegung und das Ergebnis eines emotionalen Antriebs ist; einer Bewegung, die von bestimmten zeitliche Grenzen losgelöst und vor allem mit individueller Inspiration und unmittelbarer Kommunikation verbunden ist.










