Wer im Zeitalter des Rokoko lebte, war sich dessen gewissermaßen gar nicht bewusst, wurde der Begriff, der den dekorativen Stil der Zeit von etwa 1720 bis 1770 beschreibt, erst Ende des 18. Jahrhunderts vom französischen Künstler Pierre-Maurice Quay, einem Vertreter des strengen Klassizismus und Schüler Jacques-Louis Davids, geprägt. Bei der Bezeichnung „Rokoko" bezog er sich auf das zentrale Element des Stils, das rocaille („Muschelwerk“), welches eine bis dahin unvergleichliche Verspieltheit vermittelt hatte.
Wie so häufig wenn es um eine Mode geht, ist auch der Ursprung des Rokoko in Frankreich zu suchen. Dort hatte bis zum Tod Ludwigs XIV. ein pompöser barocker Klassizismus vorgeherrscht, mit dem der Sonnenkönig seinen Hof zum prachtvollsten in ganz Europa gemacht hatte. Im riesigen Schloss von Versailles versammelte er Frankreichs Adel – das Gebäude (und damit Ludwig selbst) wurden zum Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens.
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Als Ludwig XIV. 1715 starb, war sein Nachfolger, sein Urenkel Ludwig XV., erst fünf Jahre alt. Als Regent für den noch unmündigen neuen König wurde der Neffe des gewesenen Königs, Philippe, Herzog von Orléans, eingesetzt. Die nun folgende bis 1723 andauernde Phase wird als Régence bezeichnet und bildete die Grundlage für den darauffolgenden Rokokostil.

Mit Philippe von Orleáns zog der Hof wieder nach Paris, wo der Regent im Palais Royal, dem Wohnsitz seiner Familie (er war der Sohn des Bruders des Sonnenkönigs), residierte. Und der Adel zog gerne mit ihm in die Hauptstadt, wo man in den großzügigen Stadthäusern, den sogenannten Hôtels particulier, wohnte, statt in kleinen Kammern im Schloss von Versailles. Man genoss das Großstadtleben und traf in den von gebildeten Damen geleiteten Salons auf Philosophen und Wissenschafter, Dichter und jeden, der auf elegante Art und Weise eine geistvolle Bemerkung machen konnte.
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Statt bei Hofe dem ein öffentliches Leben führenden König zu schmeicheln und auf irgendeine Funktion im strengen Gefüge des höfischen Protokolls zu hoffen, begann das Privatleben eine stärkere Rolle zu spielen, was sich in Kunst, Dekoration und Mode bemerkbar machte. Die Inspiration kam von der Natur, die in zierlichen Elementen und zum ersten Mal nicht von einer strengen Geometrie dominiert die Räume eroberte. Je privater der Raum, desto „rokokohafter“ seine Ausstattung, könnte man sagen. Es war ein sehr privater Stil, der jedes Protokoll vergessen lassen sollte. Derart ausgestattete Lustschlösschen schossen allerorts wie Pilze aus dem Boden.
Das Zentrale element war ab 1730 das rocaille, das „Muschelwerk“, das in asymmetrischen c- oder s-förmigen Schnörkeln daherkam. Daraus erwuchsen in fantasievollen Ranken Stuckaturen und Holzschnitzereien, die für Decken und Wände, Gemälde und Spiegel sowie für alle möglichen Möbelstücke einen Rahmen bildeten. Edel musste es aber doch aussehen, sodass diese Rahmen meist mit Blattgold oder Silber verziert wurden, sodass sich bei besonders luxuriösen Raumdekorationen ein harmonisches Ganzes ergab, in dem Wandzier und Mobiliar ineinander übergingen.

Ergänzt wurden diese Rahmen durch Bilder von ganz unterschiedlicher Herkunft. Zum einen sind da die fêtes galantes zu nennen, die Antoine Watteau noch zu Zeiten der Régence in die Kunst eingeführt hatte. Sie zeigen eine höfische Gesellschaft, die sich in arkadischen Gefilden der Liebe hingibt.
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Die zunehmende Hinwendung zur Natur brachte die in einer ähnlichen Umgebung abgesiedelten Schäferszenen hervor, die die Aristokratie und das zunehmend erstarkende Bürgertum von einem einfachen Leben auf dem Lande träumen ließ. Diese Träumereien, die von den Texten der Philosophen wie Jean-Jacques Rosseau befeuert wurden, gingen soweit, dass reiche Leute in ihren Schlossparks Kulissendörfer errichten ließen, in denen man Bauer und Bäuerin spielen konnte. Das bekannteste Beispiel hierfür ist zweifelsohne das Hameau Marie Antoinettes im Park des Schlosses von Versailles.

Der Trend zum Ländlichen kam aber auch aus England, wo man nach und nach die strenge Symmetrie der Barockgärten mit ihren gestutzten Hecken und schnurgeraden Alleen hinter sich ließ, um stattdessen in natürlich wirkenden, jedoch genau geplanten Landschaftsgärten spazieren ging, in denen man unverhofft hinter der nächsten Wegbiegung neben „Fake“-Bauernhäusern auf künstliche Grotten, griechische Tempel und chinesische Pagoden treffen konnte – von einem pittoresken Ausblick ganz zu schweigen.
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Apropos „chinesisch“: Exotische Dekors mit Motiven aus Fernost, die sogenannten Chinoiserien, waren eine weitere Komponente des Rokoko, eine weitere Fantasiewelt, die die Träume von Arkadien und Schäferidyllen ergänzte. Durch den Ostasienhandel waren chinesische und japanische Lackarbeiten und Porzellane in Europa in Mode gekommen und wurden gerne importiert. Auf ihnen dargestellt waren Landschaften mit Personenstaffagen und exotischen Pflanzen und Tieren, die ein von Harmonie geprägtes Leben in den beiden fernen Kaiserreichen präsentierten.

Lacktafeln wurden von den hervorragenden Möbeltischlern des 18. Jahrhunderts in Kommoden, Kabinetten und Schreibtischen verarbeitet. Auch ganze Räume wurden mit ihnen ausgestattet. Ein schönes Beispiel dafür ist das Japanische Kabinett im Alten Schloss des Eremitage-Parks in Bayreuth, das 1739 eingerichtet wurde. Auftraggeberin war die Markgräfin von Bayreuth, Wilhelmine, eine geborene Prinzessin von Preußen und Lieblingsschwester Friedrichs des Großen. Tatsächlich schuf Wilhelmine in Bayreuth eine ganz eigene Ausprägung des Rokoko, genauso wie ihr königlicher Bruder mit dem Friderizianischen Rokoko in Potsdam.
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Auch dem Porzellan wurde viel Aufmerksamkeit und gerne auch eigene Räume gewidmet. Diese waren zunächst den Importen aus China vorbehalten, bis man in Meißen das europäische Porzellan erfand und 1710 die erste Manufaktur gründete. Dort kopierte man zunächst die Originale aus China, fand jedoch schnell zu einem eigenen Stil, der perfekt in die Epoche des Rokoko passte und einen bedeutenden Anteil an deren Identität hatte. Die Konsolen, Tische und Kaminsimse wurden nun von filigranen Vasen, galanten Figurengruppen, naturalistischen Vertretern der Fauna und Göttern des Olymps bevölkert, die in Meißen, Sèvres, Wien, München oder Berlin aus dem Brennofen geholt wurden.
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Ganz ähnliche Themen finden sich auch im weiteren Verlauf der Rokokomalerei mit ihren schattenlosen Akten, ländlichen Idyllen, eleganten Genreszenen und Porträts in zarten Pastelltönen. Als absoluter Meister ist hier François Boucher zu nennen, der die entblößte Venus genauso gemalt hat wie seine Gönnerin, die allmächtige königliche Mätresse Madame de Pompadour, oder auch Genreszenen, die private Einblicke in die Welt des Rokoko gewähren.
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Das Rokoko war von Gegensätzen geprägt, in denen die Inspiration der Natur auf eine besonders kunstvolle Geziertheit traf. Damit war der Stil im Grunde die perfekte Reflexion seiner Zeit, in der aus Alchemie Chemie und aus Aberglaube Wissenschaft wurde; in der sich Vernunft und Glaube, Sittenlosigkeit und die aufkommende Romantik und schließlich sogar Monarchie und Republik einander gegenüberstanden – wie ein Schwanengesang auf ein Zeitalter, das dem Untergang geweiht war.
Das Rokoko umfasst ziemlich genau die Regierungszeit Ludwigs XV. von Frankreich (1723-74), weshalb man nach Möbeln und Dekoration im Louis XV-Stil Ausschau halten sollte, sollte man ein entsprechendes Stück erwerben wollen. Doch ist hier auch Vorsicht geboten, denn im 19. Jahrhundert kam es zu einer Renaissance des Rokoko, die dieses mal besser mal schlechter kopierte.
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Das Rokoko verschwand nicht von heute auf morgen aus den Salons. Es war eine um 1760/70 einsetzende Entwicklung, die durch die Wiederentdeckung griechisch-römischer Ideale ausgelöst wurde, an der die ab 1763 erfolgten Ausgrabungen in Pompeji einen nicht unerheblichen Anteil hatten. Auf dem Weg zum Klassizismus kam es zu einem Übergangs- (Transitions-) Stil, der nach dem neuen französischen König, Ludwig XVI. (Regierungszeit 1774-1792) benannt wurde, obwohl es eigentlich dessen Frau Marie Antoinette war, die ihn mit ihrem Geschmack besonders prägte. Hier traf die Verspieltheit des Rokoko in Form von Girlanden auf die geraden Linien des Klassizismus – ein würdiger Abschluss für eine von Gegensätzen geprägte Epoche.










