Im antiken Rom sagte man nullum magnum sine mixtura dementiae fuit ("Es gibt kein großes Genie ohne einen Hauch von Wahnsinn"). Seitdem wird das Phänomen, dass Genie und Wahnsinn ganz eng beieinander liegen, immer wieder bemerkt und erforscht. Schon Aristoteles identifizierte eine Korrelation zwischen außergewöhnlichen Gedanken und einem melancholischen Temperament und sprach von der "Melancholie des genialen Mannes".
In der Renaissance erhielt der Wahnsinn, der weiterhin als Geisteskrankheit betrachtet wurde, den Wert einer "offenbarenden Kraft". In diesem Sinne symbolisch war die Abhandlung von Erasmus von Rotterdam Lob der Torheit, die als Quelle der Freude, des Vergnügens und der Unbeschwertheit angesehen wurde. Auf dem Weg über die Romantik, die die Rationalität der Aufklärung zugunsten einer größeren Irrationalität, gemischt mit einem kreativen Genie, ablehnte, gelangen wir schließlich zu Jean Dubuffets Art brut (auch bekannt als Outsider Art) und spontan entstanden Kunstwerken, die das Konventionelle eines ästhetischen Kanons nicht respektieren, wie etwa jene, die in Anstalten und Gefängnissen entstehen.
In jüngster Zeit scheinen zahlreiche Wissenschaftler auch auf neurologischer Ebene einen Zusammenhang zwischen psychischen Erkrankungen und Kreativität gefunden zu haben, der ähnliche Merkmale zwischen „kreativen“ psychischen Prozessen und psychischen Pathologien verfolgt. Im Folgenden sollen wir ihnen einige Künstlern vor, die es geschafft haben, die mentale Pathologie in Kunst von außergewöhnlichem Wert umzuwandeln.
Yayoi Kusama (*1929)

Die im japanischen Matsumoto geborene Yayoi Kusama lebet sei t Jahrzehnten freiwillig in einer psychiatrischen Klinik. Traumatisiert vom Japan der Nachkriegszeit, litt sie schon in jungen Jahren unter psychischen Problemen, insbesondere Zwangsstörungen und Halluzinationen. Ihr wurde eingebläut, dass der Kontakt zum anderen Geschlecht unrein sei, was zu einer Phobie gegenüber Männern führte, bis sie phallische Visionen verschiedener Art entwickelte. Sogar die sich wiederholenden Werke voller Punkte (die ihr den Spitznamen "Polka Rot Queen") einbrachten, und die gelben Kürbismotive, die charakteristisch für ihr Œuvre sind, scheinen ihren Halluzinationen entsprungen zu sein. Yayoi Kusama hat ihrer inneren Landschaft Gestalt verliehen und benutzt Kunst als Vehikel, wodurch sie zu einer der berühmtesten zeitgenössischen Künstlerin der Welt wurde.
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Amedeo Modigliani (1884-1920)

Viele Mitglieder der Familie Modigliani litten an Depressionen, Amedeo Modigliani war da keine Ausnahme. Der toskanische Maler, der von seinen Freunden auch Modì genannt wurde, führte in Paris den Lebensstil der Bohème, der aus Alkohol und Drogen bestand, aber auch zu herausragenden Kunstwerken führte. Modigliani starb 1920 im Alter von nur 35 Jahren nach einem gequälten Leben, das zu einem großen Teil der Selbstzerstörung gewidmet war.
Henri de Toulouse-Lautrec (1864-1901)

Dass Henri de Toulouse-Lautrec alkoholabhängig war, ist kein Geheimnis. Der Künstler wurde zum Sklave der Flasche, vor allem, wenn diese mit Absinth gefüllt war. Oft halluzinierte er und trank sich ins Delirium tremens. Schließlich wurde es so schlimm, dass er in eine psychiatrische Klinik eingeliefert werden musste.
Edvard Munch (1863-1944)

Edvard Munch wurde regelmäßig von Albträumen und schrecklichen Visionen heimgesucht, die seinen künstlerischen Stil beeinflussten. Munch selbst sagte über sein berühmtes Werk Der Schrei, das als Symbol der modernen Entfremdung gilt, dass es nur von einem Verrückten gemalt worden sein könne. Seine Werke spiegeln die existenzielle Angst ihres Schöpfers wider, was auch durch den brachialen Farbeinsatz zum Ausdruck kommt.
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Louis Wain (1860-1939)

Wer Kunst und Katzen mag, der kommt um Louis Wain kaum vorbei, ein Künstler, der mit seinen anthropomorphen Darstellungen von Hauskatzen berühmt wurde. Sein Dasein war durch den frühen Tod seiner Frau, der bei Wain eine tiefe Depression auslöste, und Schizophrenie getrübt. Nach Ansicht einiger Experten kommt das Fortschreiten seiner Krankheit in seinen immer abstrakter werdenden Bildern zum Ausdruck.
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Vincent van Gogh (1853-1890)

Die Gemälde von Vincent van Gogh werden oft als gequält, vibrierend oder mit einer greifbaren Angst behaftet beschrieben. Einige Forscher haben bei dem niederländischen Künstler einige Pathologien wie eine bipolare Störung und eine Borderline-Persönlichkeit diagnostiziert. Seine mentale Stabilität wurde durch gewohnheitsmäßigen Alkoholmissbrauch, Anfällen und psychotischen Episoden untergraben, was sehr wahrscheinlich dazu führte, dass er selbst eines seiner Ohren verstümmelte.
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Paul Gauguin (1848-1903)

Eine Zeitlang war Van Gogh mit Paul Gauguin befreundet, ein eher kontrovers betrachteter Künstler, dem immer wieder unterstellt wurde, Van Goghs Ohr im Streit abgeschnitten zu haben. Auch Gauguin litt unter Anfällen schwächerer Depressionen, die einmal in einem Selbstmordversuch gipfelten.
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Edgar Degas (1834-1917)

Auch Impressionist Edgar Degas, der vor allem für seine Bilder von Balletttänzerinnen bekannt ist, wurde von Depressionen heimgesucht. Gefürchtet waren sein unruhiges und mürrisches Temperament und sein beißender, mitunter grausamer Sinn für Humor. Oft versteckte er sich tagsüber in seinem Atelier, um nachts alleine durch die Straßen von Paris zu streifen.
Francisco de Goya (1746-1828)

In den Gemälden von Francisco José de Goya y Lucientes nimmt man oft Gefühle der Einsamkeit, Angst und Entfremdung war, die den Geisteszustand des Malers zu reflektieren scheinen. Goya war häufig das Opfer von psychischen Zusammenbrüchen, die einige Experten dem Ménière-Syndrom, andere einer paranoiden Demenz zuschreiben. Emblematisch ist das Werk Saturn verschlingt seinen Sohn, das Teil seines Zyklus' der Schwarzen Gemälde ist. Der mythologische Charakter wird als Kannibale mit hervortretenden, pechschwarzen Augen dargestellt, die das Böse an sich zu symbolisieren scheinen.
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Michelangelo Buonarroti (1475-1564)

Der facettenreiche Künstler (Bildhauer, Maler, Architekt, Dichter) Michelangelo verkörpert den Archetyp des modernen Genies. Seine Kunst ist auf der ganzen Welt bekannt, von der dunklen Seite seiner Psyche haben jedoch nur wenige gehört. Seine Tendenz zu Depressionen wurde von einigen Forschern als bipolare Störung identifiziert. Sein Genie verhalf ihn jedoch zum höchsten künstlerischen Ausdruck. Die dunkle Seite Michelangelos ergänzt unser Bild des Küsters, der gleichermaßen kontrovers, faszinierend und menschlich war.
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Friedrich Nietzsche sagte: "Man muss Chaos im Inneren haben, um einen tanzenden Stern hervorzubringen." Sicherlich haben die hier aufgeführten Künstler – und viele andere "extravagante" Köpfe, die ihnen ähnlich sind – dazu beigetragen, die Kunst zum Leuchten zu bringen und die Welt zu formen und schöner zu machen.




