Der Durchschnittspreis für eine Arbeit auf Papier ist im Vergleich zu anderen Kunstwerken deutlich attraktiver. Sie ermöglichen es, echte kleine Meisterwerke für 5.000 bis 50.000 Euro mit nach Hause zu nehmen.
Kunst auf Papier befindet sich gerade in einem Goldenen Zeitalter. Auch in den kommenden Frühjahrsauktionen von Sotheby's und Christie's sind sie mehrfach vertreten.
Auf einem von auf Leinwand ausgeführten Werken dominierten Markt ist die Wiederentdeckung von Papierarbeiten ein relativ neues Phänomen. Seit 2010 hat der Wert von Papierarbeiten exponentiell zugenommen. Da sie nicht selten interessantere Figuren als so manche Leinwandarbeit beinhalten, wurden sie für Sammler und Kunstfreunde stetig attraktiver.
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Auch Messen und Institutionen haben zum neuen Interesse an Arbeiten auf Papier beigetragen. Wir haben mit Paolo Manazza über dieses Phänomen gesprochen. Manazza ist Journalist, Maler, Kunstmarktexperte und Gründer von WopArt, der Messe für Papierarbeiten, die seit 2016 besteht und jedes Jahr im September in Lugano stattfindet.

Barnebys: In den letzten Jahren scheint der Markt für Papierarbeiten kontinuierlich zu wachsen: Auktionshäuser präsentieren dementsprechende Versteigerungen, die Zahl der Sammler nimmt zu, Messen eröffnen spezielle Bereiche oder konzentrieren sich, so wie WopArt, sogar ausschließlich darauf. Wann und wie ist dieses erneute Interesse entstanden?
Paolo Manazza: Die wachsende Aufmerksamkeit für Arbeiten auf Papier begann nach 2020, würde ich sagen, als Christie's und Sotheby's in New York und London damit anfingen, in ihren Katalogen immer wichtigere Arbeiten zu präsentieren. Während der sogenannten Big Auctions (Februar, Juni und Oktober in London; Mai und November in New York) haben diese beiden führenden Auktionshäuser zusätzlich zu ihren Day und Evening Sales der Sparten Impressionismus & Moderne und Zeitgenössische Kunst entsprechende separate Kataloge mit Papierarbeiten eingeführt. Dies hat zweifellos zu der erhöhten Aufmerksamkeit für dieses Marktsegment, das früher eher als klein galt, geführt. Das ist nun grundsätzlich anders und Arbeiten auf Papier nehmen eine zentrale Rolle bei den Umsätzen ein, die in den kommenden Jahren noch weiter wachsen wird.

Was sind Ihrer Erfahrung nach die Faktoren, die Arbeiten auf Papier für Sammler so interessant machen?
Im Großen und Ganzen sind es drei Faktoren, die dazu beitragen, das Wachstum von Aufmerksamkeit und Preisen konstant zu halten. Zunächst einmal bringt eine Papierarbeit den Kerngedanken ihres Schöpfers, also des Künstlers, zum Ausdruck. Ich würde dies als so poetisch beschreiben, dass es so manchen großen Künstler davon überzeugt hat, Papierarbeiten zu schaffen, die einen ästhetischen Forschungswert haben, ohne bloß eine Skizze oder der Nachweis für etwas anderes zu sein. Der Sammler von Papierarbeiten war schon immer ein sehr kultivierter Mensch mit einer sensiblen Seele. Für den Status dieser Arbeiten ist das heute ganz sicher ein Plus. Der dritte Grund ist der wirtschaftliche. Der Durchschnittspreis für eine Arbeit auf Papier ist im Vergleich zu anderen Kunstwerken deutlich attraktiver. Ein Beispiel: Für eine Gouache von Pablo Picasso aus den 1960er Jahren zahlt man zwischen 700 und 1 Millionen Euro. Ein von Picasso auf Leinwand ausgeführtes Ölgemälde aus jener Dekade kostet dalagen durchschnittlich 8 Millionen Euro. Und so sieht es auch bei vielen anderen modernen Künstlern aus, ganz zu schweigen von den Arbeiten des 19. bis frühen 20. Jahrhunderts. Da ist es heutzutage möglich, echte kleine Meisterwerke für 5 bis 50.000 Euro mit nach Hause zu nehmen.

Der Sammler von Papierarbeiten war schon immer ein sehr kultivierter Mensch mit einer sensiblen Seele.
Es wird häufig angemerkt, dass die Digitalisierung das Papier "ermordet" hat, weshalb auf Papier ausgeführte Kunst in den kommenden Jahrzehnten durch aus das Zeug hat zur Ikone zu werden. Sollte man daher mit einem weiteren Anstieg des Interesses an diesen Werken rechnen?
Meiner Meinung nach wird da übertrieben. Es wird noch mehrere Jahrzehnte dauern, bis dieser Mord am Papier beim Durchschnittsverbraucher ankommt. Aber es ist ja die Aufgabe von Künstlern und Intellektuellen, solche Dinge zuerst vorauszuahnen. Klar hat jeder von uns mehr Daten und Informationen auf dem Smartphone oder in der Cloud gespeichert als in einem Notizbuch. Ich sage jetzt mal, sollte ein Blatt Papier irgendwann einmal zur Ikone werden, wird ein Kunstwerk auf Papier zur Ikone auf einer Ikone werden.
Was ist der wahre Wert einer Papierarbeit - also nicht nur im wirtschaftlichen Sinne?
Wie ich schon sagte: Der poetische Aspekt des Entstehenden. Aber nicht nur das. Heute wählen viele zeitgenössische Künstler Papier als außergewöhnlichen und besonderen Bildträger. So kann beispielsweise nur Papier den Glanz bestimmter Pinselstriche verstärken. Zudem ermöglich seine Vielseitigkeit freier mit Formen zu spielen als mit anderen Materialien.

Was für Dinge, beispielsweise technische Eigenschaften, sollte man beachten und überprüfen, wenn man sich dafür entscheidet, eine Arbeit auf Papier zu kaufen?
Ist die Arbeit sehr alt, muss ihr Erhaltungszustand überprüft werden. Papierarbeiten sind zweifellos fragiler als andere. Schimmelbefall oder Risse mindern den Werk einer Arbeit beträchtlich. Im zeitgenössischen Bereich kommt es auf die Ausdruckskraft der Arbeit an.
Sie haben die auf Papierarbeiten spezialisierte Messe WopArt ins Leben gerufen und arbeiten als Journalist und Maler. Welcher Weg hat Sie zur Kunst geführt?
Ich denke, dass in Italien, vielleicht ausgehend vom Ciompi-Aufstand [Aufstand der rechtlosen Arbeiter der Textilindustrie gegen die Gilden in Florenz, Anm. d. Red.] im späten 14. Jahrhundert, jeder unbedingt eine Spezialisierung haben muss: Wer malt, kann nicht schreiben; wer schreibt, kann nichts erfinden. In den Vereinigten Staaten ist das seit vielen Jahren anders. Ich meine da den intellektuellen Bereich. Was zählt, ist nicht das "Was", sondern das "Wie"! Man betrachte nur Julian Schnabel, der heute als "Maler, Regisseur und Drehbuchautor" bezeichnet wird. Als er als Filmschaffender zu arbeiten begann, hielt man (in Italien) gar nichts davon. Als er 2007 jedoch den meisterhaften Film Schmetterling und Taucherglocke aus dem Hut zauberte, sagte niemand etwas.
Mein Weg ist einfach der einer Person, die in Malerei und Kunst verliebt ist. Ich male bereits seit meiner Kindheit und tat es dann lange Zeit unter einem Tarnmantel ("im Versteck", wie Alan Jones sarkastisch schrieb). Damals habe ich Malerei hauptsächlich studiert und (öffentlich) geschrieben. Als ich dann in Brera "Multimedia-Kunst" unterrichtete, kam mir der Gedanke, ArtsLife zu gründen, das jetzt (nicht dank mir, sondern allen, die dort arbeiten) eine der führenden Online-Zeitungen für Kunst in Italien ist.
Als mir die Idee zu einer Fachmesse für Papierarbeiten in den Sinn kam, fand ich Menschen, die daran glaubten, und wir riefen sie ins Leben. Ich bin nur der Schöpfer von WopArt, zum Leben erweckt wird die Messe von dem Team außergewöhnlicher Menschen, das dort arbeitet. Ein Team, das jeden Tag von jungen und professionellen Köpfen auf höchstem Niveau bereichert wird.
Ich denke, dass ich, sobald sich das Format von ArtsLife endgültig etabliert hat, die Arbeit daran mehr und mehr an die anderen übertragen werde. Tatsächlich habe ich bereits 2006 beschlossen, mit meine künstlerische Arbeit öffentlich zu machen. Ebenso interessiert mich die Forschung. Ich habe noch viele Ideen im Kopf.

Was können Sie uns über die diesjährige WopArt erzählen? Es soll einen neuen Sektor namens "Booming" geben...
Erinnern Sie sich , als ich sagte, dass Intellektuelle vorausschauend sein müssen...? Der Begriff "Coronavirus" kam hier noch gar nicht zur Sprache. Während eines Meetings stellten wir nun jedoch fest, dass das häufig in der Kunstwelt verwendete Wort emergente ["auftauchen"] den gleichen Ursprung hat wie emergenza ["Notfall"]. Daraufhin kontaktierten wir die talentierte Simona Gavioli, die nach der Messe SetUp in Bologna das Format BOOMing geschaffen hat.
Wir erklärten ihr, dass ihre Idee perfekt sei, um bei WopArt einen "open mind"-Bereich zu schaffen, der immer von hoher Qualität sein sollte, aber dazu bestimmt, Galerien, Künstler, Kollektive usw. zu beherbergen, die sich - durch Arbeiten auf Papier - dazu verpflichten, das Konzept des "Auftauchens" zu stören und es stattdessen mit der wörtlichen Bedeutung von "Notfall" zu verknüpfen. In diesem Sinne bezieht es sich auch auf die doppelte Bedeutung des Wortes "Notfall": Notfall als Dringlichkeit, aber auch als kritischer Moment für Veränderungen.
Der Bereich WopArt Booming wird seine Aufmerksamkeit auf die Suche nach Arbeiten auf Papier richten, die auf der Grundlage einer Kompatibilität ausgesucht wurden, die nicht nur ästhetisch oder funktional für den Markt ist. Galerien und Künstler, Interpreten einer notwendigen Kunst, Träger des Wandels, die sich kritisch einer kopflosen Ära und unmenschlichen Rhythmen gegenübersehen, versklavten sich zu einem unaufhaltsamen Konzept der Entwicklung. Und was die Entwicklung betrifft, so bestreite ich nicht, dass die Geschichte des Coronavirus, das Italien lähmt, sicherlich von der zukünftigen Kunst und Wirtschaft reflektiert werden wird. WopArt, dessen fünfte Ausgabe für Ende September [18.-20. September] in Lugano geplant ist, wird vielleicht zu den ersten Interpreten dieses beispiellosen Horizonts gehören. Tatsächlich sehen wir nach einer Krise normalerweise neue Wachstumsmodelle. Und der Markt für Papierarbeiten ist bereit, diese Herausforderung sowohl für Galeristen als auch für Sammler anzunehmen.
Wir danken Paolo Manazza für das Gespräch!




