Obwohl Leonardo da Vinci einer der berühmtesten Künstler der Welt ist – und auch der teuerste nach dem 450,3-Millionen-Dollar-Verkauf seines Salvator Mundi im Jahr 2017 – sind weniger als 20 seiner Gemälde bekannt, wobei seine Urheberschaft sogar bei nur acht davon allgemein anerkannt wird.
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In den 1480er Jahren, er war damals Ende Zwanzig, begann Leonardo mit der Arbeit an einem Gemälde, das er in Tempera und Öl auf einer Walnussholztafel ausführte. Das Gemälde zeigt einen ausgemergelten heiligen Hieronymus, dessen Gesicht in spiritueller Agonie verzerrt ist, während er inmitten der Wüste kniet. Im 4. Jahrhundert hatte Kirchenvater Hieronymus seine klassischen Studien gegen ein Leben als Eremit in der Einöde eingetauscht, wo er seine Zeit damit verbrachte, die Bibel ins Lateinische zu übersetzen. Im vorliegenden Werk hält er als Zeichen der Buße einen Stein in der rechten Hand, sein sehniger Körperbau zeugt von Leonardos Kenntnis der Anatomie. Wie gewöhnlich wird der Heilige auch hier mit einem Löwen zu seinen Füßen dargestellt. Dies geht auf jene Erzählung aus der im 13. Jahrhundert verfassten Legenda aurea zurück, wonach Hieronymus der Raubkatze einen Dorn aus der Pfote zog und so zu seinem neuen Begleiter kam.

Vermutlich war das Gemälde eine Auftragsarbeit für eine private Kapelle, wo es zu Gebet und Meditation anregen sollte. Weshalb Leonardo es nicht vollendete, ist nicht bekannt. Das Gemälde enthüllt Leonardos künstlerischen Prozess. So fertigte er beispielsweise zunächst eine Skizze an, bevor er mit dem Malen begann, und seine Finger zum Mischen der Farben direkt auf der Tafel verwendete.
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Die emotionale Zugkraft des Ausdrucks des heiligen Hieronymus ist unverkennbar und unterscheidet sich drastisch von Ruhe seiner Mona Lisa oder der Felsgrottenmadonna. Kunsthistoriker haben angemerkt, dass das Werk entstand, nachdem der junge Leonardo da Vinci der Sodomie mit einem männlichen Prostituierten – ein Verbrechen im Florenz des 15. Jahrhunderts – beschuldigt worden war. Zwar wurde er dafür nie zur Rechenschaft gezogen, doch hatte der Vorfall eine tiefgreifende Wirkung auf den Künstler, der 1483 nach Mailand zog. Einen Hinweis, ob er sein Gemälde des heiligen Hieronymus noch in Florenz oder bereits in Mailand begann, gibt es jedoch nicht.
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Der spätere Verbleib ist rätselhaft und man nimmt an, dass sich das Gemälde bis zum Tod Leonardos im Jahr 1519 in dessen Besitz befand. Erstmals erwähnt wird das Werk 1807 im Testament Angelika Kauffmanns, jener klassizistischen Malerin, die Gründungsmitglied der Royal Academy gewesen war und ihr Leben in Rom aushauchte.
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Anschließend wurde das Gemälde wohl in zwei Hälften zerteilt. Der Teil mit dem Torso des heiligen Hieronymus wurde von Joseph Fesch, Kardinal und Prinz von Frankreich, in einem Geschäft in der Ewigen Stadt entdeckt und mit dem anderen Teil wiedervereint, den er zuvor in der Werkstatt eines Schuhmachers hatte ausfindig machen können. Kardinal Fesch war ein Onkel Napoleon Bonapartes und ein leidenschaftlicher Sammler, der Werke von Michelangelo, Raffael, Tizian und Botticelli sein Eigen nannte. Später wurde Leonardos Gemälde an Papst Pius IX. verkauft, der mit einer Amtszeit von mehr als 30 Jahren die Position des Oberhauptes der katholischen Kirche am längsten innehatte. Mitte des 19. Jahrhunderts schenkte er das Gemälde den Vatikanischen Museen, wo es sich heute noch befindet.
Der kantige und gequälte heilige Hieronymus verleiht Leonardos kleinem, aber außergewöhnlichem Werk eine tiefgründige Dimension. In keinem anderen Gemälde fängt der Meister der Renaissance so starke Emotionen ein wie in seinem Heiligen Hieronymus und verleiht dem Werk den Schmerz der Buße und die aufopfernde Hingabe an die Askese.
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