Ein seltenes Manuskript von Paul Gauguin, sicherlich das wertvollste, das seit dem Zweiten Weltkrieg in eine öffentliche Sammlung in England gelangt ist, wurde kürzlich von der Londoner Courtauld Gallery erworben. Der Preis lag bei 7,1 Millionen Euro.
Das Werk, ein Notizbuch, umfasst 213 Seiten mit etwa 30 Originalzeichnungen und Anekdoten über die Kunstszene jener Zeit. Zusammengestellt im Jahr 1903 in Polynesien, also kurz vor dem Ableben des Künstlers, führte das Buch beinahe ein Jahrhundert lang eine Art Schattendasein, wurde privat immer weiterverkauft, ohne auf dem Kunstmarkt aufzutauchen. Auch ist das Manuskript nie ausgestellt worden und, laut The Art Newspaper, hat kein Kunsthistoriker es seit rund 50 Jahren zu Gesicht bekommen.
Lesen Sie auch: Paul Gauguin: Die verlorene Unschuld

Die Wiederentdeckung von Avant et après ("Vorher und nachher"), eine Mischung aus Erinnerungen und Manifest, brachte neue Erkenntnisse zum Leben des Künstlers, seinem Geisteszustand und seinen Beziehungen. So erfahren wir beispielsweise, wie Gauguin über die Werke seiner Zeitgenossen Camille Pissarro, Edgar Degas, Paul Signac und Paul Cézanne dachte. Hochinteressant sind auch seine Ausführungen zu der qualvollen Episode, die sich zwischen ihm und Vincent van Gogh in Arles abgespielt hat und die zur Selbstverstümmelung des niederländischen Künstlers führte. Gemäß der Meinung einiger Historiker, nutzte Gauguin die Gelegenheit, um seine Handlung zu rechtfertigen und die Schuld seinem (ehemaligen) Freund zuzuschieben.
Lesen Sie dazu: Die dramatischen Ereignisse rund um Vincent van Goghs Sonnenblumenbilder
Auf gewährt uns Gauguin Einblicke in sein Empfinden hinsichtlich seiner eigenen Werke, indem er die Pariser Kunstkritiker verurteilt, die die Modernität seiner Gemälde nicht erfassen können. Ebenso verurteilt der die kolonialen und kirchlichen Machthaber in Französisch-Polynesien. Am Ende seines Lebens war Gauguin auf den Marquesas-Inseln als Unruhestifter bekannt, der sich mit den dortigen Behörden und der Gendarmerie anlegte. Seine Einstellung gegenüber Frauen führte auch zu Protesten seitens der Polynesier, die in ihm einen Opportunisten sahen, der seine einheimische Freundin so oft wechselte wie sein Hemd.

"Obwohl er einer der einflussreichsten Künstler des 19. Jahrhunderts war, ist Gauguin auch eine der kontroverse Person. Wir werden nun dafür Sorge tragen, dass dieses bedeutende Manuskript vollständig untersucht und öffentlich gemacht wird, um dazu beizutragen, Gauguins viel diskutiertes Erbe neu zu bewerten", sagt Ernst Vegelin van Claerbergen, Leiter der Courtauld Gallery.
Gauguin hoffte, dass das Manuskript nach seinem Tod in Frankreich veröffentlicht werden würde, weshalb er es an seinen Freund André Fontainas, ein Kunstkritiker in Paris, schickte. Da der Maler damals jedoch relativ unbekannt war, war das Interesse an einer solchen Veröffentlichung eher gering. 1907 übermittelte Fontainas das Manuskript schließlich an Mette Gauguin, die Witwe des Künstlers. Sieben Jahre später verkaufte Mette Avant et après an den deutschen Verleger Kurt Wolff, der 1918 einen kleinen Faksimiledruck veröffentlichte.

Im selben Jahr gelangte das Originalmanuskript über den Verleger Erik-Ernst Schwabach an den Textilfabrikanten Erich Goeritz, der 1934 aus Deutschland floh und nach England ging. Nach Goeritz' Tod im Jahr 1955 tauchte das Buch im Besitz des New Yorker Kunsthändlers John Fleming (Rosenbach Gallery) auf. Nachdem sein Wert auf 85.000 USD geschätzt worden war, kehrte Avant et après nach einem Rechtsstreit zur Familie des Künstlers zurück.
Und so war es eines der Enkelkinder Paul Gauguins, das der Courtauld Gallery das Manuskript nun anbot. Die Erwerbung wurde durch das vom Arts Council verwaltete Programm Acceptance in Lieu der Regierung ermöglicht. Dieses System ermöglicht es den Steuerzahlern, Kulturgüter und Kunstwerke an den Staat zu übertragen, um ihre Erbschaftssteuern zu begleichen.
Lesen Sie auch: Sind zwei Gauguin-Gemälde in US-Museen Fälschungen?
Edward Harley, OBE, Vorsitzender des Acceptance in Lieu-Gremiums, sagt: "Avant et après, das kurz vor Gauguins Tod entstand, ist reich illustriert und das letzte bedeutende Manuskript aus Gauguins geschriebenen Werken, das sich in privater Hand befindet. Ich hoffe, dieses Beispiel wird andere ermutigen, das Programm dazu zu benutzen, um Kunst und Kultur zugänglich zu machen und unsere nationalen Sammlungen zu erweitern."

Mit der Erwerbung erweitert die Courtauld Gallery seine Gauguin-Sammlung, die größte im Vereinigten Königreich. Ab 2021 soll das Manuskript dann im zentralen Raum der Galerie ausgestellt werden. Avant et après wird dann zu Nevermore und Te Rerioa, zwei weitere Meisterwerke in der Sammlung des Museums, stoßen. Zudem wird das Manuskript digitalisiert werden.
"Nachdem es für beinahe ein Jahrhundert aus der Öffentlichkeit verschwunden war, stellt das Wiederauftauchen des Originalmanuskripts von Avant et après ein sensationelles Ereignis dar. Reich illustriert mit Zeichnungen und Drucken, standen die Chancen schlecht, dass es intakt überleben würde", sagt Vegelin van Claerbergen.
Weitere Neuigkeiten vom Kunstmarkt finden Sie im Barnebys Magazin.




