Das Zeichnen ist die Basis von allem.
Eine mit brauner Tusche ausgeführte Skizze, die Vincent van Gogh im Sommer 1888 zu Papier gebracht hat, kommt diesen März bei Christie's unter den Hammer. Die vom Auktionshaus als eine der bedeutendsten Papierarbeiten Van Goghs beschriebene Zeichnung zeugt von dessen plastischer Vorstellungskraft an einem entscheidenden Moment seiner Karriere, als er sich dem Genre der Porträtmalerei zuwandte und sein Œuvre dadurch erweiterte.
Die Zeichnung mit dem Titel La Mousmé entstand im Sommer 1888, als Vincent van Gogh in Arles wohnte und sich zunächst mit einer Gemäldeserie beschäftigte, die die Ernte auf den dortigen Feldern zum Thema hatte – bis heftige Regenfälle das Vorhaben unterbrachen. Van Gogh sah sich daraufhin gezwungen, sich in sein Atelier zurückzuziehen, wo das Bildnis eines französisch-algerischen Soldaten, Le Zouave, an der Wand hing, das ihm als Vorlage für mehrere Ölgemälde und Zeichnungen dienen sollte. Sein Bruder Theo war einer der ersten, dem er diese plastische Offenbarung anvertraute, als er ihm am Ende der endlosen Regenwoche schrieb: "Die Figur interessiert nicht weit mehr als die Landschaft."
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Einen Monat später wiederholte er die neue Erfahrung und malte das Porträt eines provenzalischen Mädchens, vermutlich aus Arles selbst, gekleidet in ein gestreiftes Oberteil und einen gepunkteten Rock, das einen Oleanderzweig in den Händen hält: La Mousmé. Das Gemälde, das sich heute in der National Gallery befindet, war das zweite große Porträt des Künstlers und steht im Zusammenhang mit der vorliegenden Zeichnung.
Die Arbeit ist Teil einer kleinen Serie von Rohrfederzeichnungen, die Van Gogh nach seinen eigenen, im Sommer entstandenen Leinwandwerken anfertigte. La Mousmé präsentiert eine große Vielfalt an Merkmalen, Linien und Punkten und zeugt von einer gewissen technischen Innovation des Malers.

Auch wenn das Porträt nach einem Mädchen aus der Region gemalt wurde, war es tatsächlich von einem beliebten Roman von Pierre Loti, Madame Chrysanthème von 1887, inspiriert. Das Buch erzählt autobiografisch die Geschichte eines Marineoffiziers, der während seiner Stationierung in Japan eine Einheimische heiratet. Van Gogh, der damals, wie so viele andere Künstler, stark vom Japonismus beeinflusst war, porträtierte also die im Roman beschriebene Figur in Öl und in Tusche und gab ihr sogar den von Loti im Roman verwendeten Namen Mousmé.
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Der japanische Begriff "Mousmé" bezeichnet ein junges Mädchen zwischen 12 und 14 Jahren. In einem Brief an seinen Bruder Theo schrieb Vincent van Gogh am 29. Juli 1888: "Falls du weißt, was eine 'Mousmé' ist (und das weißt du, wenn du Madame Crysanthème von Loti gelesen hast): ich habe gerade eine gemalt. Es hat mich eine ganze Woche gekostet, doch konnte ich nichts anderen tun, da ich mich wieder nicht gut fühle. Das stört mich sehr, denn wenn ich in guter Verfassung gewesen wäre, hätte ich in der Zwischenzeit Landschaften malen können. Aber um meine Mousmé zu vollenden, musste ich meine mentale Stärke erhalten."

Die vorliegende Zeichnung, die Van Gogh mit Bleistift, Rohrfeder und brauner Tinte auf Papier ausführte, ist keine schlichte Kopie des Ölgemäldes, das ihr vorausging. Vielmehr wählte Van Gogh dafür einen kleineren Bildausschnitt, mit dem Ziel, den rätselhaften Ausdruck des jungen Gesichts zu erforschen, was ihm mit einer spektakulären Detailgenauigkeit gelang. Die Kontraste und Schattierungen des Gemäldes ersetzte er durch Linien und Punkte, die einen ebenbürtigen plastischen Eindruck vermitteln. Wie Van Gogh einmal sagte, ist "das Zeichnen [...] die Basis von allem".
La Mousmé wird am 1. März bei Christie's in New York im Zuge der live übertragenen Auktion "A Family Collection: Works on Paper, Van Gogh to Freud" versteigert. Mit einem Schätzpreis von 7-10 Millionen USD (ca. 8,26 Millionen Euro) könnte die Arbeit einen neuen Rekord für eine Zeichnung des niederländischen Meisters aufstellen. Bislang konnten zwei Zeichnungen Van Goghs in dieser Preisklasse versteigert werden: Jardin de fleurs, das 1990 für 8,36 Millionen USD versteigert wurde, und Oliviers avec les Alpilles dans le fond, das 1999 für 8,574 Millionen USD den Besitzer wechselte.
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