Wenn Sotheby's am Abend des 29. Januars in New York Gemälde Alter Meister und des 19. Jahrhunderts aufruft, werden auch einige Werke aus der Sammlung des brasilianischen Investors syrisch-schweizer Abstammung, Jacqui Eli Safra mit von der Partie sein, darunter eine freizügige Szene des niederländischen Barockmalers Jan Lievens.

Jan Lievens kam 1607 in Leiden zur Welt und absolvierte seine Ausbildung zum Maler u.a. bei Pieter Lastman in Amsterdam, der auch den gut ein Jahr älteren Rembrandt van Rijn, der ebenfalls aus Leiden stammte, unterrichtete. Die beiden talentierten Schüler freundeten sich an und kehrten nach ihrer Ausbildung in ihre Heimatstadt zurück. Ob sie dort eine gemeinsame Werkstatt betrieben, ist nicht ganz gesichert. Sicher ist allerdings, dass sie gegenseitig als Modell dienten. Und so ist es sehr wahrscheinlich, dass es sich bei dem jungen Mann, der die barbusige junge Frau auf dem vorliegenden Gemälde Lievens', das etwa 1626/27, also während der gemeinsamen Leidender Zeit entstand, um den etwa 20 Jahre alten Rembrandt handelt.
Genreszenen mit einer gewissen sexuellen Freizügigkeit waren in den damaligen Niederlanden populär. Spätere Besitzer des Gemäldes scheinen jedoch befangener gewesen zu sein, denn bei der Wiederentdeckung von Lievens' Werk 1998 war der blanke Busen mit einem gemalten Schal verhüllt worden. Eine Restaurierung behob diese Zensur.

Das sich umarmende Paar hatte Jan Lievens in leicht abgewandelter Form - und ohne Rembrandt als Modell - bereits einige Jahre zuvor in seinem Werk Allegorie der fünf Sinne verwendet, wobei das freizügige Paar eindeutig den Tastsinn darstellt. Wie das vorliegende Werk handelt es sich auch bei der Allegorie um eine ausgezeichnete Arbeit, vor allem wenn man bedenkt, dass Jan Lievens zum Zeitpunkt ihres Entstehens erst 15 Jahre alt war.
Im Laufe der Jahre ließen sich Jan Lievens und Rembrandt unabhängig voneinander in Amsterdam nieder, wo sie als Mitglieder der Lukasgilde eigene Ateliers betrieben. Waren beide auch als Künstler erfolgreich - Lievens arbeitete zeitweise in England, Berlin und Den Haag - waren sie am Ende ihres jeweiligen Lebens pleite. Lievens hinterließ sogar so immense Schulden, dass seine Kinder sich weigerten, das Erbe anzutreten, als der Maler 1674 starb.

Bei einem so illustren Modell und dem Aufschwung, den die Gemälde Alter Meister in den letzten Jahren erfahren, wundert es nicht, dass Frau umarmt von einem Mann, dargestellt vom jungen Rembrandt einen neuen Auktionsrekord für Jan Lievens bedeutet könnte. Gemäß Barnebys' Datenbank mit erzielten Preisen wurde der aktuelle Höchstbetrag für ein Werk Lievens' 2007 bei Christie's gezahlt: 2.148.500 GBP (3.014.346 Euro) für ein Vanitas-Gemälde, das einen alten Mann zeigt, der einen Totenschädel in der Hand hält. Das vorliegende Gemälde wird in London mit einem Schätzpreis von 4-6 Millionen GBP (ca. 4,7-7 Millionen Euro).




