Am 15. Oktober 1839 kam es auf Schloss Windsor zu einer der ungewöhnlichsten Verlobungen des 19. Jahrhunderts. Die 20-jährige Victoria, die seit zwei Jahren auf dem Thron des Vereinigten Königreichs saß, stand vor dem Dilemma, dem Mann ihrer Träume einen Heiratsantrag machen zu müssen – so sah es das Protokoll vor. Denn als regierende Monarchin war Victoria ihrem Cousin Albert von Sachsen-Coburg und Gotha (aka „der Mann ihrer Träume“) rangmäßig überlegen, wodurch es an ihr war, die Frage aller Fragen zu stellen. Glücklicherweise war Albert ebenfalls von Victoria angetan und ließ sie nicht lange zappeln. Und auch wenn Victoria gezwungen gewesen war, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, war es dennoch sie, der ein Verlobungsring an den Finger gesteckt wurde. Albert ließ dafür ein Schmuckstück anfertigen, das voller Symbolik war – genauso wie es die damals herrschende Epoche der Romantik liebte: ein goldener Ring in Form einer Schlange, besetzt mit Diamanten und einem Smaragd auf dem Kopf. Der Smaragd war Victorias Geburtsstein, die den Reif bildende Schlange ein Symbol für die ewige Liebe.
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Der Verlobungsring löste einen wahren Schmucktrend aus, auch wenn gesagt werden muss, dass es schlangenförmigen Schmuck bereits vor der denkwürdigen Verlobung gegeben hatte. Victoria selbst hatte einen entsprechenden Armreif anlässlich ihres ersten Kronrats getragen – ein Detail, das David Wilkie für sein Gemälde The First Council of Queen Victoria (1838) übernahm.
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Als „Ur-Epoche“ des Schlangenschmucks ist ganz klar das Alte Ägypten zu nennen, wo die Reptilien von den Pharaonen als Macht- und Schutzsymbol getragen wurden. Von Bedeutung ist auch das Bildsymbol des Ouroboros, der sich in den Schwanz beißenden Schlange, als Zeichen der Unendlichkeit. Übernommen wurde dies während des Epoche des Hellenismus, in der naturalistisch geformte Armreifen in Schlangenform getragen wurden – ein Trend, der im Römischen Zeitalter anhielt. Im stark religiös geprägten Mittelalter spielte die nun als böse betrachtete Schlange hingegen kaum eine Rolle.
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Erst während der Renaissance, die sich auf die Schriften der Antike besann, nahmen die Goldschmiede die Schlange wieder in ihr Repertoire auf. Interessanterweise war das ebenfalls die Epoche, in der die ersten Darstellungen von Kleopatra mit der Schlange Einzug in die westliche Kunstgeschichte hielten. Nachdem das umstrittene Kriechtier während Barock und Rokoko erneut eine Durststrecke erleben musste, nahm seine Erfolgsgeschichte um 1800 so richtig an Fahrt auf. Grund dafür war das verstärkte Interesse an der Antike, das durch die Ausgrabungen in Pompeji und vor allem durch Napoleons Ägyptenfeldzug entstanden war.
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Bis um 1860 wurde Schlangenschmuck vor allem im Zeichen der romantischen Symbolik der ewigen Liebe und der Unendlichkeit getragen. Auch das Einarbeiten einer Haarsträhne einer geliebten Person war nicht unüblich. In jener Epoche, in der man seine Gefühlen nicht einfach hinausposaunte, konnte einfach allem eine geheime Bedeutung und Botschaft innewohnen. So waren etwa Bücher über die „geheime Sprache der Blumen“ weit verbreitet.
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In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Schmuck in Schlangenform noch immer beliebt. Seine Formgebung veränderte sich jedoch und die romantische Bedeutung trat zugunsten der noch immer starken Antiken- und Ägyptenbegeisterung in den Hintergrund. Eine Dame, die mit ihrem Schlangenarmreif auf vielen Porträtfotografien zu sehen ist, ist Victorias Schwiegertochter Alexandra von Dänemark, Gemahlin des späteren Königs Edward VII. Alexandra war für ihre auffälligen Schmuckstücke bekannt – allen voran die Choker, die sie um den Hals trug – und der goldene, mehrfach gewundene Schlangenarmreif bildete da keine Ausnahme.
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Gegen Ende des Jahrhunderts wurden Schlangenschmuckstücke zunehmend naturalistischer gestaltet und erhielten zudem eine immer erotischere Assoziation als Symbol der ultimativen Verführung. Auch auf den Theaterbühnen, wo Schauspielrinnen in exotische Rollen wie Kleopatra, Medea und Salome schlüpften, waren entsprechende Schmuckstücke nicht wegzudenken. Ein besonderes Bespiel ist Sarah Bernhardt, die 1898 als Titelheldin der Tragödie Médée im Théâtre de la Renaissance in Paris auftrat. Auf dem dazugehörigen Plakat stellte Alfons Mucha Bernhardt mit einem aufwändigen Schlangenarmschmuck dar. Die Schauspielerin war davon so angetan, dass sie es vom Juwelier Georges Fouquet als echtes Schmuckstück anfertigen ließ. Später gelangte dieses in den Besitz von Marlene Dietrich, die es 1987 bei Christie’s versteigern ließ. Heute befindet sich das Armband in der Sakai City Collection in Osaka.
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Auch heute sind Ringe, Colliers, Broschen, Ohrringe und Armreifen in Schlangenform in den Auslangen der Juweliere zu finden. Das bekannteste Beispiel ist zweifellos die Kollektion Serpenti, die Bulgari 1948 einführte und bis heute regelmäßig mit luxuriösen Schmuckstücken und Armbanduhren ergänzt. Doch egal, ob Sie sich für eine aktuelle Kreation oder ein antikes Stück mit romantischer Symbolik entscheiden, ein Schlange, die sich um Ihren Hals oder Ihr Handgelenk windet, ist in jedem Fall ein Hingucker.




