1790 befand sich die Seidenindustrie in der schottischen Stadt Paisley in der Krise: Ein allmählicher Wandel der Mode in Richtung leichter Baumwollkleider ließ die Nachfrage nach schweren und prunkvollen Seidenstoffen zunehmend sinken. Eine Lösung musste her oder vielmehr eine Neuorientierung. Diese kam in Form von großen exotischen Wolltüchern aus der nordindischen Kashmir-Region, die dort von Männern der Oberschicht getragen wurden und von britischen Soldaten der East India Company mit in die Heimat gebracht wurden. In Paisley beschloss man nun, diese feinen und unglaublichen teuren Schals nachzuahmen. Es war die Geburtsstunde des Paisleymusters, das bis heute in der Modewelt Verwendung findet und auf dem persischen Boteh-Muster beruht, das auf einigen der importieren Schals zu finden war.
Doch von einem aufkommenden Modetrend konnte in den 1790er Jahren zunächst noch keine Rede sein, zumal die Modehauptstadt Nr. 1, Paris, den Kaschmir-Schals bislang noch keine Beachtung geschenkt hatte. Zwar hatte Frankreich in der Vergangenheit englische Moden aufgegriffen – beispielsweise die Robe à l’anglaise um 1770 und den Riding coat („Reitermantel“), der in den 1780er Jahren zur Redingote der Damengarderobe wurde – doch befanden sich Frankreich und England Ende des 18. Jahrhunderts im Krieg, der 1796 ein Importverbot für englische Waren nach Frankreich mit sich brachte.
In Paris regierte seit 1795 das Direktorium, der Mann der Stunde hieß jedoch Napoleon Bonaparte. Nach dessen erfolgreichem Italienfeldzug 1796/97 wurde ihm 1798 der Oberbefehl einer militärischen Expedition nach Ägypten übertragen, die u.a. zum Ziel hatte, Englands Asienhandel zu schwächen und die Handelskontakte Frankreichs zu stärken. Auch Wissenschaftler waren mit von der Partie, die mit ihren Entdeckungen die Ägyptologie begründeten.
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Natürlich war Napoleon in Ägypten stark in Anspruch genommen, doch nahm er sich stets die Zeit, seiner geliebten Ehefrau Joséphine im fernen Frankreich zu schreiben und ihr Geschenke zukommen zu lassen. Über eines dieser Geschenke freute sich Joséphine eher weniger: Eine Ladung Kaschmir-Schals. Ihrem Sohn Eugène, der als Offizier mit seinem Stiefvater nach Ägypten gereist war, schrieb sie, dass sie die Schals zwar außergewöhnlich und trotz ihres geringen Gewichts erstaunlich wärmend fände, ansonsten aber eher als hässlich einstufen würde. Einen kommenden Modetrend sah Joséphine noch nicht nahen.
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Doch es kann nicht lange gedauert haben, bis Joséphine ihre Meinung änderte. Vielleicht war es jener Vorfall, der sich am Abend des 24. Dezember 1800 ereignete, der Kaschmir-Schals zu Joséphines ständigen Begleitern machte, denn gewissermaßen verdankte sie einem dieser Schals ihr Leben. An jenem Abend machte man sich vom ehemals königlichen Tuilerienpalast, in dem nun der Erste Konsul Napoleon Bonaparte nebst Gattin residierte, auf den Weg, um in der Oper der Aufführung von Haydns Oratorium Die Schöpfung zu lauschen. Bonaparte eilte in einer Kutsche voraus, Joséphine, ihre Tochter Hortense und ihre Schwägerin Caroline sollten mit der nächsten folgen. Joséphine, die im tropischen Klima der Antilleninsel Martinique aufgewachsen war, hatte einen der wärmenden Kaschmir-Schals dabei. Sie wollte gerade aufbrechen, als Oberst Rapp, der die Damen begleiten sollte, vorschlug, sie solle den Schal doch nach ägyptischer Manier (er hatte ebenfalls am Ägyptenfeldzug teilgenommen und wusste, wovon er sprach) um die Taille gebunden tragen. Diese Verzögerung führte dazu, das sich Joséphines Kutsche noch nicht in der Rue Nicaise befand, als dort ein von royalistischen Verschwörern deponierter Sprengsatz explodierte.
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Aus der Folgezeit gibt es kaum ein privates Porträt, auf dem Joséphine nicht mit einem Kaschmir-Schal zu sehen ist (auf offiziellen Porträts als Kaiserin [ab 1804] trägt sie natürlich Purpurmäntel mit Hermelinbesatz). Tatsächlich bedurfte die damalige aus leichten, hellen Stoffen bestehende Damenmode im antiken Stil bisweilen dringend einer wärmenden Ergänzung und die Kaschmir-Schals eigneten sich perfekt und bedienten zudem das durch den Ägyptenfeldzug gestiegene Interesse am Orient.
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Joséphine soll mehrere hundert Kaschmir-Schals besessen haben, die sie sich um die Schultern legte, als Turban trug oder sogar zu Kleidern verarbeiten ließ. Und da Joséphine die Mode-Ikone Nr. 1 ihrer Zeit war, eiferten die anderen Damen ihr nach. Doch aufgrund ihrer aufwändigen Herstellung und des langen Importweges waren die Schals auch ein entsprechend teurer Trend, bei dem ein Exemplar mehrere tausend Francs kosten konnte.
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Um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden, etablierte sich eine französische Produktion von Schals aus Kaschmirwolle, angeführt von Guillaume-Louis Ternaux (1763-1833), der seine ererbte Wollweberei in Sedan zu einem echten Imperium ausbaute. Ternaux liebte Innovationen und Experimente und scheute auch nicht davor zurück, statt nur Wolle oder Garne aus Kaschmir zu importieren, lebendige Kaschmir-Ziegen nach Frankreich kommen zu lassen. 1810 wurde Ternaux für seine Leistungen von Napoleon zum Offizier der Légion d’honneur ernannt.
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Billig waren die Kreationen von Ternaux aber auch nicht und bei weitem nicht jeder Mann in Europa konnte seiner Frau ein solches französisches Luxusprodukt um die Schultern legen. Günstiger zu haben waren die Imitationen aus Großbritannien (Norwich und, wie oben beschrieben, Paisley) oder auch jene Exemplare aus günstigeren Wollstoffen oder auch bedruckter Baumwolle, die in Deutschland und Österreich hergestellt wurden.

Noch in den 1820er Jahren tummelten sich Agenten aus Frankreich und England in Kaschmir, um neue Ideen für Muster in die Heimat zu schicken oder – andersherum – den dortigen Herstellern mitzuteilen, was die europäische Kundschaft, die nach wie vor die teuren Waren aus dem Osten kaufte, zu tragen wünsche.
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Doch wie es jedem Trend ergeht, war auch der Trend der Kaschmir-Schals nicht für die Ewigkeit bestimmt. Hatte man sie Mitte des 19. Jahrhunderts zu den weiten Krinolinenkleidern noch getragen, wünschte sich die Damenwelt für die darauffolgenden Tournüren passende Jäckchen. Die kostbaren Kaschmir-Schals, die zuvor von Mutter zu Tochter stolz weitervererbt wurden und nicht selten Teil einer Aussteuer gewesen waren, wirkten allmählich altbacken. Hinzu kam die Massenproduktion mit billigen Stoffen, durch die sich wirklich jeder einen Schal im Kaschmir-Look leisten konnte, und die nicht selten einen Qualitätsverlust mit sich brachte.
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Für den nächsten Modetrend, dessen Stern allmählich aufging, ließen sich die europäischen Fashionistas von noch weiter im Osten gelegenen Gefilden inspirieren: der Japanismus sollte in den nächsten Dekaden in vielen dekorativen Bereichen Einzug halten – und eben auch in der Mode.




