Während so ziemlich jeder, den man fragt, mit dem Namen William Shakespeare etwas anfangen kann, gilt das genaue Gegenteil für die Namen John Heminge und Henry Condell. Jemanden zu finden, der wenigsten eine vage Vorstellung hat, stellt ein mühsames Unterfangen dar. Doch Dank genau dieser beiden Männer, die Freunde und Schauspieler in Shakespeares Theatertruppe waren, wurde die bedeutendste Sammlung mit Werken des Dichters zusammengestellt und veröffentlicht – das First Folio. Das Folio beinhaltet 36 der Stücke Shakespeares, von denen 18 nie zuvor offiziell publiziert worden waren. Es trug enorm dazu bei, den Autor zu dem Status zu verhelfen, den dieser auch heute noch hat, und gilt als eines der einflussreichsten literarischen Werke aller Zeiten. Erstmals veröffentlicht wurde das Folio im Jahr 1623, weswegen wir in diesem Jahr seinen 400. Geburtstag und seine noch immer gültige kulturelle Bedeutung feiern.

Als Shakespeare 1616 im Alter von 52 Jahren starb, waren viele seiner Gedichte und Theaterstücke in gedruckter Form in Umlauf, doch handelte es sich dabei um einzelne, zusammenhanglose Kopien, ganz zu schweigen von den vielen Werken, die dem Barden von Verlegern gestohlen oder, andersherum, ihm fälschlich zugeschrieben wurden. Nach seinem Tod, fingen Heminge und Condell an, so viele Stücke ihres Freundes wie möglich zusammenzustellen, um sie in einem einzigen Band zu veröffentlichen (etwas Ungewöhnliches für die Zeit, wenn auch nicht gänzlich beispiellos). Gemäß ihrer Aussage war dies der zumindest teilweise Versuch, die oft ge- und verfälschten Versionen seiner Arbeiten zu ersetzen, indem sie sie stattdessen in „zu Ihrer Betrachtung geheilten und vollkommenen Gliedern [präsentierten]; so wie alles Übrige, absolut in ihrer Zahl, wie er sie konzipiert hat“.
Hören Sie auch: Barnebys' Podcast #35: Antique Books: Between the Lines
Ihre Bemühungen waren beachtlich, da sie nicht nur dieses Ziel im Großen und Ganzen erreichten, sondern auch beinahe 20 Stücke des Dichters offiziell zu retten, die zuvor noch nicht auf kommerzielle Weise publiziert worden waren, darunter solche beliebten Favoriten wie Macbeth, The Tempest („Der Sturm“), Antony and Cleopatra („Antonius und Cleopatra“) und As You Like It („Wie es euch gefällt“). Während viele die populäre Meinung anzweifeln, dass alle diese 18 Stücke ohne das First Folio verloren gegangen während, trifft dies tatsächlich auf die beiden nicht enthaltenen Stücke Cardenio und Love’s Labours Won zu, die nie entdeckt wurden. Also hätten zumindest einige der 18 die Zeiten möglicherweise nicht überdauert.
Lesen Sie auch: 7 große Namen und ihre favorisierten Füllfederhalter

Nichtsdestotrotz hat das First Folio die Art und Weise, wie nachfolgende Lesergenerationen Shakespeares Werk konzipieren und verstehen, beeinflusst – auf subtilem und doch bedeutendem Wege. Ein Beispiel dafür ist der offizielle Titel des First Folio: Mr. William Shakespeare's Comedies, Histories, & Tragedies. Diese Einteilung in drei Genres, der weitergehend noch immer gefolgt wird, war ein von Heminge und Condell konzipiertes System, das möglicherweise nicht die Art und Weise reflektiert, die Shakespeare selbst seine Werke betrachtete, die häufig sehr genreübergreifend sind und nicht so starr einteilbar.
Lesen Sie auch: Der meistverkaufte Roman aller Zeiten
Ein weiteres Beispiel, wie das Folio davon abweicht, wie Shakespeare sein Werk konzipiert und inszeniert hat, ist die Aufteilung der Stücke in „Akte“ und „Szenen“, was nicht der Art und Weise entsprach, wie die Werke – in viel kontinuierlicher Folge aufgeführt – ursprünglich verstanden oder analysiert werden sollten. Obwohl sie nicht Teil von Shakespeares Absichten als Autor oder Spielleiter sind, definieren und gestalten diese Elemente weiterhin die Art und Weise, wie moderne Leser seine Geschichten konzipieren, und spiegeln die Bedeutung des First Folio für das kulturelle Verständnis und den Mythos des Barden wider.
Möchten Sie Artikel wie diesen direkt in Ihrem Posteingang entdecken? Dann melden Sie sich noch heute für unseren kostenlosen Newsletter an!
Das Folio hat darüberhinaus zu unserer Vorstellung vom Aussehen William Shakespeares beigetragen, und zwar durch das sogenannte Droeshout Portrait, ein Stich mit dem Konterfei des Autoren auf einer der ersten Seiten des Werks. Shakespeares Freund und Schriftstellerkollege Ben Johnson, dessen Gedicht Dear Reader in der Publikation enthalten ist, sagte aus, dass es „sein Gesicht [anständig] trifft“ (mit anderen Worten: es hat sein Aussehen gut eingefangen). Diese Bestätigung durch eine Person, die den Dichter kannte, bedeutet, dass diesem Porträt mehr Akkuratesse zugestanden werden kann, als jedem anderen.

Angesichts seiner historischen und kulturellen Bedeutung, ist es nachvollziehbar, dass die rund 230 noch existierenden Originalexemplare (ursprünglich waren es etwa 700) noch immer sehr begehrt sind und bei Auktionen hohe Preise erzielen. So wurde beispielsweise im Oktober 2020 bei Christie’s ein Exemplar des First Folio für 9,98 Millionen US-Dollar (8,52 Millionen Euro) verkauft, womit der Schätzpreis in Höhe von 4-6 Millionen US-Dollar weit übertroffen wurde. Damit wurde es zu einem der teuersten Bücher der Auktionsgeschichte. Und das trotz der vielen Druck- und Rechtschreibfehler, die aufgrund der rudimentären und arbeitsintensiven Druckpraktiken der damaligen Zeit jedes Exemplar übersähen – doch genau das trägt heute zu der Einzigartigkeit und Begehrlichkeit jedes einzelnen Exemplars bei.
Lesen Sie auch: William Shakespeare glänzt bei Christie's
Anlässlich des 400-jährigen Jubiläums wird ein Exemplar des Folios für 7,5 Millionen US-Dollar versteigert oder, wenn es als Set mit Exemplaren der zweiten, dritten und vierten Ausgabe der Folios sowie einer Ausgabe mit den Gedichten von Shakespeare gekauft wird, für den Gesamtpreis von 10 Millionen US-Dollar. Der Londoner Raritätenhändler Peter Harrington bietet die Bände auf dem New York Antiquarian Book Fair an, der vom 27. bis 30. April stattfindet.
Wenn Sie den 400. Geburtstag des historischen Literaturwerks mitfeiern möchten, sollten Sie einen Blick in den Folio 400-Guide werden, der Events auflistet, die anlässlich des Jubiläums im Vereinigten Königreich stattfinden. Shakespeare selbst feiert in diesem Jahr seinen 459. Geburtstag (26. April), weshalb am 22. und 23. April in seinem Geburtsort Stratford-upon-Avon verschiedene Veranstaltungen stattfinden.
Sollten Sie an diesem Wochenende verhindert sein, sollten Sie nicht verzweifeln: wie kürzlich bekannt gegeben wurde, plant London ein eigenes Shakespeare-Museum, das im Frühjahr 2024 an der Stelle der archäologischen Überreste des Curtain Playhouse in Shoreditch eröffnet werden soll.









