Anthropomorphisierte Tiere zieren seit Jahren Kinderbücher und treten in Fernsehshows auf: Micky Maus, Paddington Bär, Bugs Bunny, Donald Duck, Die Katze im Hut und so weiter.
Doch es gab schon lange vor ihnen Tiere, die aufrecht gingen, Kleidung trugen, Tee tranken und Musikinstrumente spielten: die Katzen des britischen Künstlers Louis Wain, die neben ihren anthropomorphisierten schließlich auch psychedelische Züge hatten.

Louis William Wain wurde am 5. August 1860 in Clerkenwell, London geboren. Obwohl sein Name heute ein Synonym für Katzen mit großen Augen und breitem Grinsen ist, hatte Wain nicht unbedingt vor Katzenillustrator werden. Schon früh in seiner Karriere hatte er das Gefühl, dass ihn niemand ernst nehmen würde, wenn er Bilder von Katzen zeichnete, und so war es sein ursprüngliches Ziel, Pressekünstler zu werden. In seinen frühen Jahren zeichnete er Tierszenen und Bilder vom Landleben, die in mehreren Zeitschriften veröffentlicht wurden.
Er erfand einen Katzenstil, eine Katzengesellschaft, eine ganze Katzenwelt.
Wains Interesse an lebhaften Katzen erwachte, als seine um zehn Jahre ältere Frau Emily, die er im Alter von 23 Jahren geheiratet hatte, an Krebs erkrankte. Emily starb schließlich nach drei gemeinsamen Jahren. Während der Zeit ihrer Erkrankung hatte Wain ihrem Kater Peter beigebracht, eine Brille zu tragen und so zu tun, als würde er ein Buch lesen, was zwei Dinge zur Folge hatte: Emily war amüsiert und Louis begann, die Possen des Katers zu skizzieren. Auch nach Emilys Tod fuhr Louis Wain fort, Katzen zu zeichnen und Mitte der 1880er Jahre wurden seine ersten anthropomorphisierten Katzen in der Weihnachtsausgabe der Illustrated London News unter dem Pseudonym George Henri Thompson veröffentlicht. Eine Katzenweihnachtsfeier zeigte 150 Katzen, von denen viele Peter ähnelten, die Karten verschickten, mit Bällen spielten und sich miteinander unterhielten.
Noch standen die Katzen in dieser 11-teiligen Zeichnung mit allen vier Pfoten fest auf dem Boden und trugen weder Kleidung oder menschliche Züge zur Schau. Das sollte sich in den kommenden Jahren jedoch ändern, indem Wain seinen Katzen einen aufrechten Gang, raffinierte Kleidung und ein breites Grinsen verpasste. Nun gingen die Stubentiger zum Angeln, Golf spielen oder in die Oper und zögerten auch nicht, eine Zigarre zu genießen. Im viktorianischen und edwardianischen waren sie äußerst beliebt und auf Drucken, Grußkarten und in satirischen Illustrationen zu finden.

Seine Illustrationen waren so beliebt, dass die meisten englischen Haushalte zu Beginn des 20. Jahrhunderts mindestens eines seiner berühmten Katzen-Bücher in ihren Regalen verzeichnen konnten und die Wände vieler Kindergärten Poster mit Wains Motiven zierten. Vor Louis Wains Zeichnungen, hatte die englische Bevölkerung für Katzen nicht viel übrig gehabt, doch half seine Arbeit dabei, diese Einstellung in Richtung Bewunderung und Liebe zu ändern. "Er hat Katzen zu seinem Projekt gemacht", bemerkte einmal der Schriftsteller H. G. Wells. "Er erfand einen Katzenstil, eine Katzengesellschaft, eine ganze Katzenwelt."
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Louis Wain avancierte zu einer führenden Autorität in Sachen Katzen und wurde laut Illustration Chronicles zum Präsidenten des National Cat Club gewählt. Er organisierte Katzenwettbewerbe und gehörte mehren Tierschutzorganisationen an, die alle dazu beitrugen, Englands Liebe und Wertschätzung für das domestizierte Tier zu stärken.
Dank seiner lustigen, großäugigen und hin und wieder sardonischen Katzen wurde Wain zu einer öffentlichen Person, die große Anerkennung genoss. Er war ein sehr produktiver Künstler, der mehrere hundert Zeichnungen pro Jahr ausführte und nebenbei auch noch rund 100 Kinderbücher illustrierte.

Woran es Louis Wain in jedem Fall mangelte war ein Geschäftssinn, was oft ausgenutzt wurde. Es war bekannt, dass er seine Arbeiten zu einem einmaligen Preis verkaufte, ohne an Lizenzgebühren für wiederholte Veröffentlichungen zu denken. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 machte ihm die allgemeine Papierknappheit zu schaffen, in den 1920er Jahre die allgemeine Armut. Durch die Depressionen, an denen er seit dem Tod seiner Frau litt, verschlechterte sich sein Zustand immer mehr.

Louis Wains Vermächtnis hat eine dunkle Seite, die auf seiner labilen psychischen Gesundheit beruht. Obwohl Schizophrenie nie offiziell diagnostiziert wurde, glauben viele, dass er unter dieser Krankheit litt. Manche argumentieren, dass seine späteren, abstrakteren und lebendigeren Zeichnungen Zeugnis von seinem immer schlechter werdenden Gesundheitszustand ablegen. Ab 1924 lebte der Künstler in einer psychiatrischen Klink.

Zu Lebzeiten war Louis Wain aus oben genannten Gründen finanziell nie erfolgreich. Heute ist sein Werk weithin anerkannt und wird immer wieder reproduziert. Seine Originalwerke erzielen auf dem Sekundärmarkt beachtliche Ergebnisse mit Preisen im fünfstelligen Bereich.So wurde sein Gemälde The Maypole 2005 bei Bonhams für 25.000 GBP (36.900 Euro) verkauft.
Für kurze Zeit beschäftigte sich Wain auch mit Keramik und schuf eine Reihe bizarrer und futuristisch anmutender Katzen. Webb's, ein Auktionshaus in Auckland, Neuseeland, hat eine dieser Keramikkatzen kürzlich versteigert.

Es ist eine jener Geschichten, die man immer wieder in Fernsehsendungen wie Antiques Roadshow hört: Die etwa 1914 geschaffene kubistische Keramikkatze wurde 1986 für 1 NZD auf einem Flohmarkt gekauft, wo sie mit Erde gefüllt als Jardiniere angeboten worden war. Der Käufer machte seine Errungenschaft zuhause sauber und stellte sie ins Regal, wo sie die nächsten dreißig Jahre blieb. Anfang 2020 brachte er sie schließlich zu Webb's, wo die Katze mit einem Schätzpreis von 3.000-6.000 NZD (ca. 1.700-3.300 Euro) in einer Auktion angeboten wurde. Verkauft wurde sie schließlich für 9.250 NZD (ca. 5.200 Euro).
Caolán McAleer, Leiter der Abteilung für dekorative Kunst bei Webb, sagt: „Wir sind absolut begeistert von dem Ergebnis. Es zeigt die Seltenheit der größeren Katzen auf dem Markt und die ewige Popularität von Wain bei einem internationalen Kundenstamm.“
Trotz seines schwierigen Lebens würde Louis Wain das Wissen, dass seine Katzen weiterhin viel Freude und Unterhaltung verbreiten, sicherlich ein Gefühl von Trost und Frieden geben.




