Im Zuge von Sotheby's Impressionist & Modern Art Evening Sale am 12. November in New York, dessen Gesamtergebnis sich auf 209 Millionen USD beläuft, kam neben Werken von Monet, Caillebotte, Signac und Giacometti auch das besagte Gemälde von Tamara de Lempicka zum Aufruf. Entstanden ist es im Jahr 1927, als Tamara de Lempicka auf dem Höhepunkt ihres Ruhms als eine der bedeutendsten Malerinnen der Goldenen Zwanziger war. Für 13,3 Millionen USD (ca. 12,1 Millionen Euro) wechselte es den Besitzer. Der bisherige Rekord für ein Gemälde der Künstlerin war im November 2018 aufgestellt worden, als das allegorische La Musicienne von 1929, für das Ira Perrot, eine Freundin de Lempickas, Modell gesessen hatte, für 8,02 Millionen Euro (9,1 Millionen USD) verkauft wurde.
"Die heutige Auktion spiegelt die Tiefe und Stärke des impressionistischen und modernen Kunstmarktes auf allen Ebenen wider. Wir haben einen Kampf um das sinnliche Portrait von Tamara de Lempicka, La tunique rose, miterlebt, der der Künstlerin einen neuen Verkaufsrekord bescherte. Es ist klar, dass dieser Markt stetig wächst und immer noch Chancen bietet", sagte Julian Dawes, Leiter der Abteilung für Impressionismus und Moderne Kunst bei Sotheby's New York.

Von den weiblichen Darstellungen der klassischen Malerei wenig beeinflusst, beherrschte Tamara de Lempicka die Kunst, Frauen erotisch und gleichzeitig voller Persönlichkeit und Charakterstärke zu portraitieren. La tunique rose ist ein wunderbares Beispiel dafür und ist eines der seltenen Portraits von de Lempicka, auf dem der Körper des Modells fast vollständig abgebildet wurde. Die Komposition der Arbeit findet ihr Gleichgewicht in einem Spiel von Linien und Kurven; die Silhouette des Motivs wird durch ein dramatisches Hell-Dunkel unterstrichen, während die Farbe der Tunika und der Lippen im Kontrast zur sinnlichen Darstellung der Haut steht. Die Wertschätzung der Künstlerin für den weiblichen Körper und seine verführerische Kraft erinnern auch an Modglianis "skandalöse" Akte, in denen Frauen im vollen Bewusstsein ihrer Sexualität erscheinen und den Betrachter selbstbewusst entgegenblicken.

Das Modell, das für La tunique rose Modell saß bzw. lag, ist kein unbekanntes: Es ist Rafaëla, eine der berühmtesten Musen und Geliebten von Tamara de Lempicka, die sich später noch gut an das erste Treffen mit Rafaëla erinnern konnte: "Plötzlich bemerkte ich eine Frau, die in einiger Entfernung vor mir ging: Alle Leute, die aus der Gegenrichtung kamen, hielten einen Moment inne, um sie anzuschauen und verdrehten den Kopf, wenn sie an ihr vorbeigingen. Ich wendete und ging den Weg in die entgegensetzte Richtung und ich verstand sofort, weshalb alle innehielten. Sie war die schönste Frau, die ich je gesehen hatte: große schwarze Augen, ein sinnlicher Mund, ein hübscher Körper. Ich sprach sie an und sagte: 'Mademoiselle, ich bin Malerin und möchte, dass Sie für mich Modell sitzen. Würden Sie das tun?' Sie antwortete 'Ja, warum nicht'."
Rafaëla nimmt einen herausragenden Platz im Œuvre der Künstlerin ein, und ist auf vielen Portraits zu finden, darunter Le rêve (Rafaëla sur fond vert), das sieben Jahre lang das teuerste Werk de Lempickas war, bis es 2018 von La Musicienne abgelöst wurde. In seiner Monographie über die Künstlerin beschreibt Patrick Bade Rafaëlas Darstellungen als "die erotischsten Werke, in denen der Wunsch des Künstlers nach dem kurvenreichen Körper des Modells greifbar ist."




