Aber als das Kaninchen tatsächlich eine Uhr aus seiner Westentasche nahm und sie ansah und dann schnell weiterging, sprang Alice auf, denn es schoss ihr durch den Kopf, dass sie noch nie zuvor ein Kaninchen mit einer Westentasche gesehen hatte oder einer Uhr zum daraus Hervorholen…
Wer einmal Lewis Carrolls Roman Alice im Wunderland gelesen hat, wird das vom Vergehen der Zeit besessene weiße Kaninchen, das andauernd auf seine Taschenuhr schaut, schwerlich jemals vergessen. Natürlich ist Carrolls Buch nicht das einzige der viktorianischen Ära, in dem eine Taschenuhr vorkommt, denn diese waren damals schließlich omnipräsent.

Taschenuhren besitzen einen besonderen Charme, der, nachdem es lange still um die einst verbreitetste aller Uhren geworden war, nun auch von jüngeren Leuten wiederentdeckt wird. Bis zum Ersten Weltkrieg waren Taschenuhren ein fester Bestandteil der Herrenmode. Tatsächlich war es der Krieg, der die Männer von den praktischeren Armbanduhren überzeugen konnte.
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Die erste Taschenuhr wurde vermutlich im frühen 16. Jahrhundert von Peter Henlein in Nürnberg hergestellt. Die frühesten Modelle waren schwere, zylinder- oder kugelförmige Messinguhren von mehreren Zentimetern Durchmesser. Ihre Größe lag irgendwo zwischen Tisch- und Armbanduhr. Aufgrund ihres Gewichts und ihrer Form wurde sie in Beuteln am Gürtel, später meist an einer Kette um den Hals getragen. Zunächst verfügten diese Uhren lediglich über einen Stundenzeiger, da die Ungenauigkeit des Mechanismus einen Minutenzeiger unbrauchbar gemacht hätte. Er stieß erst Ende des 17. Jahrhunderts hinzu.

Im Verlauf des 17. Jahrhunderts wurden die Taschenuhren durch die Weiterentwicklung des Uhrwerks zudem immer flacher und somit überhaupt erst wirklich zur Taschenuhr, die mit der aufkommenden Westenmode perfekt korrespondierte. Frauen bevorzugten bis ins 20. Jahrhundert die Tragweise an einem Anhänger.
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Bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts blieben Taschenuhren Luxusartikel. Gegen Ende des Jahrhunderts wurden jedoch schließlich auch preiswertere Modelle für Seeleute hergestellt, die mit maritimen Szenen verziert waren. Auch hier spielte die Verbesserung des Mechanik eine Rolle: Die „Ankerhemmung“ verfügte im Vergleich zu der bis dahin gebräuchlichen „Spindelhemmung“ über ein höheres Maß an Präzision. Zudem ermöglichte sie die Verwendung von Zahnrädern, die leichter, billiger und langlebiger waren.

1857 stellte die American Watch Company aus Waltham, Massachusetts, mit der Waltham Model 57 eine Taschenuhr vor, deren Teile austauschbar waren, wodurch die Herstellungs- und Reparaturkosten erheblich gesenkt wurden. Immer mehr günstige Taschenuhren kamen auf den Markt. Mit der Industrialisierung und dem zunehmenden Eisenbahnverkehr wurde es immer wichtiger, die Zeit im Auge zu behalten, was enorm zur Verbreitung der Taschenuhr beitrug – genauso wie die wachsende Massenproduktion, die ständig neue und billige Modelle hervorbrachte.
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Im späten 19. Jahrhundert sorgten die von Hugues Rime erfundenen Montres mystérieuses, also die „mysteriösen Uhren“, für Aufsehen, denn sie wurden scheinbar ohne Uhrwerk angetrieben, wie ihr durchsichtiges Zifferblatt suggerierte. Tatsächlich wurde der Antrieb jedoch über ein transparentes Kristallrad auf die Zeiger übertragen. Die erste Montre mystérieuse wurde 1889 in der Schweiz hergestellt und von der französischen Firma Armand Schwob et frère vertrieben.

Eine weitere wichtige Entwicklungsstufe war die 1842 von Adrien Philippe (Patek Philippe) erfundene Remontoireuhr, eine Taschenuhr mit Kronenaufzug, welcher einen Schlüssel und das Öffnen des Uhrengehäuses zum Aufziehen überflüssig machte. Gleichzeitig trug diese Erfindung später auch zum Niedergang der Taschenuhr bei, da der Kronenaufzug ein wichtiger Bestandteil der Armbanduhr ist.
Wie es mit der Taschenuhr weiterging und wie sie heute dasteht, erfahren Sie in Kürze im zweiten Teil.
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