Am Abend des 27. Juli 1890 betrat ein sichtlich angeschlagener Vincent van Gogh die Auberge Ravoux in Auvers-sur-Oise und schleppte sich geradewegs in sein Gastzimmer, das er seit 70 Tagen bewohnte. Der besorgte Wirt folgte dem Maler und fand diesen mit einer Schusswunde in der Nähe des Herzens auf dem Bett liegend: Er habe sich verletzt, erklärte van Gogh. Die Kugel konnte nicht entfernt werden und in den frühen Morgenstunden des 29. Juli starb der erst 37-jährige Vincent van Gogh im Beisein seines Bruders Theo, der seine erste Bezugsperson und beständiger Unterstützer gewesen war.
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Der letztendlich doch erfolgreiche Selbstmordversuch war der Höhepunkt von van Goghs psychischer Erkrankung, die sich in depressiven Phasen, Albträumen und Wahnvorstellungen niederschlug, jedoch genug Raum für Phasen höchster Kreativität ließ. So hatte van Gogh in den zwei Monaten, die er in Auvers-sur-Oise verbracht hatte und vom mittlerweile kontrovers betrachteten Arzt und Kunstsammler Paul Gachet betreut wurde, noch 80 Gemälde und 64 Zeichnungen ausgeführt.

Als das letzte Gemälde van Goghs gilt Baumwurzeln, das er vermutlich am Tag seines Selbstmordversuches ausführte. Sein Bruder Theo erwähnt ein solches Gemälde zumindest in einem Brief an seinen Schwager. Das Gemälde befindet sich in der Sammlung des Van Gogh Museums in Amsterdam. An welcher Stelle in der Umgebung von Auvers-sur-Oise es genau gemalt wurde, war bis vor Kurzem unbekannt.
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Doch dann machte Wouter van der Veen, der wissenschaftliche Leiter des Institut van Gogh, während des Corona-Lockdowns eine Entdeckung: Auf einer Postkarte aus der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts war eben jene Stelle abgebildet, die van Gogh für sein letztes Meisterwerk gewählt hatte. Sofort übermittelte er seine Entdeckung an die leitenden Forscher des Van Gogh Museums, Louis van Tilborgh und Teio Meedendorp, die einen Dendrologen hinzuzogen und schon bald überzeugt waren.
"Unserer Meinung nach ist die von van der Veen entdeckte Stelle sehr wahrscheinlich die richtige und es ist eine bemerkenswerte Entdeckung. Bei näherer Betrachtung weist die Überwucherung auf der Postkarte deutliche Gemeinsamkeiten mit der Form der Wurzeln in van Goghs Gemälde auf", sagt Teio Meedendorp.

Eine Ortsbegehung in Auvers-sur-Oise konnte jedoch erst im Mai 2020 vorgenommen werden, nachdem die Beschränkungen durch COVID-19 in Frankreich wieder gelockert worden waren. Der Besuch vor Ort bestätigte van der Veen in seiner Vermutung.
Ende Juli wurde im Beisein von Theo van Goghs Urenkel Willem van Gogh und der Direktorin des Van Gogh Museums, Emilie Gordenker, die Gedenkstätte an Vincent van Goghs letzter Inspirationsquelle eingeweiht. Dort ist es Besuchern fortan möglich, an exakt der selben Stelle einen Blick auf des Gehölz zu werfen, an der van Gogh vor 130 Jahren seine Staffelei zum letzten Mal aufstellte.



