Neapel, die Hauptstadt des süditalienischen Königreichs Neapel-Sizilien, war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein echter Hotspot. Im eigentlichen Sinne aufgrund des immer mal wieder aktiven Vesuvs, im übertragenen Sinne wegen der archäologischen Ausgrabungsstätten Pompeji, Herculaneum und Paestum, deren Wiederentdeckung einen wahren Hype um die Kunst der Antike auslöste. Daher war Neapel ein fester Bestandteil der Grand Tour, jener Bildungsreise, die Söhne reicher – meist adeliger – Eltern durch Europa zu unternehmen pflegten.
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Doch beschränkte sich das Touristenprogramm nicht nur auf den Besuch der durch den Vesuv-Ausbruch von 79 n. Chr. verschütteten römischen Städte, auch das Erklimmen des Vesuvs war damals en vogue. Zu Fuß oder auf Maultieren und Eseln machte man sich vom Fuß des Berges aus auf den Weg, und das auch, wenn dieser aktiv war (siehe Titelbild). Einer der Besucher war niemand geringeres als Johann Wolfgang von Goethe, der sich 1787 auf seiner Italienreise ganz nah an die heißen Lavaströme heranwagte. Die Besteigung des Vesuvs wurde sogar so populär, dass sich einige Reisende bereits in den 1830er Jahren beschwerten, dass der Berg völlig überlaufen sei.
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Doch gab es damals nicht nur Sensationstouristen, sondern auch Menschen, die sich auf wissenschaftlicher Basis für den Vesuv interessierten. Als bedeutendste Persönlichkeit ist hier Sir William Hamilton (1730-1803) zu nennen, ein schottischer Adeliger, der ab 1764 das Amt des britischen Botschafters am Hof von Neapel bekleidete. Diese Aufgabe nahm nicht allzu viel Zeit in Anspruch, sodass ihm genügend Freizeit blieb, die er mit seinen wahren Leidenschaften füllen konnte: das Sammeln von antiker Kunst und die Vulkanologie.

Das einflussreichste antike Stück, das Hamilton in seine Sammlung integrierte, war eine dunkelblaue römische Glasvase mit weißem figürlichen Dekor aus frühaugusteischer Zeit. Ihr markantes Aussehen inspirierte den Keramikhersteller Josiah Wedgwood zu seiner berühmten Jasperware. Einige seiner antiken Vasen, über die er insgesamt vier Bände veröffentlichte (Collection of Etruscan, Greek, and Roman antiquities from the cabinet of the Honble. Wm. Hamilton. = Antiquités etrusques, grecques et romaines. Tirées du Cabinet de M. Hamilton), verkaufte Hamilton an das British Museum in London. Die besagte Vase, die er selbst in Neapel von einem Händler erworben hatte, veräußerte er jedoch an die Herzogin von Portland, nach der das Gefäß benannt wurde: Portlandvase. Heute befindet sich die Vase ebenfalls im British Museum.
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1776 kam eine weitere Publikation ganz anderer Natur hinzu: Campi phlegraei. Observations on the volcanos of the two Sicilies as they have been communicated to the Royal Society of London, in denen William Hamilton, der korrespondierendes Mitglied der Royal Society war, seine Beschreibungen der Vulkane des süditalienischen Königreiches zusammenfasste. 1779 wurde die Publikation aufgrund eines erneuten Ausbruchs des Vesuvs durch ein Supplement ergänzt. Benannt hat Hamilton seine mit zahlreichen kolorierten Kupferstichen illustrierte Arbeit nach den Phlegräischen Feldern, die an den Vesuv angrenzen und eine hohe vulkanische Aktivität aufweisen. Die Bezeichnung stammt aus dem Griechischen und bedeutet "brennende Felder". Heute weiß man, dass es sich bei dem Gebiet um einen Supervulkan handelt.

Für Aufsehen in ganz Europa sorgte aber vor allem William Hamiltons Privatleben. Nachdem seine erste Ehefrau, Catherine Barlow, 1782 gestorben war, kehrte Hamilton für einen Besuch in seine Heimat England zurück. Dort sah sich sein Neffe Charles Francis Greville gerade mit dem Problem konfrontiert, seine mehr oder weniger unfreiwillig „übernommene“ Mätresse namens Emma Hart (1765-1815) wieder loszuwerden, um eine standesgemäße und vor allem wohlhabende Ehefrau zu finden.
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Emma Hart, die eigentlich Amy Lyon hieß, war bei ihrer Mutter und Großmutter in London aufgewachsen. Früh begann sie, ihren Lebensunterhalt als Hausmädchen zu verdienen, wagte aber auch erste Schritte auf den Bühnen von Covent Garden. Im Alter von nur 15 Jahren wurde sie die Mätresse des als „gedankenlosen Playboy“ beschriebenen Sir Harry Fetherstonhaugh, der sie jedoch sitzen ließ, als sie von ihm schwanger wurde. Der mit Fetherstonhaugh bekannte Charles Francis Greville erbarmte sich Emmas und richtete für sie ein kleines Haus in London ein. Von ihrer Tochter musste sie sich jedoch trennen. Aufgrund ihrer Schönheit wurde Emma die Muse des Malers George Romney, der sie vielfach porträtierte, wodurch die zu einer Berühmtheit in der Londoner Gesellschaft wurde. Greville war jedoch nicht reich genug, um sich dauerhaft eine Mätresse leisten zu können, und so bat er seinen Onkel William Hamilton, Emma mit nach Neapel zu nehmen, um in Ruhe und skandalfrei nach besagter reicher Ehefrau Ausschau zu halten (die er jedoch nie finden sollte).

Hamilton ließ sich schließlich erweichen, vor allem, da er nach dem Tod seiner Ehefrau, mit der er viele muntere Musikabende in Neapel veranstaltet hatte (auch Leopold Mozart war mit Sohn Wolfgang Amadeus zu Gast gewesen), weibliche Gesellschaft vermisste. Emma wurde in dem Glauben gelassen, dass es sich nur um einen vorübergehenden Aufenthalt handeln würde, während Greville in Ruhe seinen Geschäften in Schottland nachkommen wollte. In Neapel zog sie in Hamiltons offizielle Botschafterresidenz, den Palazzo Sessa, ein und erst nach einigen Monaten wurde ihr klar, dass sie nun die dauerhafte Mätresse des um 35 Jahre älteren William Hamilton war. Sie fand sich mit der Situation ab und es entstand eine aufrichtige Zuneigung zwischen den ungleichen Partnern.
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Als Mätresse von niederer Geburt konnte Emma natürlich nicht am neapolitanischen Königshof verkehren, doch die Feste im Palazzo Sessa wurden von vielen illustren Gästen frequentiert. Emma war eine lustige und geistreiche Gastgeberin, die ihr schauspielerisches Talent mit ihren attitudes unter Beweis stellte. Dabei handelte es sich um tableaux vivants, in denen sie in antikisierender Robe Skulpturen und Szenen aus der klassischen Antike nachstellte. Wie zuvor in London George Romney, rissen sich nun auch in Neapel viele Künstlerinnen und Künstler darum, Emmas blendendes Aussehen auf die Leinwand zu bannen, darunter Angelika Kauffmann und Élisabeth Vigée-Lebrun.
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Als einsamer Witwer eine Mätresse zu haben, war damals nichts Ungewöhnliches, diese zu heiraten, dann aber schon. Doch genau das tat William Hamilton 1791, als er mit Emma London besuchte. Diese war nun offiziell Lady Hamilton und konnte damit am Hof von Neapel erscheinen. Das Herz der dortigen Königin Maria Karolina eroberte Emma, indem sie ihr einen Brief von ihrer geliebten jüngeren Schwester Marie Antoinette mitbrachte, die sie im revolutionären Paris heimlich besucht hatte.
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Aufgrund der Revolutionskriege geriet das Königreich Neapel in Bedrängnis durch die französische Armee und Flotte und war auf die Hilfe Großbritanniens angewiesen. Daher war die Freude groß, als im September 1793 der britische Kapitän Horatio Nelson (1758-1805) vor Neapel vor Anker ging. Natürlich wurde er von britischen Botschafterehepaar Hamilton in Empfang genommen, und obwohl sein Aufenthalt nur fünf Tage dauerte, schien ein erster Funke zwischen ihm und Emma übergesprungen zu sein.

Aus diesem Funken wurde ein loderndes Feuer, als Nelson, mittlerweile Admiral, fünf Jahre später nach Neapel zurückkehrte. Ihn umwehte die Aura eines Helden, hatte er 1797 beim Angriff auf Santa Cruz de Tenerife doch einen Arm eingebüßt und den Franzosen ein Jahr später in der Seeschlacht bei Abukir eine entscheidende Niederlage beigebracht. Nelson wohnte beim Ehepaar Hamilton im Palazzo Sessa und schon bald begann die Liebesaffäre zwischen ihm und Emma. Da auch Nelson daheim in England eine Ehefrau hatte, war der Skandal groß. Einen, den das Ganze jedoch überhaupt nicht störte, war der „gehörnte“ William Hamilton und es etablierte sich eine von gegenseitiger Toleranz geprägte Ménage à trois.
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Diese hatte auch noch Bestand, als das Trio nach London zurückbeordert wurde, nachdem es in Neapel noch so manches Abenteuer zu bewältigen gehabt hatte: Nachdem die französischen Truppen in ihr Königreich einmarschiert und es in Neapel zu einer antiroyalistischen Revolte gekommen war, sah sich das Königspaar im Dezember 1798 gezwungen, mitsamt seiner umfangreichen Kinderschar nach Sizilien zu flüchten. Für die Überfahrt stellte Nelson seine Schiffe zur Verfügung und das Ehepaar Hamilton war ebenfalls mit von der Partie. Emma wurde für Maria Karolina unentbehrlich und blieb es auch, als alle im Sommer des folgenden Jahres nach Neapel zurückkehren konnten.

Allerdings wurde William Hamilton bereits im Januar 1800 aus Altersgründen von seinem Botschafterposten abberufen. Auch Nelson wurde zurückbeordert und gemeinsam kehrte man nach London zurück, wo man nahe beieinander gelegene Häuser mietete und Emma 1801 Nelsons Tochter Horatia zur Welt brachte. Doch sollte die berühmt-berüchtigte Ménage à trois nicht mehr von langer Dauer sein: Im April 1803 starb William Hamilton im Beisein seiner Frau und deren Liebhabers und im Mai erhielt Nelson den Oberbefehl über die Mittelmeerflotte. In den folgenden zwei Jahren, in denen sie ihre gemeinsame Zukunft planten, konnten Emma und Nelson nur noch einen Monat zusammen verbringen bevor der Seeheld im Oktober 1805 in der Schlacht von Trafalgar fiel. Emma blieben noch zehn Jahre auf Erden, in denen sie vor allem von ihren hohen Schulden geplagt wurde. Von ihrer einst berühmten Schönheit, die viele Maler betört hatte, war nichts mehr übrig. Verarmt und vergessen starb Emma Hamilton im Januar 1815 in Calais.

Schon zu Lebzeiten der beiden Tuschelthema Nummer 1, ist die Liebe zwischen der schönen Lady Emma und dem Seehelden Admiral Nelson bis heute legendär und wird in Büchern und Filmen immer wieder aufgegriffen. Dabei überstrahlt sie permanent die Tatsache, dass der Aufenthalt das Ehepaares Hamiltons am Golf von Neapel vor allem von kunsthistorischer Bedeutung war, hatten William und Emma doch maßgeblichen Anteil an der zunehmenden Beliebtheit der antiken Kunst in ihrer englischen Heimat und ganz Europa.




