Die sechs nachfolgenden Gemälde entstanden jedoch in einem relativ kurzen Zeitraum von weniger als 100 Jahren.
Thomas Gainsborough, The Blue Boy

Die vorliegende Liste wollen wir beginnen mit The Blue Boy von Thomas Gainsborough, das im Laufe des 19. Jahrhunderts zum berühmtesten Gemälde Englands wurde. Gainsborough malte es 1769 und präsentierte es im Jahr darauf in der Ausstellung der Royal Academy of Arts. Um die Entstehung ranken sich einige Mythen, so soll es Gainsbouroughs Antwort auf Joshua Reynolds Aussage gewesen sein, dass die Farbe Blau niemals im Mittelpunkt eines Gemäldes stehen könne. Auch um wen es sich bei dem Dargestellten in einem Anzug im Stil des 17. Jahrhunderts handelt, ist umstritten. Am geläufigsten ist die These, dass es sich um den mit Gainsborough befreundeten Jonathan Buttal, einen musikbegeisterten Eisenwarenhändler, handelt, der damals 18 Jahre alt war. Buttal war zumindest der erste Besitzer des Gemäldes, musste sich 1796 jedoch davon trennen. Nach verschiedenen Stationen wurde es 1921 vom amerikanischen Eisenbahnunternehmer Henry E. Huntington für 128.000 GBP (728.000 US-Dollar) erworben, die bis dahin höchste Summe, die jemals für ein Gemälde gezahlt worden war. Bevor The Blue Boy, der Vielen als Reproduktion auf Keksdosen, Kalendern oder Postkarten bekannt war, seine Heimat verließ, kamen 90.000 Besucher in die National Gallery, um Abschied zu nehmen.
Lesen Sie auch: Gefühlvolle "fancy pictures": Der Maler Thomas Gainsborough
John Constable, The Hay Wain

Seit 1886 ist John Constables The Hay Wain Teil der Sammlung der National Gallery in London, wo es zu den beliebtesten Gemälden zählt. Wie so viele von Constables Landschaftsgemälden entstand auch The Hay Wain in dessen Heimatregion Suffolk, wobei das gegenüberliegende Ufer des abgebildeten River Stour bereits zu Essex gehört. Der abgebildete Ort ist eindeutig identifizierbar, denn tatsächlich steht das am linken Bildrand abgebildete Gebäude, Willy Lott's Cottage, auch heute noch an Ort und Stelle. Als Constable sein Werk 1821 in der Royal Academy ausstellte, erhielt es nur wenig Beachtung und fand keinen Käufer. Anders sah es in Frankreich aus, wo im Pariser Salon von 1824 einige Werke Constables gezeigt wurden. The Hay Wain wurde von König Karl X. mit einer Medaille ausgezeichnet und von einem Kunsthändler gekauft, kehrte jedoch nach wenigen Jahren nach England zurück. 1886 machte es der damalige Besitzer, der Kunstsammler und Mäzen Henry Vaughan, der National Gallery zum Geschenk.
Lesen Sie auch: Merry Old England: Der Landschaftsmaler John Constable
John Everett Millais, Ophelia

Mitte des 19. Jahrhunderts schlossen sich in England einige Künstler, die die Vorgaben der Akademien ablehnten, zu einer Gruppe zusammen, deren Werke sich an der Kunst der Gotik und Frührenaissance orientierten. Inspiration fanden diese Präraffaliten besonders in Mythen und Legenden, aber auch in der Literatur, unter anderem bei Shakespeare. In dessen Tragödie Hamlet fand John Everett Millais die Anregung zu seinem berühmtesten Werk: Ophelia, das eben diese ertrinkend im Wasser treibend darstellt. In dem Stück selbst wird dieses Ereignis lediglich beschrieben, woran sich Millais für sein Werk orientierte. Für den landschaftlichen Teil des Gemäldes begab sich Millais 1851 hinaus in die Natur, die Figur der ertrinkenden Ophelia fügte er im Winter in seinem Londoner Atelier hinzu. Als Modell diente ihm die damals 22-jährige Elizabeth Siddal, die mit ihrem langen roten Haar eine bedeutende Muse der Präraffaeliten wurde. Siddal musste bekleidet in einer Badewanne voll Wasser posieren. Eigentlich wurde das Wasser mit Hilfe von Öllampen warmgehalten, doch verloschen diese vom Maler unbemerkt und Siddal hielt tapfer durch, um den künstlerischen Prozess nicht zu unterbrechen. Die Folge war eine schwere Lungenentzündung, von der sie sich zwar erholte, jedoch eine schwache Konstitution zurückbehielt, die sich im Laufe der Jahre, in denen Siddal als Malerin und Dichterin in Erscheinung trat, stetig verschlechterte.
Lesen Sie auch: Elizabeth Siddal: Die Tragik des ersten Supermodels
Joseph Mallord William Turner, The Fighting Temeraire

2005 wollte BBC Radio 4 von seinen geschätzten Zuhörern wissen, welches britische Gemälde ihrer Meinung nach das großartigste sei. Das Ergebnis lautete The Fighting Temeraire von William Turner aus dem Jahr 1839. Der vollständige Titel des Werks lautet The Fighting Temeraire tugged to her last Berth to be broken up, 1838 und beschreibt, was genau zu sehen ist: die letzte Fahrt des ausgedienten Kriegsschiffs HMS Temeraire, das 1805 an der Schlacht von Trafalgar teilgenommen hatte. In Turners Werk erscheint die Temeraire erhaben und unwirklich wie ein Geisterschiff am linken Bildrand, gezogen von einem Dampfboot, das sich mit seiner schwarzen Farbe und gedrungenen Form von ihr abhebt. Getaucht wird die Szene in das Licht der untergehenden Sonne, die die Quelle für das für Turner typische Farbspiel ist. Das Gemälde ist ein Werk voller Wehmut, das von dem Ende der Ära der Großsegler erzählt, die nach und nach von Dampfschiffen ersetzt werden. In diesem Zusammenhang dient die Sonne als Symbol einer untergehenden Epoche, während das kalte Licht des bereits als schmale Sichel aufgegangenen Mondes als Ankündigung des Industriezeitalters betrachtet werden kann. Heiß diskutiert wird, ob Turner die letzte Fahrt der Temeraire tatsächlich mit eigenen Augen gesehen hat. Jedenfalls schätzte er das Gemälde sehr und bezeichnete es sogar als sein darling, von dem er sich Zeit seines Lebens nicht trennen mochte.
Lesen Sie auch: William Turner, der Meister des Lichts
Edwin Landseer, The Monarch of the Glen

Ein ähnliches Schicksal wie Gainsboroughs Blue Boy widerfuhr auch Edwin Landseers Gemälde The Monarch of the Glen, dessen Protagonist, ein männlicher Rothirsch inmitten der schottischen Highlands, in zahlreichen Reproduktionen als Werbelogo einem breiten Publikum bekannt wurde. Gemalt hatte Landseer, der der Lieblingsmaler Königin Victorias war, und deren wachsende Familie inklusive Hunde immer wieder porträtierte, es 1851. Es war Teil eines Auftrags über drei Gemälde, die den Refreshment Room der Mitglieder des House of Lords im neuerrichteten Palace of Westminster schmücken sollten. Doch der Auftrag wurde schließlich zurückgezogen und nur The Monarch of the Glen ausgeführt, das bei seiner ersten Ausstellung in der Royal Academy sofort als Meisterwerk gefeiert wurde. Ab 1916 begann schließlich die Karriere des Hirschs als Werbeikone, unter anderem für Seife, Butter und Whisky. 2016 gab der Spirituosenhersteller Diageo, der das Gemälde rund 20 Jahre zuvor erworben hatte, bekannt, sich davon trennen zu wollten und forderte 4 Millionen GBP. Mithilfe von Spenden war es den National Galleries of Scotland möglich, The Monarch of the Glen zu erwerben.
Lesen Sie auch: Modelle mit treuen Augen: 10x Hunde in der Kunst
Lemuel Francis Abbott, Rear-Admiral Sir Horatio Nelson

Zu guter Letzt haben wir es noch ein weiteres Mal mit einem „Blue Boy“ zu tun, wobei das Blau in diesem Fall die Farbe der Uniform eines Marineoffiziers ist – jedoch nicht irgendeines Offiziers, sondern von Admiral Horatio Nelson, dem britischen Seehelden schlechthin. Das vorliegende Porträt, gemalt vom weniger bekannten Porträtmaler Lemuel Francis Abbott, entstand 1799, nachdem Nelson im Vorjahr einen entscheidenden Sieg über die französische Flotte in der Schlacht von Abukir hatte erringen können. Zahlreiche Orden zieren seinen Uniformrock und seine schwere Kriegsverletzung – nach einer Schussverletzung während des Angriffs auf Santa Cruz 1797 musste ihm der rechte Arm amputiert werden – wird keineswegs versteckt, sondern durch den vor der Brust befestigten leeren Ärmel betont. Nelson sorgte jedoch nicht nur mit seinen Heldentaten auf See für Schlagzeilen, sondern auch mit seiner außerehelichen Beziehung mit Emma Hamilton, der Frau des britischen Botschafters in Neapel. Gesundheitliche Probleme zwangen Nelson, sich aufs englische Festland zurückzuziehen, doch wurde er im Herbst 1805 erneut zu den Waffen gerufen. In der Schlacht von Trafalgar schlug die britische Flotte die französische vernichtend, doch kostete ihn der Kampf dieses Mal nicht nur einen Arm, sondern das Leben.
Lesen Sie auch: Antiken und Amouren im Schatten des Vesuvs




