[Die Gedenkkanne von van Vianen] ist eines der ganz wenigen ornamentalen Werke, die als kunsthistorische Wendepunkte Anerkennung verdienen.
Das Goldene Zeitalter der Niederlande dauerte etwa hundert Jahre von 1588 bis 1674 und bescherte der jungen Republik einen enormen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung. Als Seemacht sonder gleichen wurde das Land zu einem Knotenpunkt für Entwicklungen in den Bereichen Bildende Kunst, Wissenschaft, Finanzen und mehr.
Lesen Sie auch: "Tulipomanie" oder als eine Blumenzwiebel zum Spekulationsobjekt wurde
Eine dieser Entwicklungen im künstlerischen Bereich war der Ohrmuschelstil, der besonders bei Silberarbeiten zum Einsatz kam. Benannt nach den geschwungenen Linien in der Ohrmuschel, wird der Stil oft als Brücke zwischen den überfüllten Szenen des Manierismus und der verschwenderischen Komplexität des Barock angesehen. Objekte im Ohrmuschelstil kombinieren abstrakte und stilisierte Figuren und Tiere mit hochdetaillierten Wirbeln, Arabesken und frei fließenden Reliefformen in Gold und Silber. Einsatzgebiete waren Gegenstände wie Vasen, Krüge, Bilderrahmen, Tabletts, Schalen, Tassen und mehr. Diese Objekte wurden aus einem einzigen Stück Silberblech gefertigt, mit Hämmern und Meißeln in Form gebracht und zu extravaganten Designs ausgearbeitet.

Die Erfindung des charakteristischen Ohrmuschelstils wird dem berühmten Brüderpaar Adam (1568-1627) und Paul van Vianen (1570-1614) zugeschrieben. Beide wurden in der niederländischen Stadt Utrecht geboren und bei örtlichen Silberschmieden ausgebildet. 1590 wurden sie in die Gilde aufgenommen.

Während Paul im Laufe seines Lebens durch Europa reiste, unter anderem nach Italien und Prag, wo er für Kaiser Rudolf II. arbeitete, verließ Adam seine Heimatstadt Utrecht nur selten.
Lesen Sie auch. 6 Ikonen der niederländischen Malerei

Das berühmteste Exemplar des Ohrmuschelstils ist die Gedenkkanne Adams von 1614, die er für die Amsterdamer Goldschmiedegilde schuf, um an Paul van Vianen zu erinnern, der in jenem Jahr in Prag gestorben war. Die Deckelkanne ist 25 cm hoch und wurde zunächst nur aus Silber angefertigt. Später kam eine Vergoldung hinzu. Die Kanne ist ein perfektes Beispiel für die Verspieltheit des Ohrmuschelstils mit einem hockenden Affen, der die Kanne als Basis stützt, und einer knienden, nach vorn gebeugten Frau, deren lange Haare die Handhabe bilden. Der Korpus der Kanne ist mit einem Relief aus wirbelnden Arabesken verziert, die für den Stil charakteristisch sind.

Van Vianens Deckelkanne wurde an prominenter Stelle im Haus der Amsterdamer Gilde ausgestellt und erlangte dadurch Berühmtheit, dass sie wiederholt in Gemälden des niederländischen Goldenen Zeitalters abgebildet wurde, die sich heute in bedeutenden Sammlungen befinden, darunter das Rijksmuseum, das Metropolitan Museum of Art, das Mauritshuis und der Königliche Palast in Amsterdam.
Lesen Sie auch: Stille Zaungäste: Gemälde in anderen Gemälden

1795 besetzte Frankreich die Niederlande und alle Gilden und deren Sammlungen wurden aufgelöst. 1821 tauchte die Kanne in einer Privatsammlung in Schottland auf und wurde 1976 versteigert. Käufer war das Rijksmuseum Amsterdam, das 700.000 Gulden zahlte – zu jener Zeit eine Rekordsumme für ein Silberobjekt in den Niederlanden. Seitdem kann das außergewöhnliche Stück in dem berühmten Museum besichtigt werden.

Wie James Trilling in seinem Buch The Language of Ornament (World of Art) schrieb, ist die Gedenkkanne „eines der ganz wenigen ornamentalen Werke, die als kunsthistorische Wendepunkte Anerkennung verdienen. Van Vianens Durchbruch war die Einführung von unvollendeten oder unbestimmten Formen, die sowohl dem Rokoko als auch dem modernistischen Ornament den Weg ebnete.“
Lesen Sie auch: Barocke Silbermöbel oder Wie man seine Macht zur Schau stellt

Das zweitbekannteste Werk des Ohrmuschelstils ist Paul van Vianens Diana-und-Actaeon-Becken, eine Schale, die die mythologische Begebenheit zum Thema hat, in der der Jäger Actaeon versehentlich die Jagdgöttin Diana beim Baden überrascht. In ihrer Verlegenheit verwandelt Diana Actaeon in einen Hirsch, der schließlich von seinen eigenen Hunden erlegt wird. Das bemerkenswerte Stück befindet sich seit 1947 ebenfalls im Rijksmuseum.

Das Erbe der Brüder van Vianen wurde von Adams Sohn Christiaen van Vianen (1598-1671) fortgeführt, der den Ohrmuschelstil von seinem Vater erlernte und 1630 in London eine Werkstatt mit 200 Mitarbeitern gründete. Auch Christiaens Werke sind in bedeutenden Sammlungen zu finden, wie beispielsweise ein Delphin-Becken im Victoria & Albert Museum und ein Pokal in Waddesdon Manor.
Möchten Sie Artikel wie diesen direkt in Ihrem Posteingang entdecken? Dann melden Sie sich noch heute für unseren kostenlosen Newsletter an!

2018 trat der Name Van Vianen wieder ins Rampenlicht, als eine von Adam van Vianen entworfene Kanne bei Christie’s versteigert wurde. Das Silberobjekt wurde als Marcus-Curtius-Kanne bezeichnet, da auf ihr der Mythos des Soldaten Marcus Curtius aus Livius’ Ab urbe condita abgebildet ist, der sich in einen durch ein Erbeben entstandenen Erdspalt im Forum Romanum stürzte, um die Römische Republik zu retten. Bei ihrer Versteigerung war sie die letzte Kanne im Ohrmuschelstil in Privatbesitz. Einlieferer war eine belgische Adelsfamilie, der sie seit dem 19. Jahrhundert gehört hatte.

Im Auktionskatalog war die Kanne mit Schätzung auf Anfrage geführt, bei ihrer Versteigerung am 19. April 2018 erzielte sie 4,4 Millionen Euro, was einen neuen Rekord für niederländisches Silber bedeutete. Das Meisterwerk war aus einem einzigen Stück Silber gefertigt worden und zeigte Van Vianens unglaubliches Können. „Die Arbeit der Silberschmiedefamilie van Vianen wird seit jeher gefeiert“, sagte Harry Williams-Bulkeley, Leiter der Abteilung für Silberschmiedekunst bei Christie's. „Es ist wie ein unglaubliches Schmuckstück, etwas, das man bestaunen kann.“
Wie viel ist Ihr Silber wert? Finden Sie es heraus bei ValueMyStuff!
Der Ohrmuschelstil und insbesondere die Entwürfe der Van Vianens waren transformativ in der Verzierung und verbanden ein hohes Maß an Handwerkskunst mit Kreativität und historischen Bezügen. Alle ihre Werke gelten als museal, nur sehr wenige befinden sich in Privatbesitz und wurden seit 2018 nicht mehr auf dem Auktionsmarkt angeboten. Wer sie bewundern möchte, geht am besten in Museen wie das Rijksmuseum (mit der größten Sammlung) das Met, die Eremitage oder das Victoria & Albert Museum.










