Irgendwo jenseits des Regenbogens ist der Himmel blau und unmögliche Träume werden war.
Wer kennt nicht das Lied Somewhere over the Rainbow, das Schauspielerin Judy Garland 1939 im Film Der Zauberer von Oz gesungen hat? Im Laufe ihrer Karriere wurde Garland zu einer Ikone der Homosexuellenszene auf und dieses besondere Lied wurde zur Hymne der Pride-Bewegung. Mitglieder der schwulen Community auf der ganzen Welt begannen sich mit Dorothy, der toleranten und vorurteilsfreien Protagonistin des Films, zu identifizieren und fingen an, sich "Freunde von Dorothy" zu nennen.

Am 22. Juni 1969 starb Judy Garland in London im Alter von nur 47 Jahren. Eine Woche später kam es zu einer Reihe gewalttätiger Zusammenstöße zwischen der New Yorker Polizei und den Besuchern der bekannten Schwulenkneipe Stonewall Inn, die sich gegen die fortwährenden Razzien zu wehren begannen. Dieses Ereignis war der Startschuss zur Befreiungsbewegung der Lesben- und Schwulenszene und ist der Grund, weshalb der Juni Pride Month genannt wird.
Ebenfalls an einem Junitag, genauer gesagt am 25. Juni 1978, wurde die Regenbogenfahne (manchmal auch Freiheitsfahne genannt) erstmals von ihrem Schöpfer, dem Künstler, Aktivisten und Somewhere over the Rainbow-Fan Gilbert Baker, erstmals auf der Gay Parade in San Francisco geschwenkt. Ursprünglich aus acht Farben gestaltet, die jeweils eine eigene Bedeutung hatten, wurde die Anzahl schließlich auf sechs Farben reduziert, da einige Farben zu teuer und nur schwer zu beschaffen waren.
Im Juni 2015 wurde die Originalfahne im MoMA in New York als Symbol für Vielfalt und vor allem Liebe ausgestellt.
Bei Barnebys haben wir die Regenbogenfahne einmal aus sechs berühmten Gemälden nachgebaut.
Rot

Von oben beginnend ist Rot die erste Farbe der Regenbogenfahne und symbolisiert das Leben. Für unsere Flagge haben wir das Gemälde Malerischer Realismus einer Bäuerin in zwei Dimensionen, besser bekannt als Roter Platz, gewählt, das 1915 vom russischen Avantgardisten Kasimir Malewitsch gemalt wurde und aus einem roten Viereck auf weißem Grund besteht. Laut der The New York Times-Kritikerin Grace Glueck wird die Bäuerin aus dem Titel durch die rote Farbe der traditionellen russischen Ikonenmalerei symbolisiert.
Malewitsch war der Begründer des Suprematismus, welchen er mit folgenden Worten umschrieb: "Unter Suprematismus verstehe ich die Vorherrschaft des reinen Gefühls oder der Empfindung in der bildenden Kunst."
Orange

Die zweite Farbe der Flagge, Orange, symbolisiert Gesundheit und Heilung. Als Begleitbild hierfür haben wir uns für das Gemälde Flaming June von Frederick Leighton aus dem Jahr 1895 entschieden, das mit seiner suggestiven Erotik für Furore sorgte und heute als eines der Symbole der präraffaelitischen Bewegung gilt. Die Michelangelo-artige Anatomie der in der Blüte ihres Lebens stehenden schlafenden Frau ist in das warme und leuchtende Orange eines Junitages gehüllt, das der Komposition Kraft, Sinnlichkeit und Entspannung zugleich verleiht.
Lesen Sie auch: Rote Haare in der Kunst: Eine feurige Leidenschaft
Gelb

Das Gelb der Regenbogenfahne steht für das Sonnenlicht. Pate soll an dieser Stelle Gustav Klimts ikonisches Werk der zeitlosen Liebe, Der Kuss von 1907/08, stehen. Hier scheinen sich ein Mann und eine Frau an einem Ort außerhalb von Zeit und Zeit zu befinden, fast schwebend über einem Meer von Blumen. Eingehüllt in eine Aura aus Gold scheinen nur ihre beiden zu einer Einheit verschmelzenden Körper zu existieren. Für die Verwendung von Gold, das auch in vielen anderen seiner Werke zum Einsatz kam, ließ sich Klimt von den byzantinischen Mosaiken inspirieren, die er in der Basilika San Vitale in Ravenna bewundert hatte.
Das Gemälde steckt voller Details, drei von ihnen sollen an dieser Stelle einmal genauer betrachtet werden: Das perfekte Quadrat (180 x 180 cm) der Leinwand hebt die zentrale Stellung der Liebenden hervor, die Efeugirlande im Haar des Mannes ist eine Reminiszenz an die griechische Mythologie rund um Dionysos und seine Ekstase, die Kleidung des Mannes und der Frau, die sich in der Gestaltung der dekorativen Elemente zwar unterscheidet, aufgrund der gemeinsamen Farbe Gelb jedoch zu einem Ganzen verschmilzt.
Grün

Die Farbe Grün ist heute das unverkennbare Symbol der Natur und als solches tritt sie auch in der Regenbogenflagge in Erscheinung. Zu Zeiten von Jan van Eyck, aus dessen Gemälde Die Arnolfini-Hochzeit von 1434 wir uns an dieser Stelle bedient haben, war Grün die Farbe der – mi der Natur verbundenen – Fruchtbarkeit. Van Eycks Werk steckt ohnehin voller Symbolik, die vor allem den Wohlstand der Dargestellten und das Ideal der Ehe hervorheben soll. Die Darstellung der frisch vermählten Frau vereint dies alles mit dem Reichtum des Gewandes und der Fruchtbarkeit verheißenden Rundung ihres Körpers.
Lesen Sie auch: Von Van Eyck bis Botero: Die Geheimnisse der Arnolfini-Hochzeit
Blau

Harmonie ist eine nicht zu unterschätzende Tugend, die auf der Regenbogenfahne durch die Farbe Blau symbolisiert wird. Harmonie findet man auch in dem Gemälde Sternennacht über der Rhône, das 1888 vom oft innerlich aufgewühlten Vincent van Gogh in Arles gemalt wurde und das sich sanft in den Wellen des Flusses spiegelnde Licht der Sterne zeigt. Van Gogh liebte das Städtchen an der Rhône und verließ nachts oft das von ihm angemietete gelbe Haus, um zu malen. Auf diese Weise entstanden die bekannten Bilder Das Nachtcafé in Arles und Terrasse des Cafés an der Place du Forum in Arles am Abend, auf dem ebenfalls ein Stück blauer Sternenhimmel zu sehen ist.
Violett

Der Geist wird in der Regenbogenfahne durch die Farbe Violett symbolisiert. Hier soll ein eher unbekanntes Gemälde der über 250 Seerosenbilder von Claude Monet Pate stehen. In seinen späten Jahren war der Impressionist geradezu besessen von diesen Wasserpflanzen in seinem Garten und stellte seine Leinwand zu verschiedenen Tageszeiten am Ufer seines Gartenteiches auf, um festzuhalten, wie der sich die Lichtreflexionen und die Spiegelung des Himmels mit dem Lauf der Sonne verändern.
Damit ist unsere "künstlerische" Regenbogenfahne vollständig und wir halten einen Moment inne, um an all jene zu denken, die unter irgendeiner Form der Diskriminierung gelitten haben oder noch immer leiden. Doch die Zeile "Irgendwo jenseits des Regenbogens ist der Himmel blau und unmögliche Träume werden war" aus Somewhere over the Rainbow lässt uns auch weiterhin von einer toleranten Zukunft träumen, in der niemand mehr wegen seiner Natur verurteilt wird.




