Das Pferd inspiriert den Menschen seit Urzeiten und entwickelte sich nach und nach zu einem treuen Gefährten. Und so war es nur eine Frage der Zeit, bis es sich auch in Kinderzimmern etablieren konnte, wobei es verschiedene Ausführungen entwickelt wurden: einfache Pferdefiguren, Pferde auf Rädern zum „Reiten“ oder Hinterherziehen, Steckenpferde und Schaukelpferde. Wobei Steckenpferde nicht als reines Kinderspielzeug betrachtet werden dürfen, wurden und werden sie doch in vielen Kulturen bei rituellen Handlungen eingesetzt oder sind Teil einer Folklore – und das schon seit Jahrhunderten.
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Das Schaukelpferd ist dagegen eine relativ junge Erfindung, die sich möglicherweise aus besagten Pferden auf Rollen entwickelt hat. Wird häufig Nordamerika als Ursprungsgebiet genannt, stammt der älteste erhaltene Nachweis aus Großbritannien, wo er noch heute im Londoner Victoria & Albert Museum aufbewahrt wird: ein aus Ulmenholz geschnitztes Exemplar von ca. 80 cm Höhe. Entstanden um 1610, wird es mit König Karl I. (1600-1649) in Verbindung gebracht, dem es in seiner Kindheit zur Kräftigung seiner Beinmuskulatur (er litt möglicherweise an Rachitis) gedient haben soll. Beweisen lässt sich das natürlich nicht, doch schlägt die Theorie einen schönen Bogen zu dem berühmtesten Porträt des 1649 hingerichteten Königs, das diesen, gemalt von Anthonis van Dyck, zu Pferde darstellt.
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Sowohl die Beliebtheit (vor allem in Großbritannien, Deutschland und den USA), als auch die Verfügbarkeit von Schaukelpferden nahm ab dem 18. Jahrhundert durch neue Verfahren der Holzverarbeitung zu, dennoch waren sie vor allem in den Kinderzimmern wohlhabender Familien zu finden. Ein Steckenpferd blieb definitiv die günstigere Option. In Deutschland gehörten Schaukelpferde schon bald zum Repertoire traditioneller Spielzeughersteller in waldreichen Regionen wie Thüringen, Franken und dem Erzgebirge. In England gab es spezialisierte Hersteller wie F H Ayres und G & J Lines, wobei Schaukelpferde mit Mähne und Schweif aus Echthaar und im Look eines Apfelschimmels besonders populär waren.
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Gänzlich ungefährlich waren die Schaukelpferde jedoch nicht. Wer es übertrieb, riskierte, nach vorne oder hinten überzukippen. Um dem Abhilfe zu schaffen, entwickelte der amerikanische Erfinder Philip Marqua 1880 das gleitende Schaukelpferd, also ein Schaukelpferd, mit dem man auf einem festen Stand hin und her schwingen konnte (siehe Foto ganz unten).
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Die aufwändiger hergestellten Schaukelpferde waren ein Statussymbol, das auf so manchem Kinderporträt zu finden ist – auch auf Fotoporträts, sodass man davon ausgehen kann, dass Fotografen in ihren Ateliers Schaukelpferde hatten, die bei entsprechenden Porträts zum Einsatz kamen. Meist waren es Jungen, die mit Schaukelpferden abgebildet wurden, sicherlich als „Vorschau“ auf ihr künftiges Leben. Andersherum verwendeten die Karikaturisten des 19. Jahrhunderts gerne Stecken- und Schaukelpferde, um vor allem Politikern ein gewisses Unvermögen zu bescheinigen.
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Mitte des 20. Jahrhunderts begann die Nachfrage nach Schaukelpferden einzubrechen. Hölzerne Exemplare wurden kaum noch gebaut und durch solche aus Plastik ersetzt. Doch je mehr das Schaukelpferd aus den Kinderzimmern verschwand, desto größer wurde die Nachfrage nach antiken Modellen, wobei die Kreationen von F H Ayres aus dem 19. Jahrhundert besonders begehrt sind. Wie bei den meisten Sammlerstücken bestimmt auch hier der Erhaltungszustand den Preis.
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Während die Bedeutung des Schaukelpferdes abgenommen hat bzw. sich verlagert hat, ist das Steckenpferd weiterhin auf Erfolgskurs. Und zwar auf dem Gebiet des Hobby Horsing, einer aus Finnland stammenden Sportart, bei der vor allem junge „Reiterinnen“ mit ihrem Steckenpferd Springparcours bestreiten oder durch Dressurvierecke schreiten – ein Trend, der sich in Europa immer weiter ausbreitet und sogar schon Australien erreicht hat.
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Während das Schaukelpferd eher ortsgebunden ist, hat das Steckenpferd den Vorteil, praktisch überall einsetzbar zu sein. Doch gibt es mittlerweile große, stabile Plüschpferde auf Rollen, die sich mithilfe ihrer kleinen Reiterinnen und Reiter mechanisch fortbewegen und die das Erbe der Schaukelpferde in die Welt hinaustragen.










