Bei dem Wort „Puppenstube“ mag einem vor dem inneren Auge vielleicht als erstes das Bild eines liebevoll eingerichteten Kinderzimmers erscheinen, in dem ein Mädchen vor einem Haus im Kleinformat auf dem Boden sitzt und mit den darin enthaltenen Figürchen und Möbeln spielt. Die Puppenstuben oder vielmehr Puppenhäuser, um die es in diesem Artikel gehen soll, waren jedoch nicht für Kinderhände gemacht, sondern waren Prestigeobjekte erwachsener Frauen sowie Unterrichtsobjekte. Tatsächlich hat diese Welt en miniature auch heute noch bzw. wieder eine große globale Fangemeinde, die in Internetgruppen und -foren vernetzt ist und sich regelmäßig auf entsprechenden Messen und Märkten versammelt. Wobei zwei Arten von Puppenstubenenthusiasten unterschieden werden müssen: Zum einen gibt es solche, die alte Puppenhäuser und -ausstattungsstücke nur sammeln, zum anderen gibt es jene, die sie selber herstellen. Auch in den Sozialen Netzwerken ist die Community aktiv und erfreut sich hoher Beliebtheit; so folgen etwa dem Account @my_life_in_miniature auf Instagram 1,3 Millionen Follower.

Für Sammler und Enthusiasten bietet der Auktionsmarkt natürlich viele Möglichkeiten, auf interessante Schätze zu stoßen, denn Puppenstuben, -möbel und weitere Objekte im Kleinformat werden regelmäßig versteigert, meist von Auktionshäusern, die auf historisches Spielzeug spezialisiert sind.
Die Blütezeit des „Prestigeprojekts Puppenhaus“ war im 17. Jahrhundert, eine Ära, die mit einer zunehmenden Verfeinerung der Wohnkultur in Verbindung gebracht wird. Gelebt wurde diese an den Fürsten- und Adelshöfen, aber auch in den prachtvollen Häusern des aufstrebenden Bürgertums. Dies machte sich besonders in den reichen Handelsstädten bemerkbar, in denen ein reger Austausch mit exotischen Waren stattfand. In den Niederlanden wird diese Phase als das „Goldene Zeitalter“ bezeichnet, in dem die Schiffe der Vereenigde Oostindische Compagnie aus Fernost mit vollbeladenen Bäuchen in die heimatlichen Häfen zurückkehrten. Neben den teuer gehandelten Gewürzen hatten sie Seide, Objekte aus Jade und Elfenbein und das begehrte chinesische Hartporzellan geladen, dessen Geheimnis in Europa erst im frühen 18. Jahrhundert gelüftet werden konnte.
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Auch die Wissenschaften machten enorme Fortschritte und unter den wohlhabenden Herren wurde es zur Mode, sogenannte Wunderkammern anzulegen, die seltene, exotische und auch gerne kuriose Objekte umfassten, die aus allen Epochen und (bekannten) Regionen des Planeten Erde stammten. Die Sammlungen waren zwar nicht unbedingt wissenschaftlich fundiert, gewährten jedoch einen Überblick über das breite Spektrum an Interessengebieten, das damals existierte. Diese Wunderkammern widerspiegelten das nach außen gerichtete männliche Leben. Die Puppenhäuser, die ebenfalls Schatzkammern voll luxuriöser Objekte waren, könnte man ihnen als weibliches Pendant gegenüberstellen, die jenes nach innen gerichtete, häusliche Leben symbolisieren, das von den Damen des gehobenen Bürgertum erwartet wurde.
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Dennoch war es ein Mann, der das erste Puppenhaus bestellte: Herzog Albrecht V. von Bayern, der 1557 eine Miniaturversion eines fürstlichen Hofes anfertigen ließ, inklusive Tanzsaal, Pferdestall, Garten und Schlafstuben, die von allerhand prunkvollem Hausrat und Püppchen bevölkert wurden. 60 Jahre später ließ Albrechts „Kollege“ Herzog Philipp II. von Pommern-Stettin in Augsburg das Miniaturmodell eines Meierhofs anfertigen, der ein Herrenhaus, Wirtschafts- und Nebengebäude sowie allerhand Getier umfasste. Weder das Puppenhaus Albrechts V. noch der Meierhof Philipps II. existieren heute noch. Sie sind lediglich durch Beschreibungen und Ansichten überliefert.

Das älteste Puppenhaus, das heute noch existiert, wird im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg ausgestellt. Es stammt aus dem Jahr 1611 und umfasst, neben Keller- und Dachgeschoss, drei Hauptebenen mit prunkvollen Stuben und sogar einem Garten. Die vielen liebevollen Details geben Einblick in das Aussehen und Leben eines Nürnberger Patrizierhauses des 17. Jahrhunderts, wobei angemerkt sein muss, dass der Grundriss keineswegs der Wirklichkeit entspricht, sondern zur Betrachtung angepasst wurde – ein Umstand, den die meisten Puppenhäusern und -stuben gemeinsam haben. So auch die weiteren drei frühen Exemplare, die das Germanische Nationalmuseum beherbergt und die aus dem Jahr 1639 sowie aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts stammen.
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Wenn man sein Herz an historische Puppenhäuser verloren hat, ist der Besuch des Nürnberger Museums also gewissermaßen ein Muss (allgemein ist jemand, der sich für historisches Spielzeug interessiert, in der Region Thüringen-Franken, wo sich die Deutsche Spielzeugstraße mit vielen wichtigen Institutionen entlangschlängelt, gut aufgehoben). Ein weiteres mehr als lohnenswertes Ausflugsziel ist das Rijksmuseum in Amsterdam, das drei bedeutende Puppenhäuser aus dem 17. Jahrhundert beherbergt, darunter auch das berühmte Puppenhaus der Petronella Oortman, das ein absoluter Besuchermagnet des Museums ist. Das Oortman’sche Haus zählt zu jenen Puppenhäusern, die in eigens dafür angefertigten Schauschränken untergebracht wurden. Auch zeigt es wie kostbar und aufwändig die Ausstattung dieser Häuser ausfallen konnte, mit Miniaturporzellan aus Japan und China und Wandmalereien des Landschaftsmalers Nicolaas Piemont, die ihren großformatigen Pendants in Nichts nachstehen. Das Puppenhaus der Petronella Oortman inspirierte im Übrigen den Roman The Miniaturist von Jessie Burton, der 2017 in einer sehenswerten Miniserie verfilmt wurde.
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Die Puppenhäuser war Prestige- und Konversationsobjekte, die man seinen Besuchern stolz vorführte – doch nicht ausschließlich. Außerdem dienten sie als Lehrstücke, vor allem für Mädchen, die mit ihnen auf ihre zukünftige Rolle als Vorsteherin eines gehobenen Haushalts vorbereitet wurden. Die Puppenhäuser waren gewissermaßen die dreidimensionale Erweiterung jener Literatur, die damals sehr verbreitet war: Bücher über die Führung und Organisation eines Haushalts, die sogenannten „Oekonomiken“ (abgeleitet vom griechischen oikos = „Haus“). Natürlich geschah das nicht unbeaufsichtigt, denn wie wir gesehen haben, war die Ausstattung der Puppenhäuser viel zu kostbar, um einfach so noch ungeschickten Kinderhänden anvertraut zu werden.

Dies änderte sich erst mit dem Fortschreiten der Industrialisierung, die es ermöglichte, Miniaturmöbel und -gerätschaften in größeren Mengen und aus günstigeren Materialien anzufertigen, die nicht mehr die Welt kosteten. Dennoch waren Puppenstuben noch immer besondere Objekte, die sich nur wohlhabende Familien leisten konnten. Und sie wurden nach wie vor herangezogen, um Mädchen spielerisch auf ihre spätere Rolle als Hausfrau und Mutter vorzubereiten.
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Dass sie aus dem Leben erwachsener Frauen jedoch nicht völlig verschwanden, zeigt ein Beispiel aus dem frühen 20. Jahrhundert, bei dem es sich neben dem Puppenhaus der Petronella Oortman wohl um das berühmteste Puppenhaus der Welt handelt: das 1924 fertiggestellte Queen Mary's Dolls' House, das bei einem Besuch von Windsor Castle bestaunt werden kann. Und „bestaunen“ ist hier definitiv das richtige Wort, denn das Puppenschloss verfügt über eine prachtvolle Ausstattung, inklusive Kunstwerke namhafter Künstler, die einer Königin würdig ist.

In den 1950er Jahren waren es dann auch zwei Frauen, die sich mit dem Thema „historische Puppenhäuser“ eingehend beschäftigten und entsprechende Publikationen veröffentlichten: Flora Gill Jacobs in den USA (A History of Dolls’ Houses, 1953) und Vivien Greene im Vereinigten Königreich (English Dolls' Houses of the 18th and 19th Centuries, 1955). Jacobs und Greene waren auch Sammlerinnen von Puppenhäusern und betrieben entsprechende Museen, die jedoch beide nicht mehr existieren. Greenes Sammlung wurde 1999 bei Bonhams versteigert.
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Neben dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg und dem Rijksmuseum Amsterdam sollten Freunde des Puppenhauses auch das Museum of Childhood in London nicht links liegen lassen, da es eine schöne Sammlung von Häusern aus mehreren Epochen beherbergt. Und auch das Museum of the City of New York verfügt über einen wahren Schatz: das Stettheimer Dollhouse von 1920, benannt nach seiner Erbauerin Carrie Stettheimer, das unter seinem Dach Miniaturgemälde von Künstlern wie Marcel Duchamp und Albert Gleizes beherbergt.

Neben dem Grad der Verzückung, den auszulösen sie imstande sind, sind historische Puppenhäuser vor allem auch spannende Fenster in die Vergangenheit. Nicht selten umfassen sie Alltagsgegenstände und Details, die im wahren Leben nur in seltenen Fällen bis in die heutige Zeit überdauert haben.










