2025 feiert die noch immer von den Gründerfamilien geleitete und an ihrem Gründungsort Le Brassus beheimatete Uhrenmarke Audemars Piguet ihren 150. Geburtstag. Aus diesem Anlass möchten wir Ihnen das Flaggschiff des Hauses, die Royal Oak, einmal genauer vorstellen und haben zu diesem Zweck fünf Fakten zusammengetragen, die die Geschichte der begehrten Armbanduhr nacherzählen.
1. Nur eine Nacht
Am Nachmittag des 10. April 1970 saß Gérald Genta, der erste spezialisierte Uhrendesigner in der Geschichte des Uhrendesigns, in seinem Hotelzimmer in Basel, wo am nächsten Tag der Swiss Watch Fair – später als Baselworld bekannt – seine Pforten öffnen sollte. Um etwa 4 Uhr nachmittags erreichte Genta ein Anruf von Georges Golay, dem Geschäftsführer von Audemars Piguet, der mit einem außergewöhnlichen Auftrag an ihn herantrat: Genta, der seit den 1950er Jahren mehrere Uhrendesigns für die Marke kreiert hatte, sollte eine Herrenarmbanduhr entwerfen, die sowohl elegant als auch sportlich war und zum Abendanzug genauso gut getragen werden konnte wie im Alltag. Und aus Edelstahl sollte sie sein – ein zur damaligen Zeit noch eher ungewöhnliches Material für eine luxuriöse Armbanduhr. Die besondere Herausforderung war, dass Golay den Entwurf bereits am nächsten Tag benötigte, doch Genta meisterte sie in nur einer Nacht und konnte nach diesen wenigen Stunden eine Zeichnung präsentieren, in der das Design der neuartigen Uhr bereits völlig ausgereift war; mit der achteckigen, von acht sichtbaren Schrauben gehaltenen Lünette – dem ikonischen Merkmal der Uhr –, einem Monocoque-Gehäuse und dem integrierten Armband.
Die Inspiration für diesen Kraftakt gründete gewissermaßen auf einem Missverständnis, hatte Gérald Genta bei dem Telefongespräch doch verstanden, dass die Uhr wasserdicht sein müsse. Dies brachte ihm ein Erlebnis aus seiner Kindheit in Erinnerung, als er einen Taucher aus dem Genfersee steigen sah. Vor allem dessen Taucherhelm mit dem typischen Fenster hatte es ihm angetan und diente er ihm nun als Vorlage für eine neue Generation Armbanduhren.
2. Ein Gemeinschaftswerk
Als die eigentliche Arbeit an der späteren Royal Oak begann, hatte Audemars Piguet zwanzig starke Jahre hinter sich, in denen die Mitarbeiterzahl von 35 auf 84 gestiegen war und jährlich 5.500 Uhren in Klein- und Kleinstserien sowie als Einzelstücke das Werk in Le Brassus verließen. Für die neue Uhr wurden jedoch 1.000 Exemplare aus Edelstahl und 100 aus Weißgold geplant, um den hohen Arbeitsaufwand profitabel zu machen.

Für die Herstellung wandte sich Audemars Piguet an verschiedene Manufakturen: Das Einschalengehäuse entstand bei Favre & Perret in La Chaux-de-Fonds, das ikonische Tapisserie Dial in „Bleu Nuit 1“ mit schützender Lackschicht in „Nuage 50“ bei Stern Frères in Genf und das aus 154 Einzelteilen bestehende integrierte Armband beim ebenfalls in Genf ansässigen Unternehmen Gay Frères. Als Uhrwerk wählte man das Kaliber 2121, eine Weiterentwicklung des Kalibers 2120, das 1967 gemeinschaftlich von Audemars Piguet, LeCoultre & Cie sowie Vacheron Constantin gebaut worden war. Kaliber 2121 war das weltweit flachste automatische Uhrwerk mit Datumsfunktion (H. 3,05 mm, D. 28 cm), und daher die beste Wahl für den Look der Royal Oak, deren für die Zeit sehr breites Zifferblatt ihr den Beinamen „Jumbo“ einbringen sollte. Bis 2021 wurden sämtliche Uhren der Royal Oak-Reihe mit dem Kaliber 2121 ausgestattet.
Lesen Sie auch: 5 Dinge, die man über Jaeger-LeCoultre wissen sollte
3. Gebt dem Kind einen Namen!
Die Royal Oak war die erste seriell hergestellte Uhr von Audemars Piguet, die einen Namen erhielt. Zuvor hatte man die Modelle dort lediglich mit Referenznummern versehen. Erste Vorschläge lauteten etwa Safari, Grand Prix, Ascot oder auch Kilimanjaro. Im Archiv von Audemars Piguet taucht der Name Royal Oak schließlich erstmals im Dezember 1971 auf. Doch was bedeutet er und in welcher Verbindung steht er zu der Uhr?
Bei der originalen Royal Oak handelte es sich um eine historische Eiche in England, von der heute nur noch ein Ableger an der ursprünglichen Stelle in Shropshire existiert, nachdem Rinde abschneidende Souvenierjäger den Baum im 18. Jahrhundert zugrunde gerichtet hatten. Was so besonders an der Eiche war? Ihre Krone diente 1651 dem späteren König Karl II. nach der verlorenen Schlacht von Worcester einen Tag lang als Versteck vor den ihn verfolgenden Truppen des republikanischen Regierung. Durch diesen „königlichen Besuch“ wurde aus der einfachen Eiche die Royal Oak, die zwischen 1664 und 1916 für insgesamt acht Schiffe der Royal Navy als Namenspate diente. Hier wäre ein nautischer Bezug zu der wasserdichten Uhr und der ursprünglichen Inspiration Gérald Gentas gegeben. Doch lässt sich auch die Aufwertung, die Edelstahl als Armbanduhrenmaterial durch den Entwurf der Royal Oak erhielt, mit der Aufwertung einer einfachen Eiche zu einem „königlichen Baum“ vergleichen.

4. Der Mühe wert?
Fast auf den Tag genau zwei Jahre, nachdem Gérald Genta die erste Skizze angefertigt hatte, war es soweit und die Royal Oak wurde am 15. April 1972, dem Eröffnungstag des Swiss Watch Fair, erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Die Anspannung war groß: Hatte man sich verkalkuliert? War das Risiko angesichts der Quarzkrise, die die Industrie für mechanische Uhren zu ruinieren drohte, doch zu hoch, um eine so ungewöhnliche Uhr auf den Markt zu bringen? Die größte Sorge bereitete der Preis, den man aufgrund des hohen Arbeitsaufwands für die Royal Oak fordern musste: 3.300 CHF, was heute fast 10.000 CHF entspricht, ein extrem hoher Preis für eine reine Edelstahluhr. Vergleichbare Armbanduhren, wie Rolex Submariner und IWC Ingenieur, waren deutlich günstiger zu haben. Der Preis entsprach eher einer Uhr aus Gold. In seiner Werbung hob Audemars Piguet daher die Handwerkskunst und die Innovation hervor.
Lesen Sie auch: 8 Dinge, die Sie über Rolex wissen müssen
Die ersten Reaktion waren eher verhalten. War man sich auch allgemein einig, etwas Revolutionäres vor sich zu haben, gab es doch eher Kritik als lobende Worte. Doch sprachen die Verkaufszahlen schnell eine andere Sprache und die Royal Oak erwies sich als Bestseller, der die Umsätze bei Audemars Piguet steigen ließ. Zunächst eroberte sie Kunden in der Schweiz, in Deutschland und Asien, später auch in Frankreich und Italien. Die Nachfrage war so hoch, dass die erste Serie von 1.000 auf 2.000 Exemplare erweitert wurde.
5. Im Wandel der Zeit
Die Edelstahl und Weißgoldversionen der Royal Oak wurden 1976/77 um Versionen aus Gelbgold sowie Gelbgold in Kombination mit Edelstahl erweitert. Vom Originalmodell 5402, das bis 1978 in vier Serien (A-D) erschien, wurden bis 1994 insgesamt 6.050 Exemplare verkauft, über 4.000 davon in der Edelstahlvariante. 1976 wurde eine Version für die Dame gelauncht, Modell 8638, 1977 das Modell 4100 (auch Royal Oak III genannt) mit Zentralsekunde und geringerem Durchmesser. Gérald Gentas geniales Design erwies sich als äußerst wandlungsfähig und es entstanden zahlreiche weitere Modelle, bis heute sind es über 500 mit den unterschiedlichsten Funktionen und Komplikationen, darunter Kalenderanzeige und Mondphase. 1993 stieß die technischere Royal Oak Offshore zur ursprünglichen Kollektion hinzu, seit 2002 gibt es zudem die experimentelle Royal Oak Concept-Reihe.

Mit der Royal Oak hat Audemars Piguet viel Mut bewiesen, um der Welt eine Armbanduhr zu präsentieren, wie man sie noch nie zuvor gesehen hatte. Doch gab der Erfolg der Marke schnell Recht und andere Hersteller zogen nach, allen voran Patek Philippe, wo 1976 das Modell Nautilus präsentiert wurde – ein weiteres geniales Design von Gérald Genta.
Lesen Sie auch: Die 8 besten Uhren-Designs von Gérald Genta
Auf dem Auktionsmarkt erzielen Vintage-Exemplare der Royal Oak hohe Summen. Die bislang höchste wurde 2022 bei Sotheby’s in Genf erzielt, als eine Edelstahl-Royal Oak „Jumbo“ Ref. 5402 von 1978, die einst Gérald Genta höchstpersönlich gehörte, für 2.107.000 CHF verkauft wurde.
Weitere Artikel über Armbanduhren finden Sie im Barnebys Magazin










