Im 19. Jahrhundert fand ein so rasanter Fortschritt in den Wissenschaften und der Industrie statt, dass sich viele der damit konfrontierten Europäer bisweilen ein wenig verloren fühlten. Eine gewisse Flucht von diesem zunehmend rationalen Alltag brachten die Träume vom damals von dieser Entwicklung abgehängten Orient, der zudem zunehmend ins Blickfeld von Europäern mit Expansionsbestrebungen geriet. Das passende Material dazu lieferten zahlreiche Künstler, die sich von der arabischen Welt inspirieren ließen und ihn auf eine romantisierende (bzw. erotisierende) und auf den Geschmack ihrer europäischen Auftraggeber und Kunden zugeschnittene Weise auf die Leinwand bannten.
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Einer der führenden Vertreter dieses Orientalismus war der französische Historienmaler und Bildhauer Jean-Léon Gérôme (1824-1904), der auf Reisen nach Ägypten und in die Türkei in den 1850er Jahren dieses Sujet für sich entdeckte. Ein frühes orientalistisches Gemälde Gérôme aus dem Jahr 1858 ist eines der Highlights der aktuell bei Sotheby’s stattfindenden Onlineauktion „The Orientalist Sale“, die am 26. Oktober endet und ausschließlich Werke von Orientmalern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts umfasst.

Aufmerksamen Zuschauern der BBC-Sendung Fake or Fortune?, in der Kunstwerke näher unter die Lupe genommen werden, dürfte Gérômes Gemälde bekannt vorkommen. At Prayer („Beim Gebet“) wurde dort im Sommer dieses Jahres vorgestellt – als Werk eines Künstlers aus dem Umkreis Jean-Léon Gérômes. Die anwesende Gérôme-Expertin Emily Weeks identifizierte das Gemälde jedoch als Arbeit von Gérôme höchstselbst.
Im Zuge der weiteren Nachforschungen sprach Weeks vor laufender Kamera auch mit Claude Piening, seines Zeichens Experte für orientalistische Kunst und Leiter der Abteilung für Gemälde des 19. Jahrhunderts bei Sotheby’s. Nun wird At Prayer bei Sotheby’s, wo 2019 der aktuelle Auktionsrekord für eine Gemälde von Jean-Léon Gérôme aufgestellt wurde, von Sotheby’s versteigert.

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„Ich liebe die Unmittelbarkeit dieses Gemäldes, das nicht lange nach Gérômes erster Ägyptenreise im Jahr 1856 entstanden ist, als seine Reiseeindrücke noch frisch in seinem Gedächtnis waren – der Betrachter fühlt sich wirklich an einen anderen Ort und in eine andere Kultur versetzt. Es ist eine kleine Arbeit, die aber über eine enorme Wirkung verfügt – die Figur von vorne zu sehen, vermittelt tatsächlich die tiefe Verbundenheit zwischen dem Betenden und Gott. Dass dieses Werk zu Recht wieder in Gérômes Oeuvre aufgenommen wurde, zeugt von seiner außergewöhnlichen Qualität“, sagt Claude Piening in einer Pressemitteilung über At Prayer.
Der Schätzpreis liegt bei 80.000-100.000 GBP. Wie der Einlieferer des Gemäldes, der in Los Angeles ansässige Jon Swihart, bei Fake or Fortune? berichtete, hatte er es 1999 bei einer Auktion in New York für nur 6.325 USD ersteigert.
Weitere Künstler der Auktion sind unter anderem Frederick Arthur Bridgman, Carl Werner, Edwin Lord Weeks und Adolf von Meckel. Jean-Léon Gérôme ist mit insgesamt drei Werken vertreten.
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