Edgar Degas ist vor allem für seine Darstellungen der Balletttänzerinnen von Paris bekannt, weshalb er gerne auch als "Ballerinen-Maler" bezeichnet wird. Seine Werke scheinen die spektakuläre Welt des Tanzes, der Kostüme und Bühnenauftritte wiederzugeben, doch in Wahrheit bieten seine Gemälde, Skizzen und Skulpturen einen Blick hinter die Kulissen der Pariser Oper, eine Institution, die die oft unschöne Wahrheit über ihre Tänzerinnen zu verbergen versuchte.

Edgar Degas, geboren im Jahr 1834 in Paris, sah sich selbst eher als Vertreter des Realismus denn des Impressionismus und malte die Welt, die er um sich herum beobachtete. 1870 begann er damit, Balletttänzerinnen zu malen, da sich diese Werke gut verkaufen ließen und er damals half, die immensen Schulden seines Bruders zurückzuzahlen. Da er mit Jules-Joseph Perrot, einem gefeierten Ballettchoreographen, bekannt war, erhielt Degas Zugang zu den Proben und Aufführungen der Pariser Oper, auch wenn er die Tänzerinnen häufig in seinem Atelier Modell stehen ließ.
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1880 begann er von seiner Muse unter den Ballerinen, der vierzehnjährigen Operntänzerin Marie van Goethem aus Belgien, eine Skulptur anzufertigen. Seit zwei Jahren diente Marie dem Künstler immer wieder als Modell, um sich etwas dazuzuverdienen. 1881 wurde Petite danseuse de quatorze ans ("Kleine vierzehnjährige Tänzerin"), eine Wachsskulptur, die in ein echtes Tutu mit Mieder und Schläppchen gekleidet war, auf der sechsten Ausstellung der Impressionisten in Paris ausgestellt. Die meisten Kritiken fielen negativ aus und die Skulptur wurde als "ziemlich scheußlich", Blüte frühreifer Verderbtheit" und "Halbidiot" bezeichnet, was dazu führte, dass Degas sein Werk nie wieder ausstellte. Nach seinem Tod im Jahr 1917 wurden von der Skulptur 69 Bronzeabgüsse geschaffen. Die originale Wachsskulptur befindet sich heute in der National Gallery of Art in Washington, D.C.
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Die negativen Kritiken bedeuteten außerdem das Ende von Maries Karriere als Tänzerin. Sie versäumte Unterrichtsstunden und ein Pariser Journal wusste zu berichten, dass sie häufig in zwei Lokalen gesichtet wurde, die im Ruf standen, Bordelle zu sein. Nachdem sie 1882 aus dem Ballett der Pariser Oper entlassen worden war, verliert sich ihre Spur. Es existieren kleinerlei Aufzeichnungen über ihr späteres Leben oder das Jahr ihres Todes. Ihrer kurzen Karriere als Ballerina wurde mit Degas' Skulptur jedoch ein Denkmal für die Ewigkeit gewidmet.
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Viele junge Tänzerinnen wie Marie waren gezwungen, finanzielle Sicherheit auf anderem Wege zu erlangen. Tatsächlich bot das Ballett mit all seiner Eleganz, Disziplin und Kunstfertigkeit eine Fassade für Prostitution. Viele Ballerinen, die abfällig als "les petits rats" bezeichnet wurden, stammten aus bescheidenen Verhältnissen und waren zum Ballett geschickt worden in der Hoffnung, dort einen wohlhabenden Unterstützer zu finden. Das Ballett wurde von Pariser Geschäftsmännern und Aristokraten finanziert, denen für ihre Großzügigkeit exklusiver Zugang zu den Tänzerinnen hinter der Bühne und bei den Proben gewährt wurde. Oftmals unterstützten sie einzelne Ballerinen und bezahlten deren Wohnung und Kleidung.
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Degas, der, obwohl er kein Finanzier der Oper war, durch Beziehungen ebenfalls einen Blick hinter die Kulissen werfen konnte, bemerkte den Umgang der älteren Männer mit den Tänzerinnen im Teenageralter und stellte das auch in seinen Gemälden dar. In seinen Darstellungen von Proben kann man in Schwarz gekleidete Herren mit Hüten am Rand der Bühne erkennen, die die Tänzerinnen, oft mit lüsternen Blick, beobachten. Diese ausbeuterischen Beziehungen waren im Corps de Ballet so sehr verankert, dass jede einzelne Ballerina im Verdacht stand, im Austausch für sexuelle Gefälligkeiten finanzielle Zuwendungen zu bekommen.
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Trotz der Schattenseiten, die das Leben einer Ballerina im 19. Jahrhundert mit sich brachte, sind Degas' Tänzerinnen-Bilder die beständigsten Werke ihres Schöpfers und werden in den bedeutendsten Museen der Welt ausgestellt und zu hohen Preisen versteigert. Sein teuerstes Gemälde ist Danseuse au repos, das 2008 bei Sotheby's für 29 Millionen Euro versteigert wurde. Auch die Bronzeabgüsse von Kleine vierzehnjährige Tänzerin spielen ganz oben mit auf Degas' Auktions-Topliste: 2015 erzielte ein Abguss bei Sotheby's 22 Millionen Euro. Weit übertroffen wurde dieses Ergebnis im Mai 2022, als ein weiteres Exemplar bei Christie's für 41,2 Millionen US-Dollar verkauft wurde und damit einen neuen Rekord für Degas erzielte. Beeindruckende Summen für ein Mädchen, der das Leben durch eben dieses Kunstwerk so übel mitgespielt hatte.
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Die Ballerinas, die aufgrund des anstrengenden Tanztrainings und der unerwünschten männlichen Aufmerksamkeit oft gezwungen waren, in jungen Jahren erwachsen zu werden, faszinierten Degas, der immer danach strebte, die endlosen Widersprüche in der Realität des Lebens in seinen Kunstwerken zu erforschen.
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Aktualisierte Version eines Artikels vom 28. Mai 2021










