Als ich ein Kind war, wurde mir gesagt, es sei unhöflich und unpassend, über Geld zu sprechen. Wie ich viel später herausfand, gilt das ganz besonders in der Kunstwelt.
Doch auch für die, die eisern schweigen, ändern sich die Dinge, wenn plötzlich die Frage im Raum steht, wie ein einzelnen Gemälde, das gerade einmal 66 x 46 cm misst, 450 Millionen USD kosten kann - geschehen vor bald zwei Jahren bei Christie's in New York.
Wie Sie natürlich bereits erraten haben, handelte es sich um Leonardo da Vincis Salvator Mundi. Nach einem 19 Minuten währenden Gefecht zwischen sechs Bietern wurde das Gemälde schließlich unter tosendem Applaus für 450 Millionen USD (inklusive Gebühren) verkauft. Es war der höchste Preis für ein einzelnes Kunstwerk der Auktionsgeschichte - oder vielleicht sogar der Geschichte allgemein.

Das Interesse am vermutlich letzten Gemälde da Vincis in privater Hand brach bereits im Vorfeld seiner Versteigerung alle Rekorde, vor allem, nachdem die Experten von Christie's es ausgiebig unter die Lupe genommen hatten und es anschließend als "männliche Mona Lisa" bezeichneten. Auch die Tatsache, dass es königlicher Herkunft ist und in den einen oder anderen Skandal verwickelt war, änderte am Interesse - oder sollte man sagen, an der Gier - potenzieller Käufer nur wenig. Christie's wusste genau, wie man Erwartungen weckt und die Aufmerksamkeit der richtigen Bieter auf sich zieht.
Das Gemälde war zu Beginn des 16. Jahrhunderts vermutlich von Leonardos Gönner, dem französischen König Ludwig XII. in Auftrag gegeben worden. Irgendwann gelangte es nach England und in den Besitz der englischen Königsfamilie, bevor es 1763 "verschwand". Erst 150 Jahre später tauchte Salvator Mundi wieder auf, allerdings als ein Werk des Leonardo-Schülers Bernardino Luini. Im Auftrag der englischen Textilhändlerfamilie Cook wurde es vom Kunstsammler Sir Charles Robinson gekauft, aber nur ein Jahrzehnt später bereits wieder versteigert. 1958 wurde das mittlerweile schlecht restaurierte und teilweise übermalte Werk von einem anonymen Käufer für 45 GBP erworben, woraufhin es erneut von der Bildfläche verschwand. Bis es 2005 auf einer kleinen Auktion in Louisiana auftauchte - dieses Mal als Werk Antonio Boltraffios.
Käufer war ein Konsortium von Kunsthändlern, vertreten durch den in New York ansässigen Kunstsammler und da Vinci-Experten Robert Simon sowie den Kunsthändler Alexander Parish. Der Kaufpreis betrug 10.000 USD.

Die neuen Besitzer brachten das schlecht erhaltene Gemälde zu Dianne Dwyer Modestini, Professorin an der New York University für die Restaurierung von Gemälden. Sie begann einen Prozess, der mehrere Jahre dauern sollte. Sorgfältig entfernte sie Schicht für Schicht, Farbe, Schmutz und Firnis und war sich zunehmend sicher, ein authentisches Werk Leonardo da Vincis vor sich zu haben. Bestätigung fand diese Vermutung durch aussagen mehrere Kunstexperten, technische Untersuchungen sowie Vergleiche mit Originalwerken und Kopien.
Nach sechs Jahren der Restaurierung und Untersuchung war man sich schließlich sicher, dass ein echter Leonardo in dem kleinen Auktionshaus in Louisiana gekauft worden war. Darüber hinaus befand es sich in Privatbesitz und damit auf dem freien Markt. Eine Sensation!
Diese unglaubliche Entdeckung wurde noch im selben Jahr in der Londoner National Gallery in der Ausstellung Leonardo da Vinci: Painter in the Court of Milan ("Leonardo da Vinci: Maler am Mailänder Hof") der Öffentlichkeit präsentiert und als eines der bedeutendsten Gemälde der Welt bezeichnet. Und auch als eines der teuersten. 2013 später verkauften Simon, Parish und Warren Adelson das Gemälde für 80 Millionen USD an eine Firma des Schweizer Geschäftsmanns und Kunsthändlers Yves Bouvier, der auch der Mann hinter Le Freeport, das weltweit angesehenste und modernste Hightech-Kunstlager in Luxemburg und Singapur, ist. so wurden in nur wenigen Jahren aus 10.000 USD 80 Millionen USD.

Doch auch Bouviers Kunstlager war nur ein kurzer Zwischenstopp auf der Reise des Salvator Mundi. Knapp ein Jahr später verkaufte er es weiter an den russischen Milliardär Dmitry Rybolowlew für 127,5 Millionen USD - ein schneller Gewinn von fast 50 Millionen USD für den Schweizer Geschäftsmann. Rybolowlew war letztendlich von dem beachtlichen Preisunterschied alarmiert und zeigte Bouvier wegen Betrugs an. Einer der größten Skandale der Kunstgeschichte kam daraufhin zum Vorschein, in dem Bouvier nicht des Betrugs sondern auch der Hehlerei bezichtigt wurde - beides in großem Umfang.
In einem Schloss in Schottland soll bis 2003 ein weiteres Originalwerk von Leonardo da Vinci an der Wand gehangen haben. Da es einmal gestohlen wurde, ziehen die Besitzer es vor, es der Scottish National Gallery in Edinburgh auszuleihen. Doch die Kunsthändler der E 80th Street in Manhattan und in den Straßen von Mayfair in London lauern bereits darauf, dass es früher oder später den Markt erreichen wird.
Natürlich ist es unschicklich, über Geld zu sprechen, doch wenn man ergründen will, warum ein Gemälde 450 Millionen USD kosten kann, muss man es eben doch tun. Es sind die einzigartigen Bedingungen des Kunstmarktes und der geschätzte Wert der Kultur. Daher kommt es immer wieder vor, dass fantastische Summen für Gemälde von Künstlern gezahlt werden, die schon lange tot und begraben sind. Und die Konkurrenz wächst: Die Reichen dieser Welt werden immer reicher und zudem auch zahlreicher. Außerdem ist Kunst eine Art soziales Schmiermittel, mit dem sich der eigene Status erheblich erhöhen lässt. Es ist die Kombination aus Geld, Geschmack, Bildung und Einzigartigkeit. Doch gibt es nicht genug "gute" Kunst, damit jeder auf seine Kosten kommt. Vor allem, wenn man bedenkt, dass im letzten Jahrzehnt mehr Museen weltweit eröffnet wurden als im 19. und 20. Jahrhundert zusammen. Gleichzeit haben die Neureichen angefangen, Kunst in großem Maßstab zu sammeln, da sie etwas besitzen wollen, das "nicht jeder hat".

Einige der bedeutendsten Werke, die in den letzten Jahren verkauft wurden, sind im Louvre Abu Dhabi gelandet. Das größte der sieben arabischen Emirate, die sich 1971 zusammengeschlossen hatten, suchte mit dem Bau des Museums nach einer neuen Möglichkeit, Touristen anzulocken und für die Zukunft zu sorgen, den irgendwann ist auch die ergiebigste Ölquelle versiegt. Und natürlich ist die Kultur das Herz einer Nation; eine Nation ohne Kunst ist ein Land ohne Sauerstoff, ohne Puls.
Nachdem in jenem überfüllten Auktionssaal jubelnd Geschichte geschrieben worden war, wurde bekannt, dass Salvator Mundi vom Prinzen Bader bin Abdullah bin Mohammed bin Farhan Al Saud im Auftrag des Saudi-arabischen Kronprinzen Mohammed bin Salman. Und bald darauf witterte der Louvre in Paris, das das Gemälde in seinem Ableger in Abu Dhabi ausgestellt werde.

Rechnen wir einmal nach: Im vergangenen Jahr konnte der Louvre in Paris 10,2 Millionen Besucher verzeichnen. 8 Millionen von ihnen haben Eintritt bezahlt, der bei etwa 15 USD lag. Besucher aus aller Welt zahlten somit insgesamt 120 Millionen USD allein an Eintritt!
Nehmen wir nun an, dass der Außenposten des Museums am arabischen Golf etwa die Hälfte dieser Besucherzahl anlockt. Dann wäre die Kaufsumme für Salvator Mundi in fünf bis sechs Jahren wieder ausgeglichen (hätte das Museum die Summe selbst aufbringen müssen) und der hohe Preis, den der saudische Kronprinz hingeblättert hat, macht es sehr unwahrscheinlich, dass es ihm so schnell wieder abgekauft wird. Doch leider erreichte Leonardos Werk den Louvre Abu Dhabi nie.
Auf jeden Fall kann das Bruttoinlandsprodukt eines Landes durch eine kulturelle Sensation einen plötzlichen Leistungsschub wie ein gedopter Leistungssportler erfahren. Vor allem, wenn es sich um das teuerste Gemälde der Welt handelt, das in sechzig Jahren seinen Wert von 60 USD auf 450 Millionen USD steigern konnte.
Kultur ist eben ein Kapital, das unendlich wertvoll ist.




