Die Visitenkarte - im Englischen auch Calling Card genannt – war ein unerlässliches Accessoire, das von den höheren Gesellschaftsschichten Europas, Russlands und Nordamerikas verwendet wurde. Ab den 1820er Jahren wurde es zur üblichen Praxis, vor allem in der Mittel- und Oberschicht, seine Visitenkarte in den Salons Europas zu hinterlassen.
Vor dem 18. Jahrhundert hinterließen Besucher handgeschriebene Notizen in den Häusern ihrer Gastgeber; ab den 1760er Jahren verwendete die Oberschicht in Italien und Frankreich bedruckte Karten, die über eine dekorierte Seite verfügten, während die andere Seite Platz für eine handschriftliche Notiz bot. Mit der Verbesserung der Drucktechniken, wurden immer aufwändigere Designs üblich. Die Viktorianer übernahmen den französischen Usus der cartes d'adresse und machten ihn populär.

Visitenkarten waren nicht einfach nur Karten; rund um sie herum wurde ein Gerüst der Praktiken und Erwartungen errichtet. Mit den "Visitenkarten-Regeln" auf vertrautem Fuß zu stehen, war ein Indikator für den sozialen Status einer Person. So wurde im 1886 veröffentlichten Rules of Etiquette and Home Culture erklärt: "Die Karten von unverheirateten und verheirateten Männern sollten klein sein. Für verheiratete Personen zeugt eine mittelgroße Karte von besserem Geschmack als eine große Karte. Bevorzugt wird eine Inschrift in einfacher Schrift und ohne Schnörkel."
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Im 19. Jahrhundert wurden Visitenkarten zu einem wesentlichen Teil der Etikette mit einem strengen Verhaltenscodex. Einfach so bei jemandem zu Besuch aufzutauchen, war ein Ding der Unmöglichkeit; zuvor getroffene Arrangements waren unerlässlich, und da kam die Visitenkarte ins Spiel. Die Hausherrin oder einer ihrer Diener würde die Karte zu dem Haus jener Person bringen, die sie zu besuchen wünschte und damit ihrem Begehr Ausdruck verleihen. Die Herrin des empfangenden Hauses konnte nun entscheiden, ob dieser Besucht erwünscht war. Falls ja, schickte sie wiederum ihre Karte der "Antragstellerin".

Auch war es verpönt, Visitenkarten mit Geschäftskarten gleichzusetzen – sollte jemand bei einem gesellschaftlichen Besuch seine Geschäftskarte hinterlassen, galt dies als schlechtes Benehmen. Eine bei einem Diener abgegebene oder im Salon zurückgelassene Geschäftskarte würde signalisieren, dass der Besuch geschäftlicher Natur gewesen war und keiner zum Vergnügen.
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Mit der steigenden Beliebtheit der Visitenkarten, stieg auch das Verlangen nach eleganten Kartenetuis. Meist bestanden diese aus Perlmutt oder Schildpatt, doch wer ein wenig angeben wollte, wählte feinstes marokkanisches Leder oder Elfenbein aus China.
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Allgemein gab es jedoch Visitenkartenetuis aus allen Materialien, die vom frühen 19. bis zum frühen 20. Jahrhundert beliebt waren, darunter Sandelholz aus dem Nahen und Mittleren Osten, karierter Schottenstoff, französisches Porzellan, Papiermâché oder sogar Haifischhaut.

Die Crème de la Crème der Visitenkartenetuis wurde im viktorianischen England produziert. Auch castle-tops genannt, bestanden sie aus Silber und trugen die Signaturen von Herstellern in Birmingham. Nathaniel Mills, ein Silberschmied, der auch für seine exzellenten Schnupftabak- und Riechsalzdosen bekannt war, zählte zu den angesehensten Castle-Top-Herstellern. Weitere beliebte Namen waren Taylor and Perry, Joseph Wilmore und Hilliard and Thomason.
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Auf dem Auktionsmarkt werden die meisten Visitenkartenetuis für Preise zwischen 60 und 600 Euro verkauft, was von Material und Seltenheit abhängt. Einige Castle-Top-Etuis, die mit bekannten Wahrzeichen verziert sind, wie beispielsweise britische Kathedralen und Schlösser, werden für rund 1.200 Euro verkauft. Je seltener das Wahrzeichen, desto höher der Preis, wodurch es schon zu Verkäufen in Höhe von über 10.000 Euro gekommen ist.









