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Magazin/Kunst/Frida Kahlo: Vielschichtige Porträts und soziale Kommentare

Frida Kahlo: Vielschichtige Porträts und soziale Kommentare

Mit kräftigen Farben, expressiven Motiven und einer persönlichen und politischen Botschaft trug Frida Kahlo zur Formung der postrevolutionären Identität Mexikos bei.

3. Juli 2021
Frida Kahlo in einem traditionellen Kleid in einer Hängematte sitzend. Foto © Hulton Archive/Getty Images

Frida Kahlo in einem traditionellen Kleid in einer Hängematte sitzend. Foto © Hulton Archive/Getty Images

Frida Kahlo kam am 6. Juli 1907 in Coyocán zur Welt, dass heute Teil von Mexiko-Stadt ist. Sie hatte einen liebevollen Vater, Carl Wilhelm Kahlo, der jedoch ständig mit Depressionen zu kämpfen hatte und zudem an Epilepsie litt. Den Haushalt führte Fridas Mutter Matilde Calderón y Gonzales mit eiserner Hand. Im Alter von sechs Jahren erkrankte sie an Kinderlähmung, was ein verkürztes Bein zur Folge hatte.

In Mexiko waren weibliche Passivität und Unterwürfigkeit die Norm – Verhaltensweisen, die nicht unbedingt Fridas Charakter entsprachen. Stattdessen entwickelte sich zu einer unabhängigen und ambitionierten jungen Frau, die eine der besten Schulen des Landes besuchte. Alle Träume kamen jedoch zum Erliegen, als Frida 1925 in einen Busunfall verwickelt und schwer verletzt wurde. Beinahe jeder Knochen in ihrem Körper war gebrochen, wodurch sie lange ans Bett gefesselt war und in ein Stahlkorsett gezwängt wurde. 

Das von Frida Kahlo gemalte "Porträt einer Dame in Weiß" von ca. 1929 wurde am 21. November 2019 für 5,25 Millionen Euro versteigert. Foto © Christie's

Während ihrer langen Genesungszeit begann sie zu malen. Ihr begrenzter Radius ließ nur wenige Motive wie Selbstporträts oder die Porträts von Freunden und Familienmitgliedern zu.

Nachdem sie wieder am Leben teilhaben konnte, nahm sie Kontakt zu dem Maler Diego Rivera (1886-1957) auf, den sie seit langem bewunderte. Nachdem die Beziehung zunächst rein professioneller Natur gewesen war, kamen schnell romantische Gefühle hinzu und das Paar heiratete 1929. 

Um 1945: Die mexikanische Künstlerin Frida Kahlo (1907-1954) streichelt einen Affen, evtl. Fulang-Chang, der sich an die Jacke ihres Mannes, der mexikanische Künstler Diego Rivera (1886-1957) klammert | Foto: Wallace Marly/Hulton Archive/Getty Images

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Rivera war nicht nur in seiner mexikanischen Heimat, sondern auch in den USA ein angesehener Künstler und 1930 zogen er und seine junge Ehefrau dorthin. Die Frauen in den Vereinigten Staaten erwiesen sich als nicht weniger konservativ als in Mexiko, sodass Frida nur wenig Freude während des Aufenthalts verspürte.

Frida wurde Teil der Mexicayotl-Bewegung, die der urmexikanischen Kultur Tribut zollte. Sie nahm Abstand von der amerikanischen und europäischen Politik und Kultur und widmete ihr Werk der Formung der postrevolutionären Identität Mexikos. Aufgrund ihrer Wahl kräftiger Farben und klaren Konturen wurde ihre Kunst oft als naiv oder primitiv bezeichnet. Deutlich ist der folkloristische Einfluss, was als stark nationalistisch ausgelegt wurde.

Tatsächlich nahm Frida eine antikapitalistische Position ein, mit einer eklektischen Formensprache und Einflüssen unterschiedlicher Stile. Die Popkultur und die moderne Avantgarde beeinflussten Fridas Bildsprache und obwohl sie Abstand von Europa nahm, inspirierten sie die Meister der italienischen Renaissance, wie Sandro Botticelli und Bronzino. Die Eleganz ihrer Gemälde widerspiegelt die Präraffaeliten, während ihre kunstvollen Darstellungen von Körpern eine Reminiszenz an Amedeo Modigliani darstellen.

Am 12. Mai 2016, wurde mit dem Gemälde "Dos desnudos en el bosque (La tierra misma) von 1939 ein neuer Auktionsrekord für Frida Kahlo erzielt, als es bei Chiristie's für 8 Millionen Euro versteigert wurde. Foto © Christie’s

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In den 1930er Jahren traf Frida Kahlo den französischen Schriftsteller und Surrealisten André Breton. Schon bald wurden sie Freunde und Breton zeigte großes Interesse an Fridas Kunst. 1938 verhalf er ihr zu ihrer ersten Ausstellung in New York. Breton glaubte an die surrealistische Natur von Fridas mit Vorstellungskraft und Symbolismus angefüllter Kunst – etwas, dass die Künstlerin selbst ganz und gar nicht sah. Sie bestand darauf, niemals ihre Träume, sondern immer nur ihre Realität gemalt zu haben.

Noch immer war Frida selbst ihr am häufigsten gemaltes Motiv und heute sind es gerade diese Selbstbildnisse, für die sie berühmt ist („die mit den Augenbrauen“).

Frida Kahlo, Selbstporträt mit lockigem Haar, 1935, Öl/Blech, 18,3 x 14,6 cm. Foto © Christie's

Während ihrer Zeit in den Vereinigten Staaten entstand Selbstporträt auf der Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten (1932), das Frida in einem rosa Kleid auf der Staatsgrenze zeigt. Ihren Rücken hat sie einer trostlosen Industrielandschaft zugewandt, der die USA symbolisiert, wo Wolkenkratzer über Industrieanlagen wie Grabsteine in den Himmel ragen. Ihr Blick ist der linken Bildhälfte zugewandt, Blumen, religiöse Figuren und Schädel sowie ein alter Aztekentempel auf Mexiko hindeuten.

Das Gemälde ist eine Darstellung ihrer ambivalenten Gefühle gegenüber Mexikos nördlichen Nachbarn. Es unterstreicht ihren Eindruck von den industriellen, kapitalistischen und unmenschlichen USA, denen das fruchtbare und traditionelle Mexiko kontrastierend gegenübersteht. Das Gemälde ist ein Beispiel für Fridas nationalistische Kunst und den Einfluss, den die Mexicayotl-Bewegung auf sie hatte.

Mit dem Ölgemälde Die zwei Fridas von 1939 griff sie Fragen über die ererbte Rolle der Frau auf. Ihr linkes Selbst trägt ein viktorianisches Kleid, das auf Fridas europäische Herkunft hindeutet. Ihr rechtes Selbst trägt ein traditionelles Tehuana-Kleid, wie es von Frauen in den matriarchalischen Gesellschaften des alten Mexikos getragen wurde und mit denen sie sich stark identifizierte. Die Tehuana-Kleidung ist ein wiederkehrendes Motiv in Kahlos Werk, vor allem ihren Selbstporträts. Es widerspiegelt ihren Unwillen, die traditionelle (viktorianische) Frauenrolle anzunehmen.  

Die Künstlerin Frida Kahlo in ihrem von Architekt Juan O'Gorman um 1940 entworfenen Haus in Colonia San Angel, Mexiko-Stadt, Mexiko. Foto Ivan Dmitri/Michael Ochs Archives/Getty Images

In dem Gemälde spielt Frida Kahlo einmal mehr mit Kontrasten. Es zieht eine klare Linie zwischen der viktorianischen Ära, die wie kaum eine andere Zeit für eine stark reduzierte Rolle der Frau steht, und der Epoche der unabhängigen Tehuanerinnen. Es diente als Kommentar zu dem zeitgenössischen Blick auf die Frau und als Manifestation ihres geteilten Blicks auf ihre eigene Identität und Existenz.

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Imogen Cunningham (1883-1976), "Frida Kahlo Rivera, Malerin und Ehefrau von Diego Rivera", 1931. Foto: Christie's

In ihrem Essay Why have there been no great women artists? behandelt Kunsthistorikerin Linda Nochlin die Frage, warum Künstlerinnen mit dem Erfolg ihres männlichen Kollegen kaum mithalten können. Frauen blieben Ausbildungsmöglichkeiten, wie Männer die hatten, meist vorenthalten und waren in ihrer persönlichen Entfaltung durch ihre häuslichen Pflichten eingeschränkt. Zudem mussten sie auf weniger „angesehne Motive“ zurückgreifen, wie Porträts, meist von Frauen oder Kindern, sowie Stillleben, die meistens Blumen zeigten. Harmlose Motive, die eine eindimensionale Interpretation mit sich brachten. Auch Frida Kahlo hatte damit zu kämpfen.

Um die Normen zu umschiffen, verwendete Kahlo persönliche Motive und Porträts, die eine tiefergehende und vielleicht auch unkonventionelle Botschaft vermittelten. Das Politische und das Persönliche koexistieren in Frida Kahlos Leben und Werk.

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Frida Kahlo, Frida und die Fehlgeburt, 1932, Lithografie/Papier, 31,5 x 24 cm. Foto © Christie's

Nach einer zweiten Fehlgeburt im Jahr 1932 malte Frida Henry Ford Hospital. In Mexiko war das Kinderkriegen unabdingbar mit dem Leben einer Frau verbunden und der Traum, Mutter zu sein, war das Synonym einer weiblichen Existenz schlechthin. Auf den ersten Blick scheint das Gemälde die Geschichte eines zerplatzten Traums zu erzählen: Eine verzweifelte Frida Kahlo liegt auf einem Bett, nackt und entblößt, umgeben von Fruchtbarkeitssymbolen. Dei Platzierung des Bettes im Freien, erzählt aber noch eine ganz andere Geschichte. Oder vielmehr wirft es die Frage auf, weshalb ein so privates Erlebnis wie eine Schwangerschaft zu einem Gegenstand der öffentlichen Diskussion werden kann.

Als Frida Kahlo am 13. Juli 1954 im Alter von 47 Jahren starb, hinterließ sie mehr als 200 Gemälde, Zeichnungen und Skizzen. Von den 143 Gemälden waren 55 Selbstporträts. Künstler auf der ganzen Welten werden von Frida Kahlo inspiriert, beeinflusst und interessieren sich für ihre Werke. Bedenkt man, dass Frida Kahlo ein Leben lang mit der Rolle der Frau in der Gesellschaft haderte und sich gegen die Unterdrückung der Frau wehrte, verwundert es nicht, dass sie ebenso großen Einfluss auf die Feminismus-Bewegung hat.

Weitere Künstlerbiografien finden Sie im Barnebys Magazin.

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