Stil und Werk der finnischen Künstlerin Helene Schjerfbeck reichen vom akademischen Realismus mit deutlichen impressionistischen Einflüssen bis hin zu stark stilisierten und an abstrakten Expressionismus grenzende persönliche Porträts. Schjerfbeck war nicht nur am Puls der Zeit, sondern diesem oftmals voraus.
Die Protagonistin dieses Artikels wurde am 10. Juli 1862 in Helsinki als Helena Sofia Schjerfbeck geboren. Später änderte sie ihren Vornamen in die französischer klingende Variante Helene. Ihr großes Talent wurde früh entdeckt und im Alter von elf Jahren wurde sie an der Zeichenschule des Finnischen Kunstvereins aufgenommen. Finanzielle Unterstützung erhielt sie dabei vom Künstler Adolf von Decker, der das Potenzial der jungen Helene erkannt hatte. Während ihrer Ausbildung lernte Helene ihre Freundin und Kollegin Helena Westermarck kennen, mit der sie gemeinsam nach dem Schulabschluss Ölmalerei bei ihrem Förderer studierte.
Lesen Sie auch: Hilma af Klint: Die Pionierin der gegenstandslosen Kunst
Im Alter von erst siebzehn Jahren gewann Helene einen Wettbewerb der Finnischen Kunstgesellschaft und erhielt bald darauf ein Stipendium für einen Studienaufenthalt in Paris. In Frankreich war Helene viel auf Achse, wurde Schülerin von Léon Bonnat, studierte zeitweilig an der Académie Colarossi und unternahm längere Reisen nach Meudon und Concarneau. Finanzieren konnte sie das alles durch weitere Stipendien, Ausstellungen und ihre Arbeit als Buchillustratorin.

1884 kehrte sie an die Académie Colarossi zurück, dieses Mal jedoch als Mitarbeiterin. Drei Jahre später verbrachte Helene einige Zeit in Cornwall, wo das möglicherweise autobiografische Werk Die Genesende entstand, für das sie 1889 auf der Weltausstellung in Paris mit einer Bronzemedaille ausgezeichnet wurde. Zu jener Zeit wurde ihr Stil stark von der Freilichtmalerei der Impressionisten beeinflusst.
Lesen Sie auch: Trendwende im 19. Jahrhundert: Die Freilichtmalerei
1890 kehrte sie in ihre Heimat zurück und unterrichtete an der Zeichenschule des Finnischen Kunstvereins. 1901 musste sie diesen Posten jedoch aufgrund einer Erkrankung aufgeben. Mit ihrer Gesundheit ging es immer weiter bergab und 1917 schrieb sie: „Kein gesunder Tag in fünfzig Jahren. Man wird so müde vom Kämpfen“. Oft schaffte sie am Tag nur ein bis zwei Stunden zu malen. Dennoch konnte sie am Ende ihres produktiven Lebens ein Œuvre von fast tausend Gemälden vorweisen.

Kurz nach dem Ausbruch ihrer Krankheit war sie in das nördlich von Helsinki gelegene Hyvinkää gezogen, um sich um ihre eigene Gesundheit, aber auch um ihre Mutter zu kümmern, die 1923 starb. Doch blieb Helene trotz der Umstände aktiv und nahm aus der Ferne an Ausstellungen Teil und hielt sich durch ihre Korrespondenz mit Kollegen und Freunden über die Kunstwelt auf dem Laufenden.
In Hyvinkää wurde Helenes Kunst von ihrer unmittelbaren Umgebung inspiriert. Sie malte Interieurs sowie Porträts von Frauen und Kindern, die in ihre Beschäftigungen versunken sind. Dabei bewegte sich Helene immer weiter weg vom Realismus und gab ihre Motive immer weniger detailliert wieder. In Hyvinkää entwickelte Helene Schjerfbeck jene Formensprache, für die sie heute am besten bekannt ist.
Möchten Sie Artikel wie diesen direkt in Ihrem Posteingang entdecken? Dann melden Sie sich noch heute für unseren kostenlosen Newsletter an!
1913 lernte sie den Kunsthändler Gösta Stenman kennen, der sich, wie so viele vor und nach ihm, in Helenes Kunst verliebte. Mit seiner Ermutigung stellte Helene ihre Werke in Malmö, Stockholm und Sankt Petersburg aus. Später folgten auch Kopenhagen und Göteborg. 1937 organisierte Stenman Helenes erste Einzelausstellung in Stockholm und im folgenden Jahr begann er, ihr ein monatliches Gehalt zu zahlen.

Eines von Helene Schjerfbecks international erfolgreichsten Gemälde ist Tanzschuhe von 1882. Dargestellt ist ihre junge Cousine Esther Lupander, deren langen schlanken Beine das Werk den Beinamen Grashüpfer verdankt. Das Motiv war so erfolgreich, dass Helene mehrmals darauf zurückkam, auch für eine Lithografie, wodurch das Werk noch bekannter wurde. Als das Originalgemälde 2008 bei Sotheby’s versteigert wurde, fiel der Hammer bei 3 Millionen GBP.
Tanzschuhe ist ein realistisches Werk, das die deutlichen Spuren von Helenes Zeit in Paris trägt. Dort beeindruckten sie Künstler wie Édouard Manet, Edgar Degas, Berthe Morisot und Mary Cassatt.
Lesen Sie auch: Kind und/oder Karriere: 5 Künstlerinnen im Porträt

Trotz ihrer abgeschiedenen Lebenssituation in späteren Jahren war Helene Schjerfbeck immer auf dem neusten Stand, was die künstlerischen Stile in Europa betraf und entwickelte sich selbst stetig weiter. Den melancholischen Realismus mit Einflüssen des Impressionismus und Naturalismus ließ sie schließlich hinter sich, um einen eigenen Stil, der im Expressionismus und sogar der Abstraktion gründete, zu schaffen. Dabei gelang es Helene, ihren zweidimensionalen Motiven eine unglaubliche Tiefe zu verleihen. Das 1916 entstandene Werk Mädchen mit blonden Haaren macht deutlich, wie sehr sie sich in Richtung französische Moderne verändert hatte.
Lesen Sie auch: Abstrakte Kunst: Von einer Idee zur globalen Bewegung

Die Atmosphäre in Helene Schjerfbecks Werken ist zugleich ruhig und angespannt sowie einnehmend und distanziert. Die Genauigkeit eines Porträts spielte keine Rolle, wichtig war die spürbare Präsenz auf der Leinwand. Oft ist die dargestellte Person im Profil, in Dreiviertelansicht oder ganz vom Betrachter abgewendet wiedergegeben. 1909 entstand mit Meine Mutter ein Bildnis von Helene Schjerfbecks Mutter, dass diese im Profil in einem langen schwarzen Kleid zeigt. Grauhaarig und kraftvoll nimmt sie mit ihrer Körperhaltung die gesamte Bildfläche ein.
Lesen Sie auch: Lady in Black: 5 gemalte Damen in Schwarz
Je älter sie wurde, desto weniger reiste Helene Schjerfbeck. Wenn sie einmal nach Helsinki fuhr, dann nur aus familiären Gründen. Den Winterkrieg 1939/40 zwischen Finnland und der Sowjetunion verbrachte sie in in dem Dorf Tenala, 1944 zog sie in das Grand Hotel in Saltsjöbaden bei Stockholm, wo sie auch weiterhin malte.

Wie ein roter Faden ziehen sich Selbstporträts durch ihre gesamte Karriere. In ihren letzten Jahren war das dem häufigen Mangel an Modellen geschuldet. Zwischen 1939 und 1945 entstand ihre vielleicht stärkste Serie von Selbstporträts, in denen sie sich mit dem zunehmenden Verfall ihres Körpers und ihres Geistes auseinandersetzte. Diese Bildern glühen vor Aufrichtigkeit, mit der die Künstlerin sich selbst, aber auch dem Betrachter begegnete. Dennoch wird die große Stärke im Inneren der alternden Frau deutlich. Helene Schjerfbeck starb am 23. Januar 1946 in Saltsjöbaden.




