Jean Tinguely (1925-1991) war einer der originellsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Seine Arbeit konzentrierte sich auf futuristisch ausgedrückte Bewegung, die Alltagsgegenstände zum Leben erweckte. Zu einem einzigen Wesen zusammengesetzt, wurden diese Objekte zu Robotern, die von der „Mechanik des Zufalls“ angetrieben wurden.
Tinguely wurde am 22. Mai 1925 in Freiburg im Üechtland geboren. Seine Familie zog nach seiner Geburt nach Basel, wo er beim Spielen im Wald seine ersten Maschinen entwarf. 1941 begann er ein Studium als Dekorateur an der Kunstgewerbeschule in Basel. Dort lernte er seine spätere Frau Eva Aeppli kennen und fertigte seine ersten Metallskulpturen an (Stabilé II, um 1948). Von Anfang an zeigte sich in seinem Werk der Einfluss von Alexander Calder, Wassily Kandinsky, Kasimir Malewitsch.
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1952 zog das Paar nach Paris, wo zwei Jahre später eine erste Ausstellung von Tinguelys Werken in der Galerie Arnaud stattfand. Er stellte auch in Mailand und Stockholm aus und traf den Kunstkritiker Pontus Hultén. Bereits 1955 mieteten Tinguely und Aeppli eine große Werkstatt in der Künstlersiedlung Impasse Ronsin in Montparnasse. Dort entwarf der Künstler mit den Méta-mécaniques einige seiner schönsten Arbeiten. Die ersten Maschinen – meist Reliefs – zeugen von dem Geist, mit dem er alle seine Modelle entwickelte: Zusammenbauten gewöhnlicher Gegenstände, die meist mit einem Elektromotor zum Leben erweckt wurden. Im Gegensatz zu Leonardo da Vincis Maschinen sind Tinguelys „Anti-Maschinen“ jedoch bewusst unvollkommen: degradiert, laut, unkontrollierbar. Sie sind geradezu nutzlos (oder eher unbrauchbar) und ausschließlich der Befreiung von Bewegung und Energie gewidmet.
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1955 nahm Tinguely an der ersten Ausstellung kinetischer Kunst in der Galerie Denise René teil. Ebenfalls zu sehen waren dort Werke von Alexander Calder, Marcel Duchamp und Victor Vasarely. 1959 begann Tinguely die Arbeit an seiner Méta-Matics-Serie. Dabei handelte es sich um mechanische Skulpturen, die mit Benzin betrieben wurden und sich fortbewegten, wobei sie auf auf dem Boden ausgelegten Papierbahnen zeichneten. Mehrere Modelle wurden in der Galerie Iris Clert ausgestellt, während eine monumentale Version auf der ersten Biennale de Paris vor den erstaunten Augen eines Publikums präsentiert wurde, zu dem auch der Schriftsteller und Politiker André Malreaux gehörte.
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1960 ließen sich Tinguely und Aeppli scheiden, und Tinguely lernte Niki de Saint Phalle kennen, die später seine zweite Ehefrau wurde. In dieser Zeit stand er in Kontakt mit Daniel Spoerri, Yves Klein und Pierre Restany und gemeinsam schufen sie das Manifest des Nouveau Réalisme. Nach 1960 nahmen seine Kreationen eine selbstzerstörerische Wendung. In New York präsentierte er eine Skulptur aus Abfall, die direkt in den Gärten des MoMA, New York, zerfiel. "Sie war ein großartiges Kunstwerk“, sagte der Künstler. "Sie war verschwunden, sie hatte sich in sich verkehrt, sie hatte keinen Sinn, sie wurde reiner Geist."
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Als Tinguely aus den USA zurückkehrte, begann für ihn eine neue Schaffensphase. Seine Maschinen wurden lauter und metallischer, und er entwarf weitere selbstzerstörerische Installationen wie Étude Pour une Fin du Monde No.1 (1961) und No.2 (1962). Dieser Reihe folgten Baluba in Zoomorphic Drums (1962) und Heureka (1964) – Oden an eine Art der Bewegung, die den Künstler faszinierte.
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Tinguelys Maschinen erreichten bald beeindruckende Dimensionen: Requiem for a Dead Leaf (1967) maß 11 × 3 Meter. In Fantastic Paradise (1967) traten Tinguelys Kreationen gegen Niki de Saint Phalles Nanas an. Allmählich schien der Humor einem sanften Spott zu weichen. Die sinn- und ziellose Bewegung der Skulpturen wurde zum Echo von Eitelkeit und der Vergeblichkeit des menschlichen Handelns. Dennoch blieben die Skulpturen monumental, wie z. B. Chaos No.1 (1973). Pharaonische Projekte wurden erdacht, die jedoch nie das Licht der Welt erblicken sollten, wie zum Beispiel der 110 Meter hohe Lunatour – Labyrinthe dynamique. Jede Installation erforderte, genau wie eine echte Baustelle, eine tagelange Montage und endlos viel Material.
Sie war verschwunden, sie hatte sich in sich verkehrt, sie hatte keinen Sinn, sie wurde reiner Geist.
1969 erwarb Tinguely ein Grundstück in Milly-la-Forêt im Südosten der Île-de-France, wo er einen 22 Meter hohen Zyklopenkopf, in dem man spazieren gehen konnte, zu installieren begann. 1977 präsentierte er anlässlich der Einweihung des Centre Pompidou in Paris das berühmte Crocrodrome de Zig et Puce. Bei Arbeiten waren Gemeinschaftswerke, an denen weitere Künstlerinnen und Künstler wie Niki de Saint Phalle, Daniel Spoerri und Bernhard Luginbühl beteiligt gewesen waren. 1978 entwarf Jean Tinguely seine ersten Méta-Harmonies – Maschinen, die weder Musik noch Geräusche, sondern Klänge produzieren. Ab 1979 war er auch Teil von Niki de Saint Phalles berühmtem Tarotgarten in der Toskana.
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Seine Strukturen der 1980er Jahre nahmen eine dunklere Wendung, indem er beispielsweise Tierknochen verwendete. 1987 entwarf er die Grosse Méta Maxi-Maxi Utopia für die ihm gewidmete Retrospektive im Palazzo Grassi in Venedig. Die makabere Installationsreihe Mengele Totentheater (1986) vervollständigte diesen düsteren und doch großartigen Zyklus. 1988 eröffnet er mit dem Torpedo Institut in der Schweiz ein Museum in einer 3.000 m² großen Fabrikhalle. Dieses "Antimuseum" mit eigenen Regeln diente als Arbeits- und Ausstellungsfläche gleichermaßen und kann als selbstständiges Kunstwerk betrachtet wurden. Entgegen dem letzten Willen Tinguelys wurde das Institut nach seinem Tod – er starb am 30. August 1991 in Bern – geschlossen.
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Viele Werke Jean Tinguelys sind heute besonders begehrt. 2014 wurde seine Uhr Swiss made (1955) bei Christie’s für 457.500 Euro verkauft. Formes mouvementées (1954-55) aus der Meta-Malevich-Serie erzielte 2015 bei Sotheby’s 485.000 GBP. Sein noch immer gültiger Auktionsrekord wurde 2008 bei Sotheby's in London aufgestellt, als Métamatic No. 7 (1959) für 1.049.250 GBP versteigert wurde.
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