Wie Sofonisba Anguissola und Artemisia Gentileschi gehört Livia Fontana jenem Kreis der in Vergessenheit geratenen großen Malerinnen an, die endlich ihr verdientes Comeback feiern.
Lavinia Fontana, eine späte Vertreterin des Manierismus, erblickte 1552 in Bologna das Licht der Welt. Die Leidenschaft für die Kunst erbte sie von ihrem ebenfalls malenden Vater Prospero, der mit Giorgio Vasari an zahlreichen Projekten zusammengearbeitet hatte. Über ihn kam die junge Lavinia mit vielen bedeutenden Künstlern in Kontakt. Als professionelle Malerin zu arbeiten, war im 16. Jahrhundert kein Kinderspiel. Doch hatte Lavinia Fontana das Glück nicht nur einen Vater zu haben, der sie förderte, sondern mit dem Maler Paolo Zappi auch einen Mann zu heiraten, der einen ungewöhnlichen Ehevertrag akzeptierte. Laut diesem durfte Fontana ihre Karriere als Malerin fortsetzen, während Paolo die Rolle ihres Agenten annahm.
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Als Porträtmalerin erlangte Fontana sofort einen gewissen Ruhm, da sie die Fähigkeit besaß, Kleider und Frisuren mit großer Detailgenauigkeit wiederzugeben. Sie beschränkte sich jedoch nicht nur auf dieses Genre, sondern malte auch religiöse und mythologische Themen. Insgesamt ist über die Kunst Lavinia Fontanas jedoch nur wenig bekannt, ein Umstand, den sie mit Artemisia Gentileschi, Sofonisba Anguissola, Elisabetta Sirani und zahlreichen weiteren Kolleginnen in ihrer Heimat Italien und im Ausland teilt.
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Zu ihren Lebzeiten genoss Fontana jedoch großen Ruhm, der vor allem in Rom enorme Dimensionen annahm, als sie von Papst Gregor XIII. berufen wurde. Für den päpstlichen Hof, dem auch Diplomaten und Aristokraten angehörte, schuf sie zahlreiche Altarbilder und andere Werke, sodass sie den Spitznamen „Päpstliche Malerin“ erhielt.
Fontanas Können und ihr Ruhm führten dazu, dass die Damen Roms sich darum rissen, von der Malerin verewigt zu werden. Auch ihre Kinder wollten sie von ihrer talentierten Geschlechtsgenossin gerne malen lassen. Doch hatte Fontana neben Papst Gregor XIII. auch weitere männliche Bewunderer, allen voran den spanischen König Philipp II.

Die Kinderporträts Fontanas zeichneten sich nicht durch die präzise Wiedergabe von Juwelen und edlen Stoffen aus, sondern durch eine an mütterliche Zärtlichkeit erinnernde Darstellungsweise. In diesem Zusammenhang muss auf das Porträt der Antonietta („Tognina“) Gonsalvus (oder Gonzales) hingewiesen werden, ein Mädchen, das an Hypertrichose litt. Entgegen ihren Mitmenschen, die das junge Mädchen eher als Tier denn als Mensch betrachteten, malte Fontana ein liebevolles Porträt mit einer aufrichtigen emotionalen Beteiligung, die keineswegs morbide ist.

Aus heutiger Sicht etwas morbide sind jedoch jene Porträts, die Fontana von toten Kindern malte. Tatsächlich war es damals in höheren Kreisen üblich, früh verstorbene Kinder porträtieren zu lassen, um sie so in Erinnerung zu behalten. Ein Beispiel hierfür ist ein Porträt, das Fontana von Antonia Ghini malte, die sehr jung an den Pocken gestorben war.
Ebenfalls hervorzuheben ist, dass Lavinia Fontana vermutlich die erste Malerin war, die weibliche Akte malte und dies auch noch nach lebenden Modellen tat. Allgemein war man damals der Ansicht, dass Akte die Gemüter von Frauen zu sehr in Aufruhr versetzen würden.
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Eines der berühmtesten Werke Fontanas stellt Minerva beim Ankleiden dar und ist heute Teil der Sammlung der Villa Borghese in Rom. Das Gemälde, das auch als Fontanas künstlerisches Vermächtnis betrachtet wird, wendet die nackte Göttin ihren Blick dem Betrachter zu, während sie sich anschickt, ein Gewand anzuziehen. Tatsächlich wurde Nacktheit damals mit der Idee der Reinheit in Verbindung gebracht. Ein gutes Beispiel dafür ist Tizians Werk Himmlische und irdische Liebe, das die weitestgehend entblößte himmlische Liebe der aufwendig gekleideten irdischen Liebe gegenüberstellt.
Neben ihrer bemerkenswerten Karriere hat Lavinia Fontana auch noch elf Kinder zur Welt gebracht (von denen jedoch nur drei überlebten) und es geschafft, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen. Sie blieb die Brötchenverdienerin des Haushalts und gründete zudem eine eigene Werkstatt.
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Lavinia Fontana war nicht nur bei ihren zahlreichen Auftraggebern hoch angesehen, sondern auch bei ihren Künstlerkollegen, die anlässlich ihres 60. Geburtstags eine Gedenkmedaille prägen ließen. Auch wurde sie in die Lukas-Akademie aufgenommen.
Dennoch wurde Fontana gegen Ende ihres Lebens von einer mysteriösen Krise heimgesucht, durch die sie sich 1613 in ein Kloster zurückzog – nachdem sie das Gemälde Minerva kleidet sich an fertig gestellt hatte. Lavinia Fontana, die ein umfangreiches Œuvre hinterließ und ihrer Zeit weit voraus war, starb im Jahr darauf in Rom, wo ihr die Ehre zuteil wurde, in der ehrwürdigen Kirche Santa Maria sopra Minerva ihre letzte Ruhe zu finden.
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