Memphis' Rückkehr: Ein visuelles Handbuch der 80er

1981 gründete der brillante Ettore Sottsass die Memphis Group in Mailand. Es war eine Erfahrung, die schnell die ästhetischen Gesetze einer ganzen Dekade diktierte. Heute erfahren die eklektischen, bunten und kitschigen Möbelstücke ihr Comeback.

Eine Sammlung mit Memphis-Objekten | Foto: Zanone via Wikimedia Commons
Eine Sammlung mit Memphis-Objekten | Foto: Zanone via Wikimedia Commons

Auch Mailand ist im Winer grau, kalt und nebelig. Daher war es bestimmt kein Zufall, dass sich Ettore Sottsass an einem Abend im Dezember mit den Designern Lucchi, Cibic, Thun, Zanini und Bedin zusammensetzte. Das Ziel dieses Treffens ging weit über ein normales Abendessen mit Freunden hinaus: Die Designer wollten eine Bewegung schaffen, die sich gegen den Status Quo des modernen Designs auflehnen sollte. Im Klartext bedeutetes das, den Minimalismus, die Funktionalität und Nüchternheit mithilfe von plakativem Design in den leuchtenden Farben der Pop Art, den extravaganten Formen des Art déco und des Kitschs der 1950er Jahre zu überwinden.

Die Gespräche der Gruppe wurden an einem anderen Abend von Stuck Inside of Mobile with the Memphis Blues von Bob Dylan untermalt. Als es schließlich darum ging, der Gruppe einen Namen zu geben, schlug Ettore Sottsass "Memphis" vor, nach der Stadt in Tennessee, die Geburtsort von Musikgrößen wie BB King, Johnny Cash und Elvis Presley bekannt ist, aber auch nach der Stadt im Alten Ägypten, die ihren Namen vom Schutzgott der Handwerker und Architekten erhalten hatte.

Eine Sammlung mit Memphis-Objekten | Foto: Zanone via Wikimedia Commons
Eine Sammlung mit Memphis-Objekten | Foto: Zanone via Wikimedia Commons

Zur Überraschung ihrer Gründer wurde die Memphis Group von Designern auf der ganzen Welt enthusiastisch begrüßt, und zwar in einem solchen Ausmaß, dass viele der 40 Designer, die 1981 für eine Ausstellung im Mailänder Salone del Mobile mit der Gruppe kollaborierten, aus dem Ausland kamen: Nathalie du Pasquier aus Frankreich, Michael Graves aus den Vereinigten Staaten, Hans Hollein aus Deutschland, Shiro Kuramata aus Japan. Es wurde deutlich, das diese Ästhetik nicht nur mit Italien verbunden war.

Der Erfolg vom Memphis war enorm, was Alberto Bianchi Albrici, Eigentümer des Memphis Studios seit Mitte der 1990er Jahre, wie folgt erklärte: "Memphis brach mit allem bisher Dagewesenen." Tatsächlich gab es bei der Eröffnung der Ausstellung beim Salone del Mobile einen enormen Andrang. Martine Bedin erinnert sich: "Als wir ankamen, herrschte ein dichtes Gedränge und Ettore dachte, es müsse sich um einen Terroranschlag handeln. Kurz darauf erfuhren wir jedoch, dass die Leute alle wegen uns dort waren."

Blick in die "Bowie / Collector’"-Ausstellung, die der Versteigerung der Sammlung David Bowies 2016 vorausging. Der Sänger besaß auch Stücke der Memphis Group, darunter den Stuhl "First" von Michele De Lucchi | Foto: Sotheby's
Blick in die "Bowie / Collector’"-Ausstellung, die der Versteigerung der Sammlung David Bowies 2016 vorausging. Der Sänger besaß auch Stücke der Memphis Group, darunter den Stuhl "First" von Michele De Lucchi | Foto: Sotheby's

Die 56 Stücke der ersten Kollektion (Lampen, Stoffe, Möbel) waren bunt, übertrieben und beinahe kitschig. Gegen alle Gesetze des modernen Designs eines Mies van der Rohe aufbegehrend, hatte die Memphis Group eines der ersten Beispiele der Postmoderne geschaffen: Funktionalität rückte in den Hintergrund zugunsten von visueller Übertreibung. Die verwendeten Materialien (wie beispielsweise Plastiklaminat oder venezianisches Terrazzo) waren eher minderwertig. Als ironische Anspielung auf klassische Eleganz und Modernität, erhielten die Stücke die Namen der luxuriösesten Hotels der Welt: Bücherregal Carlton, Kabinett Casablanca oder der Tisch Plaza.

Karl Lagerfeld umgeben von Memphis-Möbeln | Foto via The Cut
Karl Lagerfeld umgeben von Memphis-Möbeln | Foto via The Cut

Viele berühmte Leute verliebten sich in die Möbel der Memphis Group. Zu den größten Enthusiasten zählten David Bowie und Karl Lagerfeld, deren Sammlungen 2016 bzw. 1991 bei Sotheby's versteigert wurden. Der Erfolg der Memphis-Designs bedeutete jedoch nicht nur den kommerziellen Erfolg für seine Kreateure, vielmehr definierte er die Ästhetik der 1980er Jahre.

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Durch die Designs der Memphis Group entwickelte sich die Ästhetik der 1980er Jahre zu einem Gemisch aus leuchtenden Farben, bizarren Mustern, geometrischen Formen und Kitsch. Das erste MTV-Logo und Szenen aus Zurück in die Zukunft sind nur zwei Beispiele für den Einfluss des Memphis-Stils auf die Popkultur.

Dennoch löste sich die Gruppe 1988 auf. Sottsass war bereits drei Jahre zuvor eigene Wege gegangen, da er befürchtete, Memphis könne ihn für den Rest seines Lebens zu sehr beeinflussen: "Es war ein Phänomen, das aus den kulturellen und politischen Umständen hervorgebracht worden war - Umstände, die es heute nicht mehr gibt. Alles sollte zu seiner Zeit geschehen und enden, wenn die richtige Zeit vorbei ist. Das genügt."

Stücke aus der American Apparel x Nathalie du Pasquier-Kollektion von 2014 | Foto: Pattern People
Stücke aus der American Apparel x Nathalie du Pasquier-Kollektion von 2014 | Foto: Pattern People

Trotz ihrer kurzen Lebensdauer, hat der Einfluss der Gruppe nie wirklich aufgehört zu existieren. Abgesehen von den 1990er Jahren war das Interesse an Memphis eher groß gewesen. Beispielsweise verwendete das Modelabel Miu Miu Muster von Nathalie du Pasquier für seine Frühjahr/Sommer-Kollektion 2005. Noch deutlicher kehrte die Memphis Group jedoch in den letzten Jahren ins Rampenlicht zurück - dank des steigenden Interesses an italienischem Design und der Neubegeisterung für die 1980er Jahre.

Links: Bücherregal "Carlton" von Ettore Sottsass, 1981 | Foto: Artcurial || Rechts oben: Tisch "Kristall" von Michele De Lucchi, 1981 | Foto: Bruun Rasmussen || Rechts unten: Lampe "Super" von Martine Bedin, 1981 | Foto: 1stdbs.com
Links: Bücherregal "Carlton" von Ettore Sottsass, 1981 | Foto: Artcurial || Rechts oben: Tisch "Kristall" von Michele De Lucchi, 1981 | Foto: Bruun Rasmussen || Rechts unten: Lampe "Super" von Martine Bedin, 1981 | Foto: 1stdbs.com

Dieses Interesse wird auch durch Auktionen bestätigt, bei denen die Rekordpreise für Gio Ponti mit solchen für Stücke von Ettore Sottsass und seinen Teamkollegen Hand in Hand gehen.

Die "Plastic Field"-Ausstellung bei der Berengo Foundation in Venedig zollte der Memphis Group Tribut | Foto: Diffusione Design
Die "Plastic Field"-Ausstellung bei der Berengo Foundation in Venedig zollte der Memphis Group Tribut | Foto: Diffusione Design

Da der Trend heute eindeutig wieder in Richtung Maximalismus geht, kann man davon ausgehen, dass die Farbe- und Musterrevolution der Memphis Group zurückgekehrt ist, um zu bleiben.

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