Wie bedeutsam die Erfindung des Buchdrucks war, wird am Beispiel einer bestimmten Fachliteratur deutlich, die sich mit einem zentralen Punkt unseres Daseins beschäftigt: der Aufnahme von Nahrung. Kochbücher sind in heutigen Buchhandlungen omnipräsent. Egal, für welche Landesküche oder Ernährungsweise man sich interessiert, ein passendes literarisches Werk ist sicherlich zu finden. Auch so mancher (Fernseh-)Koch nutzt die gebundene Form der Rezeptsammlung gerne, um sich etwas dazuzuverdienen.
Bei dem frühesten bekannten literarischen Werk, das Rezepte für Speisen enthält, handelt es sich um die Yale Culinary Tablets, drei in Mesopotamien gefundene Tontafeln, deren Keilschifttexte in Akkadischer Sprache insgesamt 35 Rezepte umfassen, die einen interessanten Einblick in Art der Speisen gewähren, die damals, ca. 1750 v. Chr., in der Region von fähigen Köchen zubereitet und von den höheren Gesellschaftsschichten gegessen wurden. Als ältestes Kochbuch im eigentlichen Sinne gilt das vor 3.500 Jahren in Sanskrit verfasste Vasavarajeyam aus Indien, das rein vegetarische Rezepte einhält.
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In Europa sind es die mannigfaltigen Gaumenfreuden nicht abgeneigten Römer, die uns mit De re coquinaria („Über die Kochkunst“) das früheste und noch erhaltene Kochbuch hinterlassen haben. Ein Feinschmecker namens Caelius Apicius soll es im 3. oder 4. Jahrhundert verfasst haben, wobei diese Angabe anzuzweifeln ist. Die ältesten erhaltenen Ausgaben sind zwei karolingische Handschriften, die heute in den Bibliotheken des Vatikans und der New York Academy of Medicine aufbewahrt werden.

Wie es bei den mesopotamischen Tontafeln der Fall war, richtete sich auch De re coquinaria an professionelle Köche, die Speisen für die Oberschicht zubereiteten. Auch aus dem Mittelalter sind handgeschriebene Rezeptsammlungen bekannt, die darauf ausgelegt sind. Auch sind sie oft Teil eines umfangreicheren Werks zur Haushaltung allgemein oder kombiniert mit medizinischen Ratgebern. Das ist nicht verwunderlich, wurde der richtigen Ernährung damals doch viel mehr als in der heutigen, von moderner Medizin geprägten Zeit eine heilende Wirkung zugeschrieben. Allerdings ist das Rezept auch heute noch sowohl in der Küche, als auch in der Arztpraxis zu finden.
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Anfang des 14. Jahrhunderts erschienen in Frankreich Liber de Coquina („Buch von der Küche“) und Le Viandier in lateinischer bzw. französischer Sprache. Um 1350 wurde in Würzburg auf Deutsch das Bůch von gůter spîse als Teil des Hausbuchs des Michael de Leone niedergeschrieben. Unbedingt erwähnenswert ist hier auch Ménagier de Paris aus dem späten 14. Jahrhundert, in dem ein älterer Mann des Bürgertums seiner erst 15 Jahre alten Ehefrau umfassende Tipps für die Führung eines Haushalts gibt, inklusive Kochrezepten. Um 1390 schrieben die Köche des englischen Königs Richard III. ihre Rezepte in ihrer Landessprache in Forme of Cury auf. Namentlich bekannt ist schließlich der Verfasser von Du fait de cuisine (ab 1420): Chiquart, seines Zeichens Koch am Hof von Herzog Amadeus III. von Savoyen.
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Wie beliebt Rezeptsammlungen und Kochbücher schon damals gewesen waren, lässt sich auch daran erkennen, dass sie mit zu den ersten literarischen Werken gehörten, die in gedruckter Form veröffentlicht wurden. Das erste gedruckte Kochbuch hieß De honesta voluptate et valetudine („Von der anständigen Wollüstigkeit und Gesundheit“) und erschien 1474 in Venedig. Im Jahr darauf folgte ein weiterer Druck in Rom, nachdem der Verfasser, der Humanist Bartolomeo Platina, zum ersten Bibliothekar der Biblioteca Apostolica Vaticana ernannt worden war. Platinas Werk erwies sich als beliebt und wurde später auch ins Italienische, Französische und Deutsche („Von allen Speisen und Gerichten, Koch und Kellerey“) übersetzt und mehrfach neu aufgelegt. 1496 wurde auch vom damals bereits fast 200 Jahre alten Werk Le Viandier in Paris erstmals eine gedruckte Version veröffentlicht.
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Das zweite gedruckte Kochbuch erschien am 10. November 1485 in Nürnberg und entstammte der Presse eines Druckers namens Peter Wagner. Die Kuchen Maysterey (oder auch Kuchemaistrey) umfasst nur 32 Seiten, die allerdings einen interessanten Einblick an den Speiseplan der wohlhabenden Nürnberger Kaufleute gewähren, die durch den Orienthandel zu Reichtum gekommen waren. Zu diesen Waren gehörten natürlich auch Gewürze, was die Kuchen Maysterey widerspiegelt, die Rezepte für bunt gefärbte Mehlspeisen, Bratenfüllungen, Krebse, Pasteten oder auch Bieberschwanz umfasst.

Wer der Urheber der Rezepte der Kuchen Maysterey war ist unbekannt. Peter Wagner lag wohl lediglich eine Handschrift mit Zubereitungsanweisungen eines schwäbischen Küchenmeisters vor, der ein absoluter Fachmann auf seinem Gebiet gewesen sein muss. Eine Ausbildung des Meisters in einer höfischen Umgebung machen Rezepte wie gefärbte Saucen oder vergoldete Mandeln wahrscheinlich. Ebenso deuten sie bereits auf die Prunktafeln der in ihren Anfängen stehen Renaissance hin. Die Rezepte Kuchen Maysterey fanden lange eine allgemeine Zustimmung, was daran zu erkennen ist, dass das Buch bis ins späte 17. Jahrhundert an unterschiedlichen Orten immer wieder nachgedruckt wurde.
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Der Weg zum Kochbuch, wie wir es heute kennen, war noch sehr lang. Eine Grundvorraussetzung für die Verbreitung abseits der Küchen von Berufsköchen war die zunehmende Alphabetisierung und die sinkenden Preise für Druckwerke, wodurch es immer mehr Menschen möglich wurde, literarische Werke zu Rate zu ziehen. Kochbücher mit genauen Temperatur- und Mengenangaben, die es selbst dem ungeübtesten Laien ermöglichen (sollen), ein anständiges Gericht auf den Tisch zu bringen, gibt es erst seit dem 20. Jahrhundert.
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Im 21. Jahrhundert hat das klassische Kochbuch starke Konkurrenz durch das Internet bekommen, das eine schier endlose Auswahl an Rezepten und mehr oder weniger professionelle Laien-Köche im Videoformat zu bieten hat. Doch den Zauber eines richtigen Kochbuchs, bei dessen Durchblättern einem schon das Wasser im Mund zusammenläuft, kann ein Smartphone oder Computer sicherlich nicht vermitteln.




