Im Zuge der Bewertung des Besitzes einer Familie aus dem französischen Département Marne stieß Auktionator Antoine Petit im Januar auf ein ovales Leinwandwerk von 45,8 x 57 cm, das sofort seine volle Aufmerksamkeit erregte. Hoch oben an einer Wand im Wohnzimmer aufgehängt, verfügte dieses Gemälde eindeutig über einen „fachmännischen Touch“. Eine kaum Lesbare Inschrift auf der Rückseite des Rahmens verstärkte diesen Eindruck noch: Der Name „Fragonard“, ein Historien- und Genremaler, der als einer der Hauptvertreter des französischen Rokoko gilt, war direkt in das Holz geschnitzt worden.
Die Mitarbeiter der Firma Turquin, der die Analyse des Gemäldes anvertraut worden war, bestätigten seine Authentizität und zeigten sich begeistert, sowohl was die Wiederentdeckung betraf, als auch die „brillante Ausführung“ und das Thema an sich. „Es ist der Höhepunkt der französischen Malerei des 18. Jahrhunderts“, kommentierte Experte Eric Turquin den Fund.
Lesen Sie auch: Antoine Watteau: Einschiffung zum Rokoko

Am 26. Juni wurde Fragonards Gemälde bei Enchères Champagne mit einem Schätzpreis von 1,5-2 Millionen Euro angeboten. Der Schätzpreis war schnell überboten und der Hammer fiel schließlich bei 6,3 Millionen Euro (7,7 Millionen Euro inkl. Aufgeld). Das Rennen machte ein Privatsammler, der sieben weitere Bieter ausstechen konnte. Alle hatten telefonisch an der Auktion teilgenommen.
Lesen Sie auch: 5 Kunst-Fakten über Madame du Barry
Das seltene Gemälde entstand um 1768-70, Fragonards „virtuosester“ Zeit. Dargestellt ist ein bärtiger Philosoph fortgeschrittenen Alters, wie er mehrfach in Fragonards Œuvre zu sehen ist, auch wenn es die weiblichen Figuren und amourösen Sujets waren, die den Maler berühmt gemacht hatten. Zu jener Zeit interessierte sich Fragonard, der selbst auf die Vierzig zuging, stark für die Figur des reifen Mannes und die Tradition ihrer Darstellung in der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts. Insgesamt sind von Fragonard neun Porträts dieser Art bekannt, zu denen nun auch das vorliegende Werk hinzugefügt werden kann.
Das Gemälde war seit dem 18. Jahrhundert in derselben aristokratischen Familie von Generation zu Generation weitervererbt worden, ohne, dass sich jemand wirklich dafür interessiert hätte. In keinem Testament wurde es erwähnt und auch die Zuschreibung geriet in Vergessenheit. Ein Zustand, den erst Antoine Petits geschultes Auge beendete.
Lesen Sie auch: Die anhaltende Anziehungskraft der Alten Meister

Die letzte Erwähnung des Gemäldes stammt aus dem Jahr 1779, als es mit weiteren Werken Fragonards bei einer Auktion „in Gent“ angeboten wurde. Beschrieben wurde es als ovales Leinwandgemälde, das „einen Philosophen mit kahlem Kopf, weißen Bart und einem aufgeschlagenem Buch darstellt“, wusste man bei Eric Turquin zu berichten. „Werke, die in jener Zeit ausgeführt wurden, werden auf dem Auktionsmarkt nur sehr selten angeboten und sind die bei den heutigen Käufern die gefragtesten.“
In den letzten Jahren sind in Frankreich viele alte Gemälde wiederentdeckt worden. Fragonards Philosoph fügt sich nun ein in diese Reihe, die Werke von José de Ribera, Cimabue, Eugène Delacroix, Artemisia Gentileschi und Caravaggio umfasst. Die Wiederentdeckung alter Gemälde stärkt deren Anteil am Kunstmarkt und weckt jedes Mal das Interesse der Sammler.
Weitere Neuigkeiten vom Auktionsmarkt finden Sie im Barnebys Magazin.

