Anlässlich des 150. Geburtstags der bedeutenden Pionierin des Expressionismus, Paula Modersohn-Becker, betrachten wir deren außergewöhnliches, doch leider viel zu kurzes Leben anhand der folgenden fünf Fakten:
1. Sie sollte Gouvernante werden
Minna Hermine Paula Becker wird am 8. Februar 1876 in Dresden in eine Familie hineingeboren, in der Kunst, Musik und Literatur eine große Rolle spielten. Nach dem Umzug der Beckers nach Bremen im Jahr 1888 richtet sich Paula im neuen Wohnhaus ein kleines Atelier ein. Obwohl sie während eines mehrmonatigen Aufenthalts in England eine Kunstschule besucht, soll sie gemäß dem Wunsch ihrer Eltern den Karriereweg einer Gouvernante einschlagen, denn im Gegensatz zu einem Dasein als Künstlerin gilt der Lehrerinnenberuf für ein Mädchen aus gutbürgerlichem Hause als annehmbar und moralisch unbedenklich. Von daher besucht sie das Lehrerinnenseminar in Bremen und schließt die dortige Ausbildung im September 1895 erfolgreich ab. Doch kann Paula sich anschließend nicht dazu durchringen, tatsächlich als Lehrerin zu arbeiten – der Ruf der Kunst ist einfach zu stark. Stattdessen nimmt sie im Oktober 1896 ein Studium an der Zeichen- und Malschule des Vereins der Berliner Künstlerinnen und Kunstfreundinnen auf, das sie im Mai 1898 erfolgreich beendet.
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2. Worpswede war ihr Inspirationsort
Paula besucht regelmäßig Ausstellungen und Museen, wobei es neben Alten Meistern wie Rembrandt und Dürer vor allem die Vertreter moderner Kunstströmungen sind, für die sie sich begeistern kann. Im April 1895 sieht sie in einer Ausstellung in Bremen erstmals Werke von Künstlern aus Worpswede, die sich in dem im Teufelsmoor gelegenen Dorf zu einer Künstlerkolonie zusammengeschlossen haben, um nach dem Vorbild der Schule von Barbizon eine von den akademischen Richtlinien unabhängige Kunst zu schaffen. Paula gefällt das Gesamtkonzept und begeistert sich besonders für die Gemälde von Fritz Mackensen und ihres späteren Ehemannes Otto Modersohn. Worpsweder Boden betritt sie schließlich erstmals im Sommer 1897, als sie gemeinsam mit ihren Eltern einen Ausflug dorthin unternimmt. Eine Erbschaft von 600 Mark sowie eine kleine Rente, die sie über drei Jahre von Verwandten erhält, ermöglichen es ihr, im September des darauffolgenden Jahres in die Künstlerkolonie überzusiedeln, wo sie von Mackensen unterrichtet wird. Die Landschaft, das Licht und die bäuerliche Bevölkerung inspirieren sie und werden ihre wiederkehrenden Motive.
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3. Ihre große Liebe hieß Paris
Obwohl Paula in Worpswede ein inspirierendes Umfeld vorfindet, ist es ein anderer Ort, der sie magisch anzieht: Paris, das nicht nur die Hauptstadt Frankreichs, sondern auch die Hauptstadt der Kunst-Avantgarde Europas ist. Von dieser will sie lernen, spürt sie doch, dass der naturalistische Stil der Worpsweder Künstler ihr selbst nicht genug ist. In der Neujahrsnacht 1900 ist es schließlich soweit und sie reist in die Metropole an der Seine. Dort besucht sie die Académie Colarossi (und gewinnt einen internen Semester-Wettbewerb), nimmt Anatomiestunden an der École des Beaux-Arts, zeichnet Gemälde und Skulpturen im Louvre und entdeckt beim Kunsthändler Vollard einen Künstler, der sie stark beeinflussen soll: Paul Cézanne. Während ihres zweiten Parisaufenthalts im Frühjahr 1903 (sie ist mittlerweile mit Otto Modersohn verheiratet) begeistert sie sich für japanische Holzschnitte und die spätantiken Fayum-Porträts auf ägyptischen Sarkophagdeckeln. Zwei Jahre später zieht es sie erneut an die Seine, wo sie die Académie Julian besucht und Gauguin und die Nabis sowie Matisse und die Fauves für sich entdeckt. Von jedem ihrer Parisaufenthalte nimmt Paula inspirierende Elemente mit nach Worpswede, wo sie sie in ihren Werken in immer wieder neuen Bildformen umsetzt.
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4. Sie war mit Rilke befreundet
Der zentrale Treffpunkt der Künstler in Worpswede war der Barkenhoff, das Wohnhaus der Malers Heinrich Vogeler und dessen Frau Martha. Dort lernt Paula im Herbst 1900 den etwa gleichaltrigen Lyriker Rainer Maria Rilke kennen, den Vogeler zwei Jahre zuvor in Italien kennengelernt und nun nach Worpswede eingeladen hat. Während Rilke im Jahr darauf Paulas Freundin, die ebenfalls in Worpswede lebende Bildhauerin Clara Westhoff, heiratet, verbindet ihn mit Paula von Beginn an eine Freundschaft auf geistiger Ebene sowie der Wunsch nach einem freien Leben abseits bürgerlicher Erwartungen. So wie für Paula ist Paris der zentrale Ort in Rilkes Leben, wo er zeitweilig als Sekretär Auguste Rodins tätig ist. Auch wenn die beiden charakterlich sehr unterschiedlich sind, bewundert Rilke zunehmend Paulas entschlossenen Weg als Künstlerin und erkennt zudem die Einzigartigkeit in ihrem Schaffen, das er in der Nähe Vincent van Goghs einordnet.
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5. Ihr Traum von Unabhängigkeit blieb ein Traum
Zu Beginn des Jahres 1906 steht für Paula fest, dass sie in Paris leben möchte und dass das für sie die Trennung von Otto Modersohn bedeutet. In Paris macht sie die Bekanntschaft mit dem Bildhauer Bernhard Hoetger, der sich von ihrem Talent sehr begeistert zeigt, der ihr aber auch vor Augen führt, wie wenig wahrscheinlich es dennoch sein dürfte, dass sie als Künstlerin finanzielle Unabhängigkeit erreichen wird. Als Otto im Oktober nach Paris kommt, gibt sie ihren Plan auf. Zudem hat sie einen weiteren Wunsch, der sich bislang nicht erfüllt hat: sie möchte selbst Mutter werden (Stiefmutter für Ottos Tochter aus erster Ehe ist sie bereits). Nach der gemeinsamen Rückkehr nach Worpswede im März 1907 stellt sich heraus, dass Paula tatsächlich ein Kind erwartet. Sie freut sich zum einen, zum anderen bedauert sie es, aufgrund ihres Zustandes beim Malen zunehmend eingeschränkt zu sein. Am 2. November erblickt Tochter Mathilde das Licht der Welt, doch nur achtzehn Tage später stirbt Paula an einer Embolie.
Sie ging zu früh.
Sie hatte noch nicht alles hingelegt,
noch nicht ihr ganzes Leben ausgesagt.
Sie war noch nicht genug
in ihren Dingen.
aus: Rainer Maria Rilke, Requiem für eine Freundin (1908)
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Ausstellungstipps: Das Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen zeigt vom 8. Februar bis 13. September 2026 "Becoming Paula", das Albertinum in Dresden vom 8. Februar bis 31. Mai 2026 "Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch. Die großen Fragen des Lebens". Die Worpsweder Museen präsentieren vom 7. Februar bis 1. November 2026 die Gemeinschaftsausstellung "Impuls Paula"




